heft 0. sommer 2010

Liebe Usende,

wodurch Du gerade navigierst, ist unsere korrespondierende erste online Wortmeldung zu unserer Printzeitschrift, ein erstes Zeichen von Anwesenheit. Die auf dieser Zeitschrift-Website anwesenden Notizen kreisen um die Themenfelder Kunst-, Kultur- und Geisteswissenschaft. Es sind keine Notizen von in Jahren zu Ruhm gekommenen Vor- und Nachdenkern. Was Du hier liest, ist eigentlich verstaut in den Archiven der Universitäten und nimmt genau im Moment Deines Lesens eine Transformation vor: Es transformieren sich Seminararbeiten vom Schubladenmedium zu einem wissenschaftlichen Aufsatz.

Diese Ausgabe ist ein Pilot, was hier zusammengetragen wurde, sind Notizen aus einem kleinen Autorenkreis, der aus Redaktionsmitgliedern und Freunden besteht. Deshalb ist dies auch die Ausgabe Nr. 0. Anwesenheitsnotiz, das heißt auch für uns Anwesenheit bekunden, damit wir in der nächsten Ausgabe anderen Autoren und Autorinnen, mit einem fertigen Konzept begegnen können. Wir wollen Dir den möglichen Weg in Ruhe, was auch immer das in diesem Fall war, ebnen. Für die Ausgabe Nr. 1 möchte die Zeitschrift mehr. Wir wollen ein Archiv von Anwesenheitsnotizen sein. Die Zeitschrift möchte in sich Texte von Studierenden versammeln, die ihre Arbeiten nicht nur für einen Schein, sondern auch für sich und eine größere Leserschaft geschrieben haben.

Unser Ziel ist es, interessierten Autorinnen und Autoren ein Podium zu geben, das berücksichtigt, dass sie Studierende sind. Es geht nicht darum, bereits seine Linie gefunden oder alle Forschungsaspekte berücksichtigt zu haben, sondern darum, abseits der einschlägigen fachwissenschaftlichen Zeitschriften, den zukünftigen Autoren und Autorinnen ein Medium und ein Redaktionsteam anzubieten. Die anwesenden oder noch kommenden Notizen beschränken sich nicht auf ein Fachgebiet. Es sollen Notizen aus allen Disziplinen der Kunst-, Kultur- und Geisteswissenschaft zusammen kommen.

Die Möglichkeit, hier und in Zukunft Anwesenheit zu bekunden, interessante Notizen zu lesen und neue Perspektiven geboten zu bekommen, wäre ohne die Unterstützung eines engagierten Befürworterkreises nicht möglich gewesen. Unser Dank gilt der Ernst-Reuter-Gesellschaft der Freien Universität Berlin, die es uns durch ihre finanzielle Unterstützung ermöglichte, die Notizen in den Druck zu geben, und unserem wissenschaftlichen Beirat, für seine konstruktive Kritik und die investierte Zeit.

Eine Abwesenheitsnotiz wirst Du nicht bekommen.

Inhaltliches Vorwort

In unserer ersten Ausgabe loten wir verschiedene (Re-)Aktionspotentiale der Kunst aus – von ihrer gesellschaftlichen Funktion über ihre philosophischen Implikationen bis hin zu rein ästhetischen Dispositionen. Zwar stellt dabei jeder der hier versammelten Beiträge seine Fragen auf seine spezielle Weise. Doch ist letztlich allen gemein, dass ihnen die vorwiegend eigene Kunst-Rezeption den fruchtbaren Ausgangspunkt ihre philosophischen, ästhetischen, psychoanalytischen, politischen, kunst- und sozialgeschichtlichen Reflektionen liefert.

Den Anfang machen Marie Eggers kunst- und kulturwissenschaftliche Beobachtungen einer Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin. Ihr Aufsatz Ludwig Mies van der Rohe und Imi Knoebel beschäftigt sich dabei konkret mit der Ausstellung ZU HILFE, ZU HILFE… von Imi Knoebel im Sommer 2009 und versucht anhand raumtheoretischer Denkansätze diese Ausstellung in Zusammenhang mit der sie umgebenden Architektur Ludwig Mies van der Rohes zu interpretieren.

Ein weiteres besonderes Zusammenspiel, diesmal von bildender und literarischer Kunst, stellt Nele Solf mit Carlfriedrich Claus – ein Avantgardist in Annaberg vor. Hierbei liegt der Fokus auf der Frage nach den Rezeptionsmöglichkeiten für das künstlerische Werk von Carlfriedrich Claus, die gerade aus dem charakteristischen Verhältnis von Schrift und Bild erwächst. Die Autorin versucht sich dieser Frage zu nähern, indem sie auf die vielfältigen Anschlussmöglichkeiten verweist, die Claus’ Werk bietet und die es dem Betrachter ermöglichen, mit ihnen, im Sinne von Deleuze und Guattari „Maschine zu machen“. Zu diesem Zweck werden auch beispielhaft Verbindungen zu futuristischen und postmodernen Denkkonzepten aufgezeigt.

Mit Johanna Eggers Lieber nicht zum Ende kommen und Daniel Teufels Wüste, Wind und Wiederkehr folgen zwei Arbeiten, welche sich zwar „nur“ einem einzelnen literarischen Werk widmen, dabei jedoch in dessen philosophische Tiefe gehen. Egger beschäftig sich mit Herman Melvilles Erzählung Bartleby und deren gleichnamiger Titelfigur und analysiert dabei ihr höchst absonderliches Verhalten. Mithilfe der Philosophen Paul Ricoeur und Giorgio Agamben, versucht die Untersuchung herauszustellen, wie dieses Verhalten den menschlichen Seinsgewohnheiten entgegen läuft und welche Spannungsfelder sich dadurch zwischen der literarischen Erzählung und dem Gegenstand der Erzählung ergeben. Ähnlich nutzt auch Teufel den theoretischen Beistand der Philosophie, jedoch vor allem in Gestalt Friedrich Nietzsches und Gilles Deleuze‘, um mit ihrer Hilfe Rainer Maria Rilkes Stundenbuch zum Manifest einer postmodernen Pilgerschaft und tragischen Bejahung eines widersprüchlichen, unbeständigen und nomadischen Lebens zu ernennen.

Sowohl in unserem Ablauf als auch in seinen beiden Beiträgen selbst markiert Moritz Schumm einen Übergang von der Literatur zum Film. „Es wird keine Trauer geben“ versteht Jean-Luc Godards Romanadaption Le Mépris als ein Theorem, das im Scheitern unterschiedlichster Übertragungsversuche den Glauben an eine souveräne Verbindung zwischen Wahrnehmung und Realität in Frage stellt. Sollte dies zu einer Haltung der Verzweiflung führen, findet Godards Film im Erhabenen jedoch die Möglichkeit eines neuen Glaubens, der einen Weg aus der X-Beliebigkeit zu einem postmodernen Denken findet. Die zweite Arbeit „You will kindly remove your mask“ versucht die Qualität von Stanley Kubricks letztem Film, der Literaturverfilmung Eyes Wide Shut, gerade auch aus jener Enttäuschung, welche die Kritik ihm anlastet, zu begründen. Denn obwohl dieser Film durch die dargestellte Handlung immer weitere Auflösungen von Konventionen zu Gunsten dahinter verborgener Wünsche und Phantasien liefert, überträgt die Darstellung der Handlung dieses Aufbrechen direkt auf die Rezeption des Betrachters, der aus dem Dunkel des Zuschauerraums gezogen und mit seiner Erwartung und voyeuristischer Lust enttäuscht wird.

Daniel Teufels ein(-)teilen und ein(-)geteilt(-)werden leitet schließlich den theaterwissenschaftlichen Block unserer Beiträge ein. Teufel fragt hier anhand einer Aufführungs- und speziell Zuschaueranalyse zweier Opernabende, welche Rolle politisch-soziale Aspekte für den ästhetischen Genuss einer Oper spielen, und auch umgekehrt, welche Auswirkungen ihre Ästhetik auf ihre soziale Gemeinschaft hat?

Gleich zweimal (und mit ähnlich politischen Schwerpunkt) setzt sich Martin Lhotzky mit der Theaterarbeit Rene Polleschs auseinander. In seiner Ästhetik der Sichtbarkeit werden am Beispiel von zwei Inszenierungen die verwendeten visuellen Anspielungen analysiert und in einen produktiven Kontrast zum gesprochenen Text gebracht. Dabei werden Bildebenen freigelegt, die nicht nur repräsentieren, sondern auf das Theater als Raum von Diskursen aufmerksamen machen und mithilfe von Theorien zum Bild findet der Autor einen Zugang zu den Inszenierungen, der sich mit performativer Theorien allein nicht herstellen ließe.

In Politisches? Theater von René Pollesch stellt sich hingegen die Frage, wie „kollektive Gedächtnisseinhalte“ ( Jan und Aleida Assmann), also das Wissen einer kulturellen Gemeinschaft, welches teils reflektiert teils unreflektiert im Alltag verwendet wird, sich auf die Produktion und Rezeption von Theaterinszenierungen auswirkt. Diese wird an einer kurzen Szene aus René Polleschs L’affaire Martin! behandelt. In mehren Analyseschritten wird gezeigt wie in dieser Inszenierung das Band zwischen „kollektiven Gedächtnisinhalt“ und ontologischen Objekt reist bzw. irritiert werde könnte, so das ein neuer Gedächtnisinhalt zu einem semantisch bereits fest verankerten Objekt entsteht, oder diese Tatsache an sich sichtbar wird.

Einen kurzen Ausbruch aus diesen zeitgenössischen Theaterreflektionen liefert Nele Solfs Beitrag Out, vile jelly!, welcher sich mit der Darstellung von Gewalt in Shakespeares Drama King Lear und ihrer Aufführungsgeschichte beschäftigt. Dafür wird die Darstellungshistorie der besonders brutalen Blenddungszene untersucht und mit gängigen Interpretationsmodellen verglichen, wobei deutlich wird, dass die meisten Interpretationen auf Textanalysen beruhen und dabei die starke Bühnenwirkung der Szene vernachlässigen. Deutlich wird dabei auch, dass der (historische) Zuschauer, indem er Zeuge der Grausamkeit der Aufführung wird, zu einem ambivalenten Verhältnis zu Figuren und Handlung gelangt, das so nicht aus dem reinen Leseerlebnis entstehen kann.

Den Schluss unserer Untersuchungen markiert Daniel Teufel mit Das unkontrollierbare Schauspiel auf der stabilen Bühne. Hier wird die Tanzperformance Self Unfinished von Xavier Le Roy vor allem im Rahmen ihres tanzwissenschaftlichen Nachhalls kritisch darauf hin untersucht, inwieweit ein gehorsamer Körper, vor allem ein zum Tanzen streng erzogener, dem Körperkonzept des zeitgenössischen Tanzes widerspricht.

Schließlich und nachdem wir als x-wissenschafts Studenten über und von der Kunst ausgehend Theorien aufgestellt haben, erklärt uns der Tänzer und Choreograph Laurent Chetouane als ein Vertreter der Kunst-Praxis, welche Bedeutung Theorie und Wissenschaft für seine Arbeit hat.

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