Dominik Wurnig: Kulturelle Identität – eine kommunikationswissenschaftliche Untersuchung der Repräsentation der kulturellen Konstruktion Deutschlands und Frankreichs in der arte Sendung Karambolage.

Einleitung

In meiner Arbeit beschäftige ich mich mit der Repräsentation der französischen und deutschen Kultur in der wöchentlichen, cirka zwölfminütigen arte-Sendung Karambolage. Dort werden die Differenzen und Eigenheiten der jeweiligen Alltagskultur dargestellt, verglichen und ,aufs Korn genommen‘.

In meiner Untersuchung soll es darum gehen, ob und wie durch eine solche massenmediale Sendung die Nation als kulturelle Einheit konstruiert wird. Die Fernsehsendung Karambolage hat den Anspruch Interesse für das Andere zu wecken1. Ob das gelingt und inwiefern sie auch den Gegensatz zwischen dem Eigenen und dem Anderen überwinden kann, soll in der Arbeit untersucht werden.

In dieser interpretativen, kritischen Arbeit soll es darum gehen, das Thema der Identitätsproduktion anzusprechen und aufzuzeigen, welches Bild oder welche Idee von Kultur und kultureller Identität in der Sendung Karambolage vermittelt wird.

Es stellt sich die Frage, wie Karambolage mit den kulturellen Unterschieden zwischen Frankreich und Deutschland umgeht und ob die nationalstaatliche Kultur und Identität als einheitliche Konstante konstruiert wird. Meine Ausgangsthese lautet daher: Die Differenz zwischen den Nationen wird markiert und betont. Die französische bzw. deutsche Kultur wird als einheitlich präsentiert.

Ich werde zunächst versuchen das Forschungsobjekt zu beschreiben und meine Methode darzulegen. Im darauf folgenden Kapitel werde ich versuchen für die Analyse zentrale Begriffe wie Kultur, Identität und Stereotyp zu bestimmen. Im Kapitel zum (kommunikations-)theoretischen Hintergrund werde ich die Kommunikationstheorien der Cultural Studies und des Symbolischen Interaktionismus besprechen und aufeinander beziehen. Beide Theorien gehen von einem sozialen, kommunikativen Subjekt aus, dessen Umwelt kommunikativ konstruiert wird. Mit unterschiedlicher Akzentierung konzentrieren sich beide Ansätze auf die Komponente der Bedeutung und der Bedeutungskonstruktion in kommunikativen Akten. Die beiden Theorien eignen sich für eine kritische, genaue Untersuchung zur Herstellung von kultureller Identität  durch kommunikativ-massenmediale Produkte wie die Sendung Karambolage. Abschließend folgen der eigentliche Analyseteil und die Conclusio.

Forschungsobjekt

arte

arte ist ein deutsch-französischer, öffentlich-rechtlicher Fernsehsender, der von beiden Staaten gemeinsam betrieben wird und seit Mai 1992 Programm ohne Werbung sendet. Das Programm ist für ein deutsches und französisches Publikum konzipiert und wird in der jeweiligen Sprache ausgestrahlt. Die Pflege der deutsch-französischen Beziehungen, die immer als Pflege der westeuropäischen Beziehungen angesehen wird, ist schließlich zum Hauptzweck und -argument des Senders geworden.2

Im Gründungsvertrag wird arte dazu verpflichtet „Fernsehsendungen zu konzipieren, gestalten und […] auszustrahlen […], die geeignet sind, das Verständnis und die Annäherung der Völker in Europa zu fördern“3. Laut der Selbstdarstellung soll arte als „gemeinsames Fernsehprogramm dazu beitragen, Deutsche und Franzosen [!] über die Kultur einander näher zu bringen und die kulturelle Integration Europas zu fördern“4.

Bei der Gründung des Senders arte rangen die französische und die deutsche Seite um einen gemeinsamen Kulturbegriff. Der Sender war zunächst als Spartenkultursender angedacht und die französische Seite vertrat eher eine enge, ästhetische, an der Hochkultur orientierte Kulturkonzeption, während die deutsche Seite eher eine weite, journalistischere Kulturkonzeption bevorzugte, die sich auf alle Inhalte und Lebensformen beziehen sollte.5

Im Zwischenstaatlichen Vertrag zur Gründung des Europäischen Fernsehkulturkanals wird dann davon gesprochen, das „Verständnis und die Annäherung zwischen den Völkern in Europa zu festigen, in dem Wunsch, den Bürgern [!] Europas ein gemeinsames Fernsehprogramm anzubieten, welches der Darstellung des kulturellen Erbes und des künstlerischen Lebens in den Staaten, Regionen und der Völker Europas und der Welt dienen soll“6. Wie in der späteren Begriffsbestimmung von Kultur deutlich wird, hat sich ein mittlerer Kulturbegriff durchgesetzt. Einerseits wird die Darstellung des künstlerischen Lebens, also der schönen Künste,  betont, aber andererseits soll auch das allgemeiner gefasste kulturelle Erbe seinen Platz finden. Keine Aufnahme findet hier die zeitgenössische Alltagskultur, die aber sehr wohl in Sendungen wie Karambolage gezeigt wird.

Karambolage

Karambolage ist eine cirka 12-minütige Sendung von Claire Doutriaux, die jeden Sonntag um 20 Uhr auf arte ausgestrahlt wird. Die Sendung beschäftigt sich auf humorvolle und unkonventionelle Art mit Eigenheiten, Bräuchen, Kuriositäten und Verhaltensweisen aus Deutschland und Frankreich. Die Alltagskulturen der beiden Länder werden gegenübergestellt und verglichen. Zum Teil wird auch gewertet. Die Sendung besteht aus wechselnden, wiederkehrenden Kategorien wie zum Beispiel dem ,Gegenstand‘, dem ,Ritual‘, dem ,Wort‘, der ,Lautmalerei‘ oder der ,Art und Weise‘. Ein fixer Bestandteil ist das ,Rätsel‘ am Ende jeder Folge. Die einzelnen Blöcke funktionieren unabhängig voneinander und werden durch die typische Karambolage-Musik und -Grafik als Klammer zusammengehalten. Die Sendung wird von arte France in Frankreich produziert und in deutscher und französischer Sprache ausgestrahlt.

Die Sendung wird nicht gegendert; so wird immer von ,Franzosen‘ aber nie von den Französinnen und Franzosen gesprochen.

In dem Buch zur Sendung werden die Intentionen der Macherin klar: Es soll das Spannende, Bereichernde, Beglückende, Aufreibende vermittelt werden, was man erlebt, wenn man zwischen zwei Kulturen lebt. Und zwar ohne Klischees und nutzlose Vergleiche. Claire Doutriaux geht es darum, Interesse und Neugier zu wecken und sie geht dabei vom konkreten Detail aus.7

Die MacherInnen der Beiträge gelten als AutorInnen im Sinne der autheurs-Theorie, wobei sie ihren Erfahrungshintergrund und ihr Weltwissen einbringen.8 Sie berichten aus der Perspektive ,ihrer‘ Kultur und ihren Beobachtungen. Die deutschen und französischen AutorInnen haben in der Regel selbst Erfahrung mit dem Leben im jeweils anderen Land. Als ExpertInnen zwischen zwei Kulturen erkennen sie die kleinen Unterschiede und erklären diese dem Fernsehpublikum.

Nach der näheren Ansicht von cirka zehn Folgen habe ich die Karambolage-Sendung vom 24. Mai 2009 als geeignet befunden.9 Ich habe diese Folge nicht komplett zufällig, aber auch nicht systematisch ausgewählt. Es ist keine außergewöhnliche Sendung, aber es gibt explizite Vergleiche zwischen Frankreich und Deutschland und die Beiträge stehen in Zusammenhang mit der Alltagskultur. Dies ist in der Fernsehsendung meistens, aber nicht immer der Fall. Die Folge wurde wie üblich am Sonntag um 20 Uhr ausgestrahlt, ist aber eine Wiederholung aus dem Jahr 2005. Auch zeigt die Tatsache der Wiederholung an, dass es sich um eine gelungene und qualitative Sendung handelt, mit welcher die MacherInnen zufrieden waren.

Methode

Die Untersuchung beschäftigt sich exemplarisch mit einer Karambolage Folge. Heuristisch-hermeneutisch und kritisch möchte ich die Sendung auf o.g. Fragestellungen hin analysieren und aufzeigen, ob der Darstellung Bedeutungen eingeschrieben sind und wenn ja, welche. In interpretativer Art und Weise und auf eine Erkenntnis hin ausgerichtet soll die Kultursendung genau untersucht werden. Die kritische Ausrichtung der Arbeit bedingt eine Konzentration auf Aspekte, die kritisiert werden können, und bedingt eine Nichterwähnung von allen nicht kritisierbaren Aspekten. Weitere, genauere Analysen wie beispielsweise eine formale Filmanalyse, eine linguistische Analyse der Sprache, eine Untersuchung der ästhetisch-visuellen Gestaltungsstrategien, eine Rezeptionsanalyse sowie eine genaue Beschäftigung im Bezug auf Kultur und Zivilisation würden den Rahmen dieser Arbeit sprengen.

In der Untersuchung geht es darum, kulturelle Identifikationsmuster in der symbolischen Repräsentation aufzuzeigen und diese zu hinterfragen. Dafür werden Theorien der Cultural Studies und des Symbolischen Interaktionismus herangezogen. Die Arbeit versteht sich rudimentär als interdisziplinär, da Theorien, Aspekte und Wissen der Kommunikationswissenschaft, der Filmwissenschaft, der Cultural Studies und der Medienwissenschaft mit einfließen.

Begriffsbestimmungen

Kultur

Es soll an dieser Stelle nicht versucht werden den Begriff Kultur zu definieren oder auch nur eine Arbeitsdefinition dafür zu finden. Stattdessen geht es darum, das Verständnis von Kultur zu umreißen und zu umschreiben. Ziel ist keine genaue Festschreibung, sondern ein annäherndes Beschreiben.

Der Begriff Kultur leitet sich zunächst aus dem Gegenbegriff zur Natur ab. Kultur meint  alles nicht-Natürliche. Kultur steht begriffsgeschichtlich aber auch im Gegensatz zum Begriff Zivilisation. „Zivilisation schließt das politische, ökonomische und technische Leben der jeweiligen Gesellschaft ausdrücklich mit ein, während Kultur (im deutschen Sprachgebrauch) die religiösen, künstlerischen und intellektuellen Momente akzentuiert.“10 Wolfgang Müller-Funk plädiert dafür, Kultur umfangreicher zu fassen als nur mit dem Begriff der „schönen Künste“11 aber nicht so „umfangreich, daß [!] sich alles in Kultur auflöst“12. Er präferiert weiter einen Begriff von Kultur, in dem sich Politik, Gesellschaft und Natur nicht auflösen, auch wenn diese als Symbolsysteme kulturell affiziert und codiert sind.13 Nicht alles ist Kultur, aber die Symbolsysteme haben eine kulturelle Komponente. Damit bevorzugt Müller-Funk eine mittlere Konzeption des Begriffs Kultur ähnlich wie der Fernsehsender arte im Zwischenstaatlichen Vertrag zum Europäischen Fernsehkulturkanal.14

Ähnlich, allerdings genauer ist die Konzeption von Stuart Hall. Nach seiner Definition kann Kultur als Summe der verschiedenen Klassifikationssysteme und diskursiven Formationen verstanden werden, die Sprache verwendet, um den Dingen Bedeutung zuzuordnen.15 Jede soziale Praktik bezieht sich auf Bedeutung und Kultur ist folglich eine Existenzgrundlage dieser Praktik. Somit hat jede soziale Praktik eine kulturelle Dimension.16 Auf diese kulturelle Dimension jeder sozialen Praktik, eingeschlossen Alltagshandlungen wie beispielsweise ein Begrüßungsritual, bezieht sich Karambolage. Diese sozialen Praktiken und ihre Bedeutungen werden unter die Lupe genommen und in Frankreich und Deutschland verglichen.

Symbolische, mediale Repräsentationen

Mediale Formate und Produkte wie Zeitungen, Fernsehen, Internet, Kino u. a. aber auch ihre Einzelbestandteile wie Artikel, Sendungen, Homepages, Filme u.a. vermitteln Informationen durch die Darstellung von Zeichen und Symbolen, die sich auf vorgängig Dagewesenes beziehen. In diesem Sinn sind sie Repräsentationen vorgängiger Wahrnehmungen und sie beziehen sich als solche auf die wahrnehmbare Welt. Diese Repräsentationen sind keine exakten Abbilder der Wirklichkeit, sondern vollziehen eine Transformation und Akzentuierung und werden symbolhaft vermittelt. Sie können nur verstanden werden durch die Bedeutungen, die Symbolen oder Zeichen eingeschrieben sind.

Bedeutungen legen Handlungs-, Denk- und Sprechweisen fest. Unter dem Konzept Bedeutung ist deshalb nicht ein Zusatz, eine Art von außen hinzugefügtes surplus, also ein Mehrwert etwa eines Objekts oder eines Symbols zu verstehen, sondern eine Wahrnehmungs- und Umgangsweise, in der sich Objekt und Symbol überhaupt erst als eigenständige Phänomene konstituieren.17

Diese Bedeutungen verändern sich zeitlich und sind nicht für alle Menschen einheitlich. Symbolische, mediale Repräsentation (oder mediale Produkte) als kulturelle Phänomene verstanden, ordnen Dingen Bedeutungen zu. In diesem Sinne soll in der Analyse versucht werden die Bedeutungen, die durch die zeichenhafte Repräsentation vermittelt werden, interpretativ zu erfassen und aufzuzeigen.

Stereotyp

Ein Stereotyp ist „eine fest gefügte, für lange Zeit gleich bleibende, durch neue Erfahrungen kaum veränderbare, meist positive oder negativ bewertende und emotional gefärbte Vorstellung über Personen und Gruppen, Ereignissen oder Gegenständen“18. Es ist eine Einschätzung oder eine Beurteilung eines bestimmten Sachverhalts anhand weniger, oberflächlicher Merkmale und dadurch stark vereinfachend und generalisierend. „Häufig wird angenommen, dass die Bildung von positiven wie negativen Stereotypen dem Individuum die Orientierung in und Interaktion mit der Umwelt vereinfacht und somit erleichtert.“19 Stereotypen verändern sich auch dann häufig nicht mehr, wenn dieselben Merkmale in einem anderen Zusammenhang auftreten. Durch stereotype Zuschreibungen kann das Andere, nicht Eigene, erkannt und klassifiziert werden und es kommt häufig zu einer Wertung (positiv oder negativ).

Identität/ Identifikation

Stuart Hall beschreibt „Identifikation als eine Konstruktion, als einen Prozess, der niemals abgeschlossen ist, immer prozesshaft bleibt“20. Im Gegensatz zu früheren essentialistischen Modellen geht er davon aus, dass ein Mensch keinen inneren stabilen Kern des Selbst besitzt.21 Einen Kern von Identität, den eine Person von Geburt an hat und der sein Wesen bestimmt. Gemeint sind insbesondere kollektive Zuschreibungen von Eigenschaften an bestimmte Nationalitäten, Geschlechter, Ethnien usw. Im Gegensatz zur stereotypen Darstellung davon, wie ein Mensch oder eine Gruppe ist, sieht Hall Identitäten nicht als einheitlich.22

Identitäten sind konstruiert aus unterschiedlichen, ineinandergreifenden, auch antagonistischen Diskursen, Praktiken und Positionen. Sie sind Gegenstand einer radikalen Historisierung und beständig im Prozess der Veränderung und Transformation begriffen.23

Das heißt, dass Identitäten nicht natürlich sind, sondern kulturell geformt. Gerade im Bezug auf das Kulturverständnis von Hall haben Diskurse, Bedeutungen und Positionen eine enorme Relevanz. Durch symbolische, mediale Repräsentation von Identitäten im Sinne von Festschreibungen wie oder wer etwas ist, kommt es zur Möglichkeit der Identifikation eines Subjekts mit der dargestellten Identität (Identifikation hier verstanden als ,sich zugehörig fühlen‘) und die Identität als die Eigene anzunehmen.

„Identitäten sind innerhalb und nicht außerhalb von Repräsentationen konstruiert. […] Identitäten gehen aus der Narrativierung des Selbst hervor.“24 Repräsentationen sind als mediale Produkte zu verstehen, die Bedeutungen zuordnen. Der Akt der Identifikation geht einher mit einer Narrativierung des eigenen Selbst und erklärt, wie es möglich ist, sich gleich oder ident mit etwas anderem zu fühlen. Das Aufgehen in einer Identität ist niemals total, es gibt keine Verschmelzung und es bleibt stets ein Rest an Nicht-Übereinstimmung. Jede mediale Repräsentation eines Identitäts-Themas (wie zum Beispiel österreichisch sein) trägt zum Diskurs bei und formt diese Identität.

Gerade weil Identitäten innerhalb und nicht außerhalb des Diskursiven konstruiert sind, müssen wir sie als an spezifischen historischen und institutionellen Orten, innerhalb spezifischer diskursiver Formationen und Praktiken wie auch durch spezifische Strategien hergestellt verstehen.25

Dort können sie untersucht und erforscht werden. Daraus folgt für mein Forschungsinteresse die Frage, welche Identitäten bzw. Identifikationsmöglichkeiten Karambolage den ZuseherInnen anbietet. Identitäten sind vor allem auf Grundlage von Differenz und nicht als Einheitlichkeit konstruiert, das heißt auch immer nur in Bezug zum Anderen.26 Identität bedeutet somit: etwas ist gleich wie A und anders als B. Sie wird durch Gemeinsames nach Innen (Einheit) und Trennendes nach Außen (Differenz) markiert.

Kommunikationstheoretischer Hintergrund

Die Ausgangsthese [des Symbolischen Interaktionismus] besagt, dass die Welt des Menschen symbolisch vermittelt ist, bzw. der Mensch Bewohner einer kommunikativ konstruierten Welt ist. […] Menschen handeln aufgrund von Bedeutungen, die ein Objekt, ein Geschehen, ein Reiz oder allgemein, ein Zeichen für sie hat. Objekte, Geschehen, Reize sind Zeichen, die für etwas stehen, und dieses individuell und sozial konstituierte Etwas ist relevant, nicht das Zeichen.27

Das heißt, die Realität ist für den Menschen nur über Symbole wahrnehmbar und der Mensch vollzieht Handlungen aufgrund von Bedeutungen, die diskursiv geformt sind und sich stetig wandeln. Aufgrund von Bedeutungen ist es möglich Situationen einzuschätzen und entsprechend zu handeln. Die mediale, symbolhafte Repräsentation von Identitäten, wie in der Sendung Karambolage, funktioniert wie jeder kommunikative Akt über Bedeutungen. Für Kommunikation ist weniger das materielle Trägermedium und auch nicht so sehr das Zeichen selbst wichtig, sondern die Bedeutungen, die die Zeichen in sich tragen. Diese müssen entlockt und zugewiesen werden, damit ein Kommunikationsprozess zustande kommt.28

Unsere Umgebung besteht nicht aus materiellen, sich selbst erklärenden Objekten, sondern wird sprachlich und kulturell gedeutet, interpretiert bzw. konstituiert. Nur durch Wahrnehmung, und diese ist zeichenhaft, wird die Umwelt fassbar.

Die Wirklichkeit des Menschen ist immer symbolische, zeichenvermittelte Wirklichkeit. Menschen zeichnen sich durch die Fähigkeit zu symbolisch vermittelter Kommunikation aus, sie leben dementsprechend in einer Welt aus gedeuteten Symbolen, die sie als Gesellschaftswesen in ihren Interaktionen konstruieren.29

Die gedeuteten Symbole bestimmen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit.30 Das heißt, auch in Bezug auf Identitäten sind weniger die Einheitlichkeiten und Differenzen selbst, sondern deren Bedeutungen entscheidend.

Realität ist somit dem Kommunikationsprozess nicht vorgängig, sondern generiert sich in diesem.31 Damit wird nicht negiert, dass es eine Realität außerhalb der menschlichen Wahrnehmung gibt, aber diese ist nicht fassbar, begreifbar oder beschreibbar und damit, zumindest als Gedankenmodell, für den wahrnehmenden Menschen inexistent. Kommunikation wird als alltägliche Praxis verstanden, die umkämpft ist. Zusammenfassend schreibt Oliver Marchart:

Kommunikation als Realität besitzt keine Essenz, Kommunikation als Praxis ist konfliktorisch, und Kommunikation als Text führt unsere Analyse zu einer auch nicht-linguistische Praktiken einschließende Diskurstheorie.32

Das heißt, Kommunikation ist mit Macht verbunden. Wer etwas sagt und das, was gesagt wird, ist diskursiv umkämpft. Nicht jeder Mensch hat die Möglichkeit sich zu äußern und gehört zu werden und nicht alles ist sagbar. Für die Untersuchung von Karambolage ist das insofern von Relevanz, als dass klar wird, dass es nicht egal ist, was behauptet wird, da jede Äußerung, also auch die Fernsehsendung, Teil des Diskurses ist.

„Zeichen und Symbole sind […] Träger und Indikatoren für Bedeutung, aber ohne diese Bedeutung haben sie keinen Sinn, existieren also als Zeichen und Symbole, die immer verweisen, nicht.“33 Die Bedeutungen sind einerseits kulturell vermittelt und übersituativ, aber andererseits entstehen alle Bedeutungen in konkreten Situationen und Handlungskontexten.34 Kommunikation wäre ohne Bedeutungen unmöglich. Eine Aussage muss entschlüsselt werden, um verstanden zu werden. Bedeutungen verändern sich und lassen sich nicht festschreiben. Sie sind für alle individuell verschieden, aber es gibt strukturelle Gemeinsamkeiten, die sich besonders auf gleiche kulturelle und soziale Erfahrungen berufen. So zeigt sich, dass es immer wieder in der Kommunikation zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zu Missverständnissen kommt, da es Unterschiede in der Bedeutungszuschreibung und -erkennung gibt. Selbstverständlich beschränken sich solche Kommunikationspannen nicht nur auf interkulturelle Kommunikation, aber dort  haben sie eine kulturelle Dimension.

„Kommunikation entsteht […] eben weil Bedeutungen mitgeteilt und verstanden oder entwickelt werden.“35 Es handelt sich also um einen ,inneren‘ sowie ,äußeren‘ Prozess sowohl auf SenderInnen- als auch auf EmpfängerInnenseite. Es ist möglich und relevant Bedeutungen zu untersuchen, und sie sind ein bestimmender Teil von Kommunikation. Das heißt, man konzentriert sich nicht auf den vermittelten Inhalt, sondern auf dessen Bedeutung.

James Carey sieht, ausgehend von der gemeinsamen Herkunft der Begriffe „commonness“, „communion“, „community“ und „communication“36, Kommunikation als Prozess, durch den gemeinsame Kultur geschaffen, modifiziert und verändert wird.37 Kommunikation schafft Gemeinschaft, und Gemeinschaft ermöglicht Kommunikation. Kommunikation wird so zum rituellen und dramatischen Akt. „If one tries to examine society as a form of communication, one sees it as a process whereby reality is created, shared, modified, and preserved.“38

Die Kommunikationsmodelle des Symbolischen Interaktionismus und der Cultural Studies beziehen sich auf ein gleichartiges Grundverständnis, insofern beide die Bedeutungskonstruktion durch die Menschen als konstitutiv ansehen. Sie ergänzen sich zudem, insofern sie einerseits Sprechen als situatives Handeln und andererseits die Verwendung der Sprache als Aktualisierung von sozialer und kultureller Struktur in den Mittelpunkt ihres Kommunikationsverständnisses und ihrer Analyse stellen.39 In ihrer Zusammenfügung ergeben die beiden Theorien ein Analyseinstrument, das ermöglicht, Äußerungen zu Identität zu untersuchen und deren Bedeutungen zu benennen. Beide Ansätze betonen den Menschen als sozial positioniertes Subjekt in der Gesellschaft und auch als soziales Individuum, das seine Identität aktiv, situativ und kommunikativ konstruiert.

Hinter dem Ansatz der Cultural Studies steht die These einer permanent stattfindenden gesellschaftlichen Selbstbeschreibung und Reproduktion von Kultur und Gesellschaft und damit von Macht und Hegemonie.40 Das Subjekt ist über die Medien in das Netz von Gesellschaft konstituierender Diskurse eingebunden. Es bedient sich dieser Diskurse und wird gleichzeitig durch sie geformt. Bedeutungen sind vor allem im Bezug auf Kultur, Gesellschaft bzw. die soziale Lage des Individuums gekennzeichnet.41 Das heißt, die Analyse der Diskurse und deren Teile, also z.B. einer Fernsehsendung, ist als Gesellschaftsanalyse zu verstehen, die uns hilft zu begreifen, wie das Subjekt Gesellschaft bestimmt und umgekehrt.

Hinter dem Ansatz des Symbolischen Interaktionismus steht zusammengefasst „die These einer individuellen integrativen und kreativen Interpretation ganz unterschiedlicher Situationen und Erfahrungen mit dem Ziel der Herstellung und Entwicklung von Identität“42.

Negativ formuliert ließen sich die Cultural Studies als strukturalistisch und kognitivistisch verkürzt kritisieren und dem Symbolischen Interaktionismus könnte eine Ignoranz gesamtgesellschaftlicher (Macht-)strukturen und das Überbetonen des Situativen vorgehalten werden.43 Durch ihre Kombination bzw. Minderbetonung mancher Aspekte ergibt sich allerdings ein gemeinsames, theoretisches Kommunikationsmodell, das sowohl die Konstruiertheit der Welt, die Machtstrukturen als auch das Situative jedes Kommunikationsakts erfasst und mit einbezieht.

Analyse

Vor diesem kommunikationstheoretischen Hintergrund soll nun im Folgenden die Karambolage-Sendung vom 24.5.2009 analysiert werden.44 Die Folge besteht aus vier Blöcken: der Gegenstand (l’objet), Inventar (inventaire), die Art und Weise (l’usage) und das Rätsel (la devinette).

,Der Gegenstand‘

Das Objekt ist der Spargel. Der Beitrag dauert etwa 4:20 Minuten. Corinne Delvaux, die Autorin des Beitrages, nimmt „eine vergleichende Feldstudie vor“45. Es ist Mai und es ist Spargelzeit. Die ZuschauerInnen werden rhetorisch gefragt, ob sie Spargel mögen. Ausgehend vom unterschiedlichen Aussehen des Spargels in Deutschland und in Frankreich wird die alltagskulturelle Praxis ,Spargel‘ untersucht und verglichen. Es wird erklärt, wieso der Spargel in Frankreich an der Spitze violett ist und dass dies mit Photosynthese zu tun hat. Dabei werden gleich zu Beginn ein einzelner deutscher Spargel links und ein französischer Spargel rechts einander gegenübergestellt.  Die Grafik ist einfach gehalten mit einem einfarbigen Hintergrund. Ein Schauspieler in bäuerlicher oder gärtnerischer Kleidung spaziert stark verkleinert immer wieder durchs Bild. Er beobachtet das Geschehen und zeigt zum Teil an, wovon gerade gesprochen wird.

Im Beitrag nimmt die Autorin, verkörpert durch die Sprecherin, eine subjektive Position ein und zeigt ihre Wahrnehmungen und Eindrücke. Sie positioniert sich als wahrnehmendes, deutendes kulturelles Subjekt, das Urteile fällt und Standpunkte vertritt. Sie erklärt, Französin zu sein und französischen Spargel zu bevorzugen:

Angeblich ändert das [die Farbe] nichts am Geschmack. Ich bin mir aber da nicht so sicher. Ich als Französin finde ja, dass der weiße Spargel etwas fade schmeckt. Aber das ist wohl eine subjektive Empfindung.46

Auf der Bildebene ist weißer und violetter Spargel als Detailaufnahme in der Gegenüberstellung zu sehen. Es wird ein Unterschied markiert, der mit einer Bedeutung versehen wird. Auch wenn es objektiv geschmacklich keinen Unterschied macht, existiert dieser für die französische Autorin. Es ist nicht von Interesse, ob es nun tatsächlich einen nachweisbaren Unterschied gibt, sondern dass diese Differenz markiert wird und argumentativ untermauert dem Unterschied eine Bedeutung beigemessen wird. Die Sprecherin erklärt sich einer kulturellen Kategorie zugehörig; sie identifiziert sich mit der Nationalkultur Frankreich. Unterstützt wird dies noch durch die deutsche Sprache mit französischem Akzent, der wohl bewusst und absichtlich als Stilmittel gewählt ist.

Normativ und verallgemeinernd wird erklärt, wie die Franzosen und die Deutschen sind: „…in Frankreich mag man es, wenn die Spargelspitze leicht violett ist. In Deutschland hat man sie lieber makellos.“ Die Behauptungen werden nicht abgeschwächt oder relativiert, sondern als fixe, feststehende, einheitliche Kategorien genannt. Kultur erscheint als feststehende Kategorie, die den Menschen innewohnt. Aus der beobachteten Tatsache heraus, dass Spargel in den zwei Ländern auf unterschiedliche Art verkauft wird, wird eine Erklärung über die Vorliebe abgeleitet. Diese Schlussfolgerung ist deterministisch und folgt der Logik Nachfrage bestimmt das Angebot. Das einzelne Individuum im jeweiligen Land hat kaum eine Chance, die andere Sorte Spargel zu kaufen. Die Sprecherin gibt an, dass ihr der violette, französische Spargel besser schmeckt und bekräftigt somit die Aussage über die Deutschen und die Franzosen. Sie macht sich damit quasi selbst zu einem Fallbeispiel und untermauert so die Feststellung. Es geht dabei nicht darum, wissenschaftliche Gütekriterien auf eine Fernsehsendung anzuwenden und eine empirische Überprüfung zu fordern, sondern Schwachpunkte, Lücken, schnelle Schlüsse und falsche Argumentationen aufzuzeigen. Es soll kritisch aufgezeigt werden, wie hier deutsche und französische Kultur dargestellt wird und welche Implikationen dies hat. Es wird das Bild von zwei verschiedenen, in sich einheitlichen Kulturen gezeichnet, der deutschen und der französischen, die den Landesgrenzen entsprechen. Kultur wird als fixe Kategorie gezeigt und die eigene Spargelvorliebe macht einem mit der jeweiligen Kultur ident und ermöglicht so die Identifikation. Der weiße bzw. violette Spargel wird zum kulturellen Symbol und erhält durch die Darstellung von Karambolage eine identitäre Bedeutung.

Es folgt eine Erklärung über den unterschiedlichen Spargelanbau, aus dem sich die verschiedenen Färbungen erklären. Es sind einige Aufnahmen von Spargelfeldern zu sehen. Beim mehrmaligen Anschauen fällt auf, dass der große Unterschied zwischen den französischen und den deutschen Feldern, der später konstatiert wird, hier eigentlich nicht erkennbar ist. Durch Benennung und Markierung von Differenz wird diese überdeutlich und schafft die Bedeutung als Unterscheidungsmerkmal. Das erste Feld ist unordentlicher als das spätere deutsche Feld und ordentlicher als das spätere französische Feld, oder zumindest zeigt es die Kamera so. Es liegt also nahe, dass die Unterschiede womöglich weniger stark ausgeprägt sind, als sie im Beitrag dargestellt werden. Das französische Spargelfeld wird dann als „unordentlich“47 und die französischen Bauern werden als „viel gelassener“48 bezeichnet. Nun sind Bilder von Spargelfeldern zu sehen, die die jeweilige Aussage unterstützen. Der deutsche Bauer (oder Erntehelfer?) repariert den Hügel abschließend mit der Schaufel, während der Bauer (oder Erntehelfer?) in Frankreich dies sorglos mit dem Stiefel erledigt.

Damit wird ein altes dichotomes Stereotyp aktiviert: Der Franzose oder die Französin wird als unordentlich, gelassen und genießend dargestellt, mit einem Verständnis für das savoir vivre und für kulinarische Genüsse, während der oder die Deutsche korrekt, fleißig, ordentlich, genau und organisiert erscheint und seinen/ihren Spargel ohne Makel liebt. Immer wieder werden solche Stereotypen aktiviert, in welchen bestimmten Gruppen bestimmte Eigenschaften zugeschrieben werden – durch dieses Mittel wird eine gemeinsame Identität (innerhalb der Gruppe) geschaffen. Durch die Wiederholung und Repräsentation prägen sich diese bei den RezipientInnen ein, werden reproduziert und erlangen so bedeutungsgebende Kraft. Wie im theoretischen Teil beschrieben, zeigt sich hier, dass die kulturelle Einheit durch die Sendung anhand einiger weniger Beispiele behauptet wird. Die Einheit Frankreich wird vor allem durch die Differenz zum Deutschen erzeugt und muss immer diskursiv erneuert und bestätigt werden. Auf der einen Seite, gegenüber dem Anderen, wird der Unterschied markiert, während beim Eigenen die Gleichheit und Gemeinsamkeit wichtig ist. Es kommt hier zu keiner Betonung der Einheitlichkeit, allerdings wird auch alles widerstrebende, divergierende weggelassen, das ein uneinheitliches Bild erzeugen könnte. Biologistische oder rassistische Argumentationen über die Unterschiede zwischen den beiden Ländern werden jedoch nicht behauptet. Die Differenz wird lediglich kulturell markiert und herausgestrichen.

Es ist dabei weniger wesentlich, ob diese Zuschreibungen real überprüfbaren Tatsachen entsprechen. Ausschlaggebend ist vielmehr die hegemoniale Diskursposition, von der aus etwas behauptet wird. Aussagen und Beispiele, die eine solche Erzählung nicht unterstützen oder ihr widersprechen, werden als weniger wahr angesehen. Die Erzählung der und des ordentlichen Deutschen funktioniert auch deshalb, weil sie immer wieder erwähnt, mit Beispielen gefüttert und reproduziert wird und sich somit selbst konstituiert. Sie erzeugt selbst, was sie scheinbar bloß benennt.

Weitere normative Zuschreibungen, wie angeblich alle Deutschen und alle Franzosen und  Französinnen seien, folgen: „Die Deutschen sind noch verrückter nach Spargel als die Franzosen. Sie nennen es das königliche Gemüse.“49 Gestützt wird dieser Aspekt durch die statistische Verzehrmengen von Spargel (Deutschland: 2,5 kg pro Jahr und Person; Frankreich: 0,5kg pro Jahr und Person). Dabei ist der jeweilige Spargel zu sehen und eine Figur, die Schilder mit „das königliche Gemüse“, „2,5kg“ und „0,5kg“ hochhält. Dies dient zum einen der Verständlichkeit in der französischsprachigen Version50 (das königliche Gemüse ist nicht übersetzt) und zum anderen der besseren Erfassbarkeit für die ZuschauerInnen. Wenn etwas gesagt und gleichzeitig gezeigt wird, ist es eindrücklicher und besser merkbar. Die Belegung der Aussage mit statistischen Zahlen dient der Legitimierung und Untermauerung der Aussage, denn harte Zahlen haben mehr Aussagekraft und die Schlussfolgerung erhält so den Anschein der objektiven Wahrheit.

Bemerkenswert ist auch das oben zitierte Adjektiv ,verrückt‘. Es kann sowohl positiv als auch negativ konnotiert sein. Traditionell sind mit verrückten Menschen Personen mit psychischen Krankheiten, von der Norm abweichenden Verhaltensmustern oder irrationalen Handlungen gemeint. Dies wird eher negativ gesehen. Positive Zuschreibungen gründen sich aus einer individualistischen Subjektposition, die eben eine Abweichung von der Norm (in einem gewissen Rahmen) begrüßt, und mit „verrückt“ eher Lustigkeit, Ausgelassenheit, Freiheit, Lebensfreude und Genießertum verbindet. Abschließend bleibt festzustellen: Dem Spargelessen wird eine enorme Bedeutung zugemessen.

Darauf folgend spricht die Autorin: „Jahr für Jahr verfällt ganz Deutschland während der Spargelzeit in den Spargelwahn“51, und parallel dazu erscheint auf der Bildebene Spargel in der Form einer Deutschlandlandkarte und darüber der Schriftzug „Spargelzeit“. Das Wort Spargelzeit ist in der französischsprachigen Version52 nicht übersetzt und zur besseren Verständlichkeit wird es eingeblendet. Die Deutschen sind also verrückt nach Spargel, nennen diesen königlich und verfallen deshalb jedes Jahr in einen Wahn. Das sind klare Zuschreibungen, die positiv und negativ aufgefasst werden können, und konstituieren eine einheitliche Gruppe mit Gemeinsamkeiten, die eine Identifikation ermöglicht. Die Deutschlandkarte stellt auf der Bildebene noch einmal den Bezug Spargel – Deutschland her und doppelt die Aussage. Karambolage stellt fest, wie die Deutschen sind und konstruiert sie als kulturelle Einheit. Die Sendung ist durchzogen von dem Gegensatz der Deutsche und der FranzösInnen. Wird eine Gruppe nicht erwähnt, ist dennoch klar, dass sich auf sie bezogen wird. Der Spargelwahn kann als Stereotyp aufgefasst werden: Es ist eine negative, bewertende, emotional gefärbte Vorstellung über eine Gruppe, die anhand weniger Merkmale getroffen wurde.

Weiter heißt es: „Das traditionelle Menü besteht dann meistens aus Spargelsuppe.“53 Auffallend ist dabei, dass diese Aussage relativiert wird und es keineswegs immer Teil des Menü ist. Damit wird keine Aussage über alle Deutschen zu allen Zeiten und in allen Situationen gemacht. Es wird eingestanden, dass es die häufigste Form aber eben nicht die einzige ist. Dadurch bricht zumindest ein wenig das Bild der Einheitlichkeit aller Deutschen auf. Andere Formen werden zwar nicht erwähnt, aber sie werden zumindest nicht ausgeschlossen. Die relativierende Aussage ist besonders markant, da sie nur hier passiert und dadurch wird deutlich, dass sie sonst stets weggelassen wird.

Anschließend folgt die Vorstellung zweier Gemälde von Manet54, eines hängt in Deutschland und das andere in Frankreich. Die Herkunftsgeschichte wird erklärt und es wird wieder erwähnt, dass der abgebildete Spargel eigentlich französisch ist.

Der Beitrag endet mit einer Gegenüberstellung der verschiedenen Arten Spargel zu essen. Dieselbe Person ist zweimal im Bild zu sehen und isst Spargel, einmal als Deutscher (rotes Hemd) und einmal als Franzose (schwarzes Hemd). Frisur und Kleidung sind sehr ähnlich und es kommt zu keiner kulturellen, stereotypen Zuschreibung über das Aussehen. Das Dekor und die Kleidung insgesamt sind in schwarz, rot und gelb gehalten und damit der deutschen Flagge sehr ähnlich. Die Sprecherin nimmt darauf keinen Bezug und es ist eine spekulative Vermutung, ob durch diesen semiotischen Kode eine subtile Verbindung zwischen Deutschland und Spargel geschaffen werden soll bzw. bei ZuschauerInnen auftritt.

In Deutschland wird das königliche Gemüse mit Messer und Gabel geschnitten, in Frankreich mit der Hand gegessen. „Das macht man in Frankreich so. Sogar bei feinen Anlässen.“55 Als Grund dafür macht die Sprecherin die Phallusartigkeit des Spargels aus und ortet ein Grauen der Franzosen und Französinnen „dort hinein zu schneiden“56. Sie schwächt diese psychoanalytische Konstatierung, die sicher auch eine ironische Komponente hat, mit den Worten ,anscheinend‘ und ,angeblich‘ ab.

,Inventar‘

In dem cirka einminütigen Beitrag ‚Inventar‘ (inventaire) sind zunächst zehn Altglasmüllcontainer in Berlin und anschließend neun Glasmüllcontainer in Paris zu sehen.  Diese sind auf der Straße untertags aus Augenhöhe gefilmt und zum Teil sind PassantInnen, Autos, Straßen, Schilder und Häuser erkennbar. Es gibt keinen Audiokommentar und zu hören sind die Umgebungsgeräusche. Es sind keine handelnden Akteure auszumachen.

Für die Analyse ist dieser assoziative, künstlerische Beitrag schwer zugänglich, womöglich, da keine AkteurInnen Handlungen setzen. Die Müllcontainer in Berlin sind uneinheitlich während die in Paris alle gleich aussehen. In dem Beitrag erfolgt keinerlei Wertung, sondern es werden die Details aus zwei Städten einander gegenübergestellt. Es gibt keinerlei Verallgemeinerungen, dass dies für das ganze Land steht.

Art und Weise

In dem circa vierminütigen animierten und collagierten Beitrag beschäftigt sich Nicola Obermann mit der Art und Weise der Begrüßung in Frankreich: la bise (das Küsschen).

Die Sequenz wird eröffnet mit einer französischen Redensart.

Wenn etwas ganz besonders einfach ist, sagen die Franzosen, es sei simple comme Bonjour. So einfach wie Guten Tag sagen. Das wundert mich immer, ich finde das Guten Tag Sagen in Frankreich nämlich sehr kompliziert.57

Hier wird sofort Bezug genommen auf die Masse aller Franzosen und Französinnen, die einheitlich etwas Bestimmtes sagen oder tun. Auffällig wird dies vor allem, wenn man sich vor Augen hält, wie alternative Formulierungen aussehen könnten und was es bedeutet, dass gerade diese Formulierung gewählt wurde. Mögliche Alternativformulierungen wären beispielsweise: „Wenn etwas ganz besonders einfach ist, sagt man in Frankreich, es sei..“, „auf Französisch sagt man, wenn etwas ganz besonders einfach ist, es sei…“ oder „auf Französisch heißt es, wenn etwas ganz besonders einfach ist, es sei…“. Es wäre auch leicht möglich viele, die meisten oder fast alle einzufügen. Diese Formulierung zeigt deutlich, dass die Französinnen und Franzosen als einheitlich verstanden werden und es für möglich gehalten wird zu sagen, was alle Franzosen oder Französinnen tun oder sagen. Sie gehören alle einer Kultur an und haben eine französische Identität, die sich im Begrüßungsritual faire la bise ausdrückt. Zumindest wird ignoriert, dass nicht alle dem Schema entsprechen. Damit wird festgeschrieben, welche Praktiken dem Französischsein entsprechen. Umgekehrt gilt das gleiche bei ähnlichen Formulierungen auch für das Deutschsein. Wenn wir mit Stuart Hall die Kultur als weites Feld mit allen Praktiken, die gesellschaftlich und sozial geformt sind, definieren (siehe oben), sind solche Aussagen über Handlungen oder Sprechweisen Aussagen über die Kultur. Dadurch schreibt Karambolage einheitliche Kulturen fest, die den Landesgrenzen entsprechen.

Währenddessen ist ein animiertes Mädchen zu sehen, das auf einen komplizierten Metro-Plan schaut. Wahrscheinlich soll sie in Paris sein. Die Figuren sind animierte Quader mit wenigen Merkmalen, um sie zu distinguieren. Das Mädchen trägt eine Schultasche mit einer deutschen Fahne und dem Autolandeskennzeichen für Deutschland, eine Brille, eine Kappe, hat blonde, lange Haare und viele Sommersprossen. Es ist also ein Mädchen (lange Haare), eine Schülerin (Brille, Schultasche, Sommersprossen, Kappe) aus Deutschland (Fahne, Autokennzeichen, blonde Haare). Hier werden Zeichen verwendet, deren Bedeutungen für nationalstaatliche Kulturen stehen.

Die Sprecherin sagt weiter: „Vor allem für Ausländer. Denn die Franzosen sagen nicht einfach Salut oder geben die Hand wie die Deutschen. Nein sie küssen sich auf die Wange.“58 Im Bild kommt nun ein Franzose hinzu. Er hat keine Haare und ist deshalb wohl männlich. Baskenmütze und Baguette zeichnen ihn als Franzosen aus. Wieder werden national geprägte Kodes reproduziert. Im gesprochenen Text wird wieder die Einheit der Franzosen rekurriert und als Gegengruppe die AusländerInnen bzw. die Deutschen. Gleichzeitig wird in einem Nebensatz, scheinbar beiläufig, die Einheitlichkeit und Einfachheit des deutschen Begrüßungsrituals konstatiert.

„Und diesen Kuss, französisch la bise, muss man von klein auf gelernt haben. Wie die Franzosen.“59 Die Begrüßungsformel wird also als sozial angelerntes Verhalten anerkannt, das sich aus Erfahrungen und Praktiken ergibt und nicht etwa essentialistisch, der Natur der Franzosen und Französinnen entspricht. Gemäß unserer Definition von Kultur ist diese nichts dem Menschen innerliches, sondern sozial geformt und drückt sich in Alltagspraxen aus.

Ein wenig später wird über alle deutschen Austauschschüler (die Schülerinnen sind wohl mitgemeint) generalisierend gesprochen: „Jeder deutsche Austauschschüler hat garantiert diesen peinlichen Moment erlebt, wenn man vor einer Gastfamilie steht, deren Mitglieder nur eins im Sinn haben: den Neuankömmling zu küssen.“60 Die Sprecherin garantiert sogar, dass es allen so ergangen ist. Bildlich werden wieder nationale Stereotypen bedient: die deutschen SchülerInnen haben blonde Locken, Sommersprossen, Brille, Zahnspange und je einen Koffer. Die Franzosen und Französinnen tragen eine Baskenmütze und haben einen Kussmund.

Der Beitrag geht dem Ritual der bise weiter auf den Grund und erklärt diese anhand der Fragen: „Wann? Wen? Wie? Wie oft?“61 Dabei erscheint eine klischeehafte Lehrerfigur mit Hemd, Krawatte, Brille und schütterem Haar.

Die AutorInnen geben eine Reihe von normativen Regeln und Anweisungen aus und versuchen die richtigen bise zu erklären: „Wann? Wenn man sich in der Freizeit trifft. Manchmal morgens auf der Arbeit. Und immer wann man zu Freunden geht. Die Zeit, die für die Küsserei draufgeht, verhält sich dabei proportional zur Anzahl der Freunde.“62 Es sind normative Regeln, wie es zu geschehen hat, wenn man sich richtig auf Französisch begrüßt. Kreatives und spontanes Handeln ist nicht vorgesehen. Auf der Bildebene werden diesmal uneindeutige, uneinheitliche Zeichen verwendet. So tauchen wieder das deutsche Mädchen und der Franzose mit der Baskenmütze auf, aber diesmal macht sie die Küsserei eben richtig. Sie ist zwar weiterhin als Deutsche erkennbar, aber diesmal kann sie das scheinbar französische Ritual erfolgreich ausführen.  Auch die anderen Figuren entsprechen nationalen Stereotypen (eine Figur trägt eine amerikanische Baseballkappe), aber sie konterkarieren diese, da sie nun auch das kulturell französische Ritual beherrschen und nicht mehr einheitlich einer Kultur zuordenbar sind.

„Wenn auf einer Party schon 15 Leute da sind, ist man verhungert bis man sich zum kalten Buffett durchgeküsst hat. Die Deutschen, die sich ein zeitsparendes Hallo zuwinken, finden das immer ein bisschen anstrengend.“63 Hier werdend die beiden Begrüßungsformeln in einer praktischen Situation direkt miteinander verglichen. Das Französische wird dabei kritisiert, das Deutsche gelobt. Wobei das Verhungern als objektive Tatsache dargestellt wird, während das zeitsparende Hallo aus subjektiver Perspektive unanstrengend wirkt. Es liegt auf der Hand, dass es sich um eine ironische Bemerkung handelt, aber gemeint ist dennoch, dass die eine Variante objektiv schlechter ist als die andere und einen Nachteil bringt (man kommt später zum kalten Buffett). Durch die Formulierung „es ist so“ wird es zu einer objektiven Tatsache. Objektive Begründungen wirken stärker als subjektive. Auf der Bildebene ist die französische Person auf der Party anhand der Baskenmütze unterscheidbar und die deutsche Person ist wie in den vorhergegangenen stereotypen Darstellungen blond.

„Wen? Man berücksichtige die familiäre, freundschaftliche und berufliche Bindung, das Alter und den sozialen Status der Person.“64 „Man berücksichtige“ ist grammatikalisch gesehen ein Präsens Konjunktiv, drückt aber eine Anweisung aus. Üblicherweise wird die Form in Kochrezepten verwendet. Es zeigt, dass eine normative Regel verlautet wird, wie man richtig bisous gibt. Auf der Bildebene werden wieder klassische Klischees bedient. Jedes Adjektiv im oberen Satz wird einer Figur zugeordnet. Die Person zu „sozialem Status“ ist männlich und mit Zylinder und Zigarre als reich gekennzeichnet. Damit werden stereotype, klischeehafte Zeichen nicht nur für Nationen bzw. Kulturen, sondern auch für soziale Schichten verwendet, die in der Realität so meist gar nicht mehr beobachtbar sind.

Die Regel wird aber im weiteren Verlauf relativiert und es wird klar, dass es Unterschiede geben kann: „Unter Männern kommt es drauf an. Freunde oder Familienmitglieder küssen sich manchmal, aber nicht immer. Die jüngeren Leute küssen viel und auch die männliche Jugend macht dabei immer häufiger mit.“65 Den Männern wird also eine gewisse Freiheit bzw. eine Unsicherheit, wie es die Norm ist, zugeschrieben. Zu diesen Worten sind viele heterogene Figuren zu sehen, die ganz allgemein Konnotationen reproduzieren, die für Jugend stehen: Kappen, längere, unordentliche Haare, Sonnenbrillen.

„Wie? Die Bise; das ist plötzliche Nähe, animalisches Schnüffeln und ein hervorragender Ausgangspunkt zum Flirten. Intensität, Dauer und Bedeutung der Küsschen sind daher variabel und dem Feeling der Beteiligten überlassen.“66 Den Beteiligten wird eine Freiheit eingeräumt und die Autorin stellt hier keine Regel auf, wie es denn richtig wäre. Humorvoll wird diese Freiheit nicht durch flirtende menschliche Figuren illustriert, sondern durch zwei sich begattende Hunde.

Bei der Zahl der Küsschen wird erstmals klarer geäußert, dass die bise eine sehr uneinheitliche Praxis ist. Die Autorin hat merkt an „dass auch die Franzosen nicht genau wissen wie viel bise man wo macht“67 und das, obwohl sie es von klein auf gelernt haben. Die Szene wird illustriert durch Figuren im Stil von Miss-Wahlen-Gewinnerinnen. Sie tragen alle Schleifen mit dem Namen einer französischen Stadt und ein Schild mit der Zahl der Küsschen, die in an diesem Ort üblich sind.

Die Ungereimtheiten, wo und wie oft geküsst wird, hat auch mit der Klassenzugehörigkeit zu tun. „In Frankreich sind Klassenunterschiede noch recht markant.“68 Diese Aussage beinhaltet logischerweise einen Vergleich, da Klassenunterschiede nicht immer und überall gleich sind; sie verändern sich. Auf der Hand liegt eine zeitliche und örtliche Komponente. Das kleine Wort „noch“ lässt auf eine zeitliche Veränderung schließen. In Zukunft werden sie demnach weniger markant sein. Die Ortsangabe Frankreich und vor allem der Kontext der Sendung Karambolage lässt darauf schließen, dass ein Vergleich zu Deutschland gezogen wird. Daraus lässt sich schließen, dass Klassenunterschiede in Frankreich heute markanter sind als in Deutschland.

Die Klassenunterschiede sind negativ konnotiert, aber das noch signalisiert, dass Frankreich auf einem guten Weg ist und die Klassenunterschiede bald weniger markant sein werden. Damit werden Klassen zu einer überkommenen Kategorie, die sich aber scheinbar von selbst auflöst. Die Sympathie der MacherInnen liegt bei den ProletarierInnen mit dem großen Herz, die viele Küsschen geben, im Gegensatz zu den GroßbürgerInnen, die nicht für ihre Großzügigkeit bekannt sind.69 Vom marxistischen Begriff der Klasse ist die Assoziation nicht weit, die Klassen ebenfalls nach Marx zu benennen: Großbürgertum und Proletariat. Die GroßbürgerInnen sind vereinfacht an der einheitlichen, stereotypen Darstellung mit Zylinder und Zigarre erkennbar, während die ProletarierInnen einfach und schlicht mit ihren Baskenmützen wirken.

Die Sprecherin zieht ein Fazit: „Dem Ausländer wird damit das Leben schwer gemacht. Denn er weiß nie, wie er sich verhalten soll.“70 Sie beschwert sich also über die unnötige Verwirrung, die das Begrüßungsritual stiftet und wertet es negativ. Sie schlägt vor, Tafeln mit der Zahl der Küsschen nach Region und Klasse aufzustellen. Denn sie wettet „sie nützt den Touristen genauso viel wie den Einheimischen“71. Sie widerspricht sich, da es die Franzosen und Französinnen la bise einerseits können und wissen, wie man das Begrüßungsritual ausführt, aber genauso gut diese Hinweisschilder bräuchten. Es wird deutlich, dass die ganze Praxis der bise keine so normierte Handlung ist, wie es in dem Beitrag dargestellt wird. Aber als offensichtlich uneinheitliche Praxis wird sie trotzdem als einheitlich für ganz Frankreich dargestellt. Überall gibt es die bise und überall ist sie anders. Dadurch wird zwar ein innerlich divergierendes Bild von Frankreich gezeigt, aber im Außenvergleich bleibt es noch immer einheitlich. Die äußere Differenz zu Deutschland ist stärker als die innere Ausdifferenzierung der kulturellen Alltagspraxis in Frankreich.

Illustriert wird dieses Ende durch zwei ausländische Figuren vor einer „La Bise en France“ Karte. Für die beiden Figuren werden nun wieder die Stereotypen herangezogen: ein amerikanischer, rothaariger Bub mit blauer Baseballkappe mit den Buchstaben NY, ein deutsches, blondes Mädchen mit roter Kappe. Beide haben Sommersprossen und auf ihren Rucksäcken sind die Fahnen der jeweiligen Länder zu sehen.

,Rätsel‘

Das ‚Rätsel‘ (la devinette) von Maija-Lene Rettig zeigt eine Seitenstraße, PassantInnen, einen Zaun, Gebäude und eine Straßenbahn im Hintergrund. Es geht darum, ein Indiz zu finden, das auf das Land, in dem die Szene aufgenommen wurde, hinweist. Hier ist es die Pariser Straßenbahn, die erkannt werden soll. Außer der Erklärung der Spielregeln gibt es keinen Audiokommentar, es sind lediglich die Umgebungsgeräusche zu hören.

Das Rätsel hat einen pädagogischen Wert. Der Blick für das Detail wird geschult und belohnt werden die, die das eigene und das andere Land genau kennen und bis ins kleinste Detail unterscheiden können.

Die Auflösung des Rätsels aus der vorherigen Sendung zeigt, dass die Farben eines Schildes für LokführerInnen in Deutschland und in Frankreich unterschiedlich sind und dies richtig entdeckt und erkannt werden musste. Es wird also die Differenz herausgestrichen und gezeigt, was anders ist.

Conclusio

Die Sendung Karambolage stellt die deutsche und die französische Kultur als klar umrissen dar und beschreibt sie als erkennbare, beschreibbare Konstanten. Details aus der Alltagskultur ergeben ein Bild der kulturellen Nation. Alltägliches Verhalten, Instituten und System stehen dabei als Repräsentanten für Kultur und die Sendung Karambolage geht somit von einem recht weiten Kulturbegriff aus. Dadurch wird den ZuschauerInnen Bekanntes repräsentiert und die Möglichkeit der Identifikation geboten. Die ZuschauerInnen können sich einer Kultur zugehörig fühlen und haben die Möglichkeit sich über ein Anderes zu definieren und sich dem Eigenen zuzuordnen.

Deutschland und Frankreich werden ebenbürtig dargestellt. Kultur, im Sinne von deutscher bzw. französischer Nationalkultur, wird nicht als natürliche, wesensinnere Eigenschaft der BewohnerInnen dieses Landflecks gezeigt, sondern als soziale, geformte Praxis.

In sehr ähnlichem Ausmaß kommt es zu Wertungen über die jeweiligen Kulturen, welche sich aus den Subjektpositionen der AutorInnen ergeben. Die MacherInnen der Sendung sind um Völkerverständnis, Anerkennung und Interesse an anderen Kulturen bemüht und sie zeigen Frankreich und Deutschland voller Respekt und Achtung. Der Beitrag ‚Art und Weise‘ versucht ein bestimmtes kollektives Verhalten, das Begrüßungsritual, anschaulich zu erklären und nachvollziehbar zu machen.

Die Kultur eines Staates und somit der Nationalstaat als Konstrukt an sich werden dabei nicht in Frage gestellt. Dass es eine französische und eine deutsche Kultur gibt, wird unhinterfragt reproduziert. Die deutsche und französische Einheit wird immer wieder betont und dadurch gestärkt. Mehrmals wird von einheitlichen kulturellen Praxen, Verhaltensweisen, Positionen und Fähigkeiten gesprochen und regional vorfindbare Phänomene werden mit der ganzen Kultur in Verbindung gebracht. Das Trennende wird überbetont, markiert und erhält einen Bedeutungszuwachs. Identitätifikation wird möglich durch die Schaffung von Gemeinsamem nach Innen (Einheit) und Trennendem nach Außen (Differenz). Damit hat sich die in der Einleitung formulierte These, dass die Differenz markiert und betont wird, und die französische bzw. deutsche Kultur als einheitlich präsentiert werden, bewahrheitet. Karambolage als interkulturelles, binationales Produkt bietet dabei zwei verschiedene Identifikationsmöglichkeiten an, die französische und die deutsche. Ziel ist nicht die Auflösung des Trennenden der beiden Staaten, sondern eher eine Toleranz dem Fremden gegenüber. Dabei wird aber, wenn auch vielleicht nicht intentional, das Eigene zu einer kollektiven Identität konstruiert. Gerade im Hinblick auf den Diskurs zur Integration der Europäischen Union und einer gemeinsamen, europäischen Identität, mutet diese Festigung der nationalstaatlichen Kultur als Gegenposition dazu an. Die deutsch-französischen Beziehungen waren immer schon die Triebfeder der europäischen Integration. In der Darstellung von Karambolage erscheinen die beiden Kulturen als eigenständige, unterschiedliche, nach innen einheitliche Systeme. Der europäische Gedanke der Einheit auf Basis der Diversität in einem Europa der Regionen wird damit nicht unterstützt.

In der Analyse sind mehrer Strategien erkennbar geworden:

Zum einen die starke Tendenz zur Verallgemeinerung. Es wird unreflektiert von den Deutschen oder den Franzosen gesprochen. Es sei dahingestellt, ob die MacherInnen dies berücksichtigen und reflektieren, oder ob eine andere Herangehensweise aufgrund der im Fernsehen üblichen Sprache nicht möglich oder zu kompliziert ist. Es ist jedenfalls keine Sensibilität und auch kein Versuch in diese Richtung erkennbar. Aufgrund weniger, einfacher Merkmale werden Einschätzungen und Urteile getroffen, die oft Stereotypen sind. Diese werden reproduziert und durch die Verwendung im Diskurs gefestigt.

Zum anderen ist eine Strategie der Normierung erkennbar. Beobachtungen werden verallgemeinert und damit zu Regeln und Normen erhoben. Mit pädagogischem Eifer wird Wissen vermittelt und so werden die Normen zu Handlungsanweisungen. Gesellschaftlich ,richtiges‘ Verhalten wird explizit erklärt.

Auf der Bildebene kommt es besonders deutlich zur Vereinfachung und zur Stereotypisierung. Die simple Bildsprache reduziert Figuren auf wenige, klar zuzuordnende, semiotische Kodes wie zum Beispiel die Landesfahne oder den Zylinder. Stereotype werden dazu genutzt bestimmte Länder, soziale Gruppen oder das Geschlecht darzustellen. Ebenso wie nationale Kultur werden also auch die Kategorien Klasse und Geschlecht nicht in Frage gestellt und unreflektiert reproduziert.

Die Sendung ist aber nicht nur kritikwürdig. Vor allem der Beitrag ,Inventar‘ zu den Mülltonnen in Berlin und in Paris stellt beide Orte als ebenbürtig dar, nimmt keinerlei Wertungen vor, reproduziert keine Normen und verallgemeinert nicht. Eher im Gegenteil, denn hier werden nicht die beiden Länder miteinander verglichen, sondern zwei Städte, wobei es eben durchaus objektiv gesehen Parallelen geben kann.

Karambolage ist auch insofern eine fortschrittliche Sendung, als dass sie keine Kultur als höher wertig oder besser darstellt. Dies gilt nicht nur für die deutsche und die französische Kultur, sondern für alle Kulturen. Ebenfalls erwähnt werden muss, dass keine biologische Differenz gezogen wird oder Unterschiede an der natürlichen Umwelt festgemacht werden. Blut und Boden als Kriterien zur Konstruktion von Differenz werden in keinster Weise bedient. In der Sendung wird keine wesenhafte oder essenzhafte fixe Identität propagiert. Die Sendung bemüht sich um das gegenseitige Verständnis und dieser Versuch ist durchaus lobenswert. Einem System der Konkurrenz zwischen den Staaten, dass die europäische Geschichte lange geprägt hat, wird das Wasser abgegraben und damit das Friedensprojekt Europa unterstützt. Fraglich ist aber, welches alternative Konzept Karambolage vor Augen hat und ob eine sich auf kollektive Gegensätze berufende Kultur wünschenswert ist. Menschen aus anderen kulturellen Kontexten werden dabei weiterhin als anders wahrgenommen, und der Schritt zur Ausgrenzung ist nicht weit.

Universität Wien, Sommersemester 2009

1 Vgl. Claire Doutriaux: Karambolage. Kleines Buch der deutsch-französischen Eigenarten. München: Knesebeck 2006. S. 6.

2 Vgl. Inge Gräßle: Der europäische Fernseh-Kulturkanal ARTE. Deutsch-französische Medienpolitik zwischen europäischem Anspruch und nationaler Wirklichkeit. Frankfurt am Main: Campus 1995. S. 215.

http://www.arte.tv/de/alles-ueber/ARTE-Gruppe/Chronik/2153580,CmC=2196170.html [zuletzt aufgerufen am 4.7.2009].

4 Ebd.

5 Vgl. Inge Gräßle: Der europäische Fernseh-Kulturkanal ARTE. S. 29-34.

. http://www.arte-tv.com/static/c5/pdf/zwischenstaatlicher_vertrag.pdf, S. 2 [zuletzt aufgerufen am 4.7.2009].

7 Vgl. Claire Doutriaux: Karambolage. S. 6.

8 Vgl. ebd. S. 7.

Anzusehen unter: http://www.arte.tv/de/Videos-auf-ARTE-TV/2151166,CmC=2678722.html [zuletzt aufgerufen am 4.7.2009].

10 Wolfgang Müller-Funk: Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung. Wien: Springer 2002. S. 10.

11 Ebd. S. 10.

12 Ebd.

13 Ebd. S. 12.

14 Zwischenstaatlicher Vertrag zum Europäischen Fernsehkulturkanal. S. 2.

15 Vgl. Stuart Hall: „Die Zentralität von Kultur. Anmerkungen über die kulturelle Revolution unserer Zeit.“ In: Hrsg. von Andreas Hepp/Martin Löffelholz: Grundlagentexte zur transkulturellen Kommunikation. Konstanz: UVK 2002. S. 108.

16 Vgl. ebd. S. 113.

17 Friedrich Krotz: Mediatisierung. Fallstudien zum Wandel von Kommunikation. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2007. S. 54.

18 „Stereotyp.“ In: Werner Fuchs-Heinritz; Rüdiger Lautmann; Otthein Rammstedt (Hg.): Lexikon zur Soziologie. 4.Auflage. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften 2007. S. 636.

19 Ebd.

20 Stuart Hall: „Wer braucht Identität?“ In: Ders.: Ideologie Identität Repräsentation. Ausgewählte Schriften 4. Hamburg: Argument 2008. S. 169.

21 Vgl. ebd. S. 169f.

22 Vgl. ebd. S. 170.

23 Ebd.

24 Ebd. S. 171.

25 Ebd. S. 171.

26 Ebd.

27 Friedrich Krotz: Mediatisierung. S. 52.

28 Vgl. ebd. S. 53.

29 Ebd. S. 56.

30 Symbol und Zeichen werden in der vorliegenden Arbeit synonym verwendet.

31 Vgl. Oliver Marchart: Cultural Studies. Konstanz: Utb 2008. S. 141.

32 Ebd. S. 142f.

33 Friedrich Krotz: Mediatisierung. S. 70.

34 Vgl. ebd.

35 Ebd.

36 Vgl. James W. Carey: Communication as culture. Essays on Media and Society. Boston: Unwin Hyman 1989. S. 18.

37 Vgl. ebd. S. 43.

38 Ebd. S. 33.

39 Ebd. S. 81.

40 Vgl. Friedrich Krotz: Mediatisierung. S. 82.

41 Vgl. ebd. S. 81f.

42 Ebd. S. 82.

43 Vgl. ebd.

44 Claire Doutriaux: Karambolage. Sendung vom 24.5.2009.

45 Ebd.

46 Ebd.

47 Ebd.

48 Ebd.

49 Ebd.

50 Ebd.

51 Ebd.

52 Ebd.

53 Ebd.

1880. Musée d’Orsay, Paris. Online anzusehen unter: http://www.musee-orsay.fr/

de/kollektionen/werkkatalog/notice.html?no_cache=1&zoom=1&tx_damzoom_pi1

[zoom]=0&tx_damzoom_pi1[xmlId]=001134&tx_damzoom_pi1[back]

=%2Fde%2Fkollektionen%2Fwerkkatalog%2Fnotice.html

%3Fno_cache%3D1%26nnumid%3D1134 [zuletzt aufgerufen am 10.7.2009]. Und: Edouard Manet:

55 Claire Doutriaux: Karambolage. Sendung vom 24.5.2009.

56 Ebd.

57 Ebd.

58 Ebd.

59 Ebd.

60 Ebd.

61 Ebd.

62 Ebd.

63 Ebd.

64 Ebd.

65 Ebd.

66 Ebd.

67 Ebd.

68 Ebd.

69 Vgl. ebd.

70 Ebd.

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