Sarah Ambrosi: Projektionen. Diagrammatologie als Theorie des strukturellen Zusammenhangs von Imagination, Operation und Wissen.

Wenn man also … den Gedanken akzeptiert, dass Landkarten als Träume beginnen, ein endliches Leben in der Welt durchlaufen und dann wieder als Träume weitergehen, können wir sagen, dass diese Paramorphoskope … die Architektur des Traums offenbaren, alles dessen, was sich dem Netzwerk gewöhnlicher Länge und Breite entzieht…1
Thomas Pynchon

Zur Orientierung

Der folgende Text entstand aus der ersten Berührung mit einem – wenn ich so sagen darf – neuen erkenntnistheoretischen Ansatz: ‚der‘ Diagrammatologie.2 Diese geht davon aus, dass Verräumlichung im Allgemeinen und die Zweidimensionalität des Papiers oder der Karte im Besonderen beim Vorgang des Erkennens eine große Rolle spielen, weil ein derartiges Anschaulich-Machen von Relationen in gewisser Weise die Simulation des Gegenstands ist und so die effektive Möglichkeit bietet, mit einem virtuellen Gedankending manuell zu operieren. Die Diagrammatologie vertritt die – übrigens schon für Kant nicht völlig fremde – These, dass das Denken nicht bloß mit Ideen bzw. Begriffen operiert, sondern dass das Sichtbarwerden von Relationen im Diagramm, das Fassbarwerden von Räumen und Landschaften in der Karte oder auch nur die Materialität der Schrift die Experimentierfähigkeit und Kreativität der Vorstellungskraft als zentral in das Geschehen der Wissensproduktion involviert zeigen. Die hiermit bezeichnete Akzentverschiebung im Denken des Denkens brachte mich dahin, den Begriff der Projektion in diesen Kontext zu implantieren und anhand seiner eben den Versuch zu unternehmen, die Funktion der Imagination für das bzw. den Anteil der Fantasie am Erkennen3 herauszustellen. Dieses Bewusstsein um die Relevanz der Vorstellungskraft für die Produktion von Epistemen ist nicht nur für Skeptiker bzw. Erkenntniskritiker von Interesse, sondern auch deshalb, weil es uns ermöglicht, spielerisch und souverän mit dem umzugehen, was wir Wissen nennen und uns in Stand setzt, solches buchstäblich zu erfinden, uns also sozusagen aus dem Stehgreif und immer wieder neu zu orientieren. Der Begriff der Projektion war aus verschiedenen Gründen für mein Vorhaben wie prädestiniert: Als Trajekt aus der Psychologie verweist er auf den Einfluss der subjektiven Intentionalität auf das Verstehen. Als Technik zur Herstellung von Karten und bewegten Bildern steht er für das Instrument der Veranschaulichung; insgesamt ist er ein an Assoziationen und Anschlussmöglichkeiten reiches Synonym für unterschiedlichste Vorgänge der Übertragung, der Analogisierung, der Übersetzung – er beschreibt und erlaubt Verfahren der Transponierung zwischen verschiedenen Dimensionen, Ebenen, Wissens- und Handlungsbereichen.

Projekt

Die Notwendigkeit von Orientierung, von einigermaßen verlässlichen Direktiven für unsere Überzeugungen und Verhaltensweisen4, steht in einer Zeit, in der die ehemals durch staatliche Autorität oder andere strenger konventionalisierte Ordnungssysteme gewährleistete Verbindlichkeit und Konsistenz von Wissensdiskursen dekonstruiert zu sein scheint, mehr denn je außer Frage. Wie sich orientieren, wie Neuland erschließen, wie Regeln finden, die der Vielfalt des Begegnenden, den alltäglichen Ausnahmezuständen, der Komplexität der Welt Rechnung tragen – und dennoch nicht dem irrenden Verlorensein im Labyrinth urbaner wie globaler Wirklichkeit überlassen bleiben? Eine künftige Diagrammatologie5 scheint plausible Vorschläge auf die Frage zu gestatten, wie der menschliche Verstand arbeitet, wie er Zusammenhänge erschließt und herstellt – jenseits einer rigorosen Subsumtion alles Konkreten unter ein solides kategoriales System. Das Diagramm weist auf das „transzendentale Feld“6 selbst, in welchem Kategorien und Ordnungsstrukturen allererst entstehen und sich fortwährend transformieren: eine Betrachtung des Erkennens als diagrammatischem Vorgang lässt also die menschliche Fähigkeit nicht nur zur Anwendung, sondern zur situativen Generierung von Gesetzen, Regeln und Maßstäben sichtbar werden.

Den Begriff der Projektion im Kontext einer Erforschung der diagrammatischen Verfasstheit des Erkenntnisvorganges ins Spiel zu bringen, heißt, letztere auf ihre Tradition, ihre Grenzen und Möglichkeiten, sowie auf ihre Vorzüge gegenüber einer rein an Sprache orientierten Epistemologie hin zu befragen. Eine Diagrammatologie hat jedenfalls den Vorzug, das Erkennen von vornherein und plausibel an den Akt der Objektivation und Manipulation zu binden. Wissen bedeutet hier wissen wie oder „ich kann“7, ist also stets (inter)agierend, abduzierend, „experimentell“8 und kreativ. Der Begriff der Projektion lässt im Gegensatz dazu auf den ersten Blick ein weit idealistischeres9 Konzept des Erkennens vermuten, ist in vorliegender Arbeit aber mitnichten so gemeint – zumindest dann nicht, wenn Idealismus, in der Tradition des cartesischen Cogito als radikale Trennung zwischen Geist und materieller Wirklichkeit verstanden wird. Was hier interessiert, ist vielmehr die auch dem Projektionsvorgang inhärente Verknüpfung von Imagination und Realisation bzw. Materialisation oder kurz: Invention.10

Der Begriff der Projektion wird in verschiedensten Disziplinen11 gebraucht und besitzt eine entsprechende Bedeutungsvielfalt. Anthropologisch ließe sich vielleicht behaupten, dass das Projektieren von Zukünftigem, von noch zu erreichenden Zwecken – und die damit einhergehende Perspektivierung der Intentionalität – für den Menschen ziemlich charakteristisch, ja lebensnotwendig ist. In der Geometrie, aus der der Begriff ursprünglich stammt, ist Projektion ein Verfahren zur „Abbildung räumlicher Gebilde auf einer Ebene“12, wobei Perspektivität eine große Rolle spielt. Dies ist auch in der mit ihr eng verwandten Kartografie der Fall, die zudem auf den utopischen Charakter einer Strukturierbarkeit und Strukturiertheit der bedrängenden Mannigfaltigkeit und bestürzenden Übermacht der uns umgebenden Welt hinweist: Orientierung ist Orientierung auf der Karte, nicht im Raum – aber dazu später. Auch in der Optik ist, wie in der Geometrie und Kartografie, die zweidimensionale Fläche von zentraler Wichtigkeit: Sie ist der Ort, an dem – durch eine Linse gebündelt und projiziert – etwas sichtbar wird, was sich dort gar nicht befindet.13 Die Psychologie schließlich betont die Relativität und Konstruiertheit unserer Wirklichkeit, indem sie die Projektionstätigkeit als konstitutiv für die menschliche Erkenntnis der Außenwelt beschreibt:

Dieser Theorie [der Projektionstheorie Freuds] zufolge werden sämtliche unbewußten Anteile eines Konflikts im Inneren des Menschen als äußere Vorgänge wahrgenommen. „Das unbewußte Gefühl, von dem man nichts weiß und auch weiter nichts wissen will, wird aus der inneren Wahrnehmung in die Außenwelt geworfen, dabei von der eigenen Person gelöst und der anderen zugeschoben.“ [Projektion ist aber] „nicht nur für die Abwehr geschaffen, sie kommt auch zustande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion innerer Wahrnehmungen nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem z.B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen.14

An dieser Stelle schon wird deutlich, wo die Gemeinsamkeiten von Diagramm und Projektion liegen: Beide sind Bezeichnungen für Vorgänge des Sichtbar-Machens, des Vergegenwärtigens oder Objektivierens, und beide weisen auf den engen Zusammenhang sowohl von Imagination und Wissen, als auch von Verstehen und Handeln bzw. Operieren.

Was am Begriff der Projektion im Kontext einer Erkenntnistheorie vielleicht misshagt, ist die Konnotation von Einbildung oder Erdichtung, seine Tendenz, Wissen skeptisch als anthropomorphe Spekulation abzuwerten. Aber – und das ist der Standpunkt, dessen präzisere Beschreibung vorliegender Aufsatz versuchen möchte – ist es nicht möglich, Idealist oder Konstruktivist zu sein, und dennoch darauf zu bestehen, dass unsere kategorialen Systeme Welt als geordnete zwar imaginieren, wir gleichwohl – oder erst und gerade dadurch – aber in der Lage sind, dort zu agieren? Was hiermit gemeint sein kann, wird sich im Laufe der Arbeit hoffentlich genauer zeigen.

Imagination

Der Mensch, das Wesen, das sich aufrichtet und den Nahbereich seiner Wahrnehmung verläßt, den Horizont seiner Sinne überschreitet, ist das Wesen der actio per distans. Er handelt an Gegenständen, die er nicht wahrnimmt.15

Vielleicht ist keine der Fähigkeiten des Menschen für sein Überleben so wichtig und für seine Seinsweise so grundlegend und signifikant wie die Vorstellungskraft. Imagination meint an dieser Stelle zweierlei: Die menschliche Kraft der Vorstellung, der Idee oder des Ideals, eines ‚So-soll-es-Sein‘, welches sich – positiv oder negativ – vom Tatsächlichen unterscheidet, wie auch die Kraft zu dessen Veranschaulichung, ja zu dessen Materialisierung oder Realisation. Was der Mensch sich vorstellt, wird er als Exemplifiziertes16 wiederfinden in dem ihm Begegnenden und Zustoßenden.

Recht bedacht ist fast jeder Augenblick des menschlichen Lebens auf etwas Abwesendes gerichtet, auf eine Zukunft, um deren Antizipation und Gestaltung wir andauernd bemüht sind.17 In engem Zusammenhang damit steht wohl der Aufschub unmittelbarer Bedürfnisse, die Transformation des nackten Begehrens in einen Willen, der die Wünsche und Erfordernisse der Gegenwart jenen vor der Zeit entworfenen zukünftigen unterordnet, auf die hin er arbeitet. Die Vorstellungskraft bringt – als Projekt in die Zukunft und als Organisation der Gegenwart – die Dinge, die Welt und den Menschen selbst unter einen Zweck, sie generiert die Perspektive, unter der er Begegnendes betrachtet, begreift und manipuliert, und nach der er sein eigenes Tun versteht und richtet. Das zu erreichende Ziel fokussiert und strukturiert alles, was auf dem Weg dorthin erscheint und geschieht, es hält die Mannigfaltigkeit des Jetzt auf Distanz und bringt sie in die Ordnung ihrer Funktion.

Schon hier lässt sich ein eigenartiges Doppel ausmachen, das für den menschlichen Umgang mit Welt wohl grundlegend ist: Der Vorgang der Vergegenwärtigung stellt die konstitutive Kehrseite der zugleich schützenden und orientierenden Distanzierungsbewegung dar. Das Wesen der actio per distans tauscht Gegenwart und Zukunft sozusagen gegeneinander aus, es vergegenwärtigt Mögliches und bringt das Wirkliche in der gleichen Bewegung auf den Vektor des anvisierten Zwecks: Die Zukunft wird herangeholt während die Gegenwart ewig nur bevorsteht.

In die volle Welt, in der die konkrete Bewegung sich abspielt, gräbt die abstrakte Bewegung eine hohle Zone der Reflexion und Subjektivität, sie überschiebt dem physischen Raum einen virtuellen oder menschlichen Raum. Die konkrete Bewegung ist zentripetal, die abstrakte Bewegung ist zentrifugal, die erste hat statt in der Wirklichkeit oder im Sein, die zweite im Möglichen oder im Nicht-sein, die erste heftet an einen gegebenen Hintergrund sich an, die zweite entfaltet ihren Hintergrund selbst. Die normale Funktion, die eine abstrakte Bewegung ermöglicht, ist eine „Projektions“-Funktion, durch die das Bewegungssubjekt vor sich einen freien Raum sich schafft, in dem, was in natürlichem Sinne nicht existiert, einen Anschein von Dasein gewinnen kann.18

Die Vorstellungskraft schreibt also Sukzessionslinien in die Unermesslichkeit der Zeit, sie bringt zur Erscheinung, was nicht da, aber gerade gefordert ist, sie wirft einen Anker in die Zukunft, gibt dem Augenblick ein Ziel und bringt auch Vergangenes noch auf diesen Kurs: das Vorwegnehmen der im Dunkeln liegenden Zukunft schafft Orientierung – paradoxerweise.

Paradox ist diese Orientierungsleistung eben deswegen, weil sie nicht – wie es vordergründig für die Festlegung von Maßstäben notwendig scheint – von gesichertem Terrain aus erfolgt, sondern mit ebenso veränderlichen wie unwägbaren Anhaltspunkten arbeitet. Diese können eventuell retrojektiv vervollständigt, begründet oder gegebenenfalls modifiziert werden.19 Paradox ist dieser Vorgang auch, weil er Zeit – im Sinne von Identität, Kontinuität, und Kausalität20 – voraussetzt, sie zugleich aber erst erzeugt: die Projektion in die Zukunft schafft, wie wir gesehen haben, richtungweisende Kontinuität, wird aber gleichzeitig durch die unhinterfragte Annahme einer relativen, d.h. substantiellen Beständigkeit der Gegenstände, der Welt und des Menschen bedingt. Beschreibt Kant den inneren Sinn als transzendentale Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung, so müssen wir seine Erkenntnis an dieser Stelle durch den Gedanken erweitern, dass Zeit nicht eine dem menschlichen Verstand rein a-priori oder ontogenetisch zukommende Anschauungsform ist, sondern durch seine Projektionen und Operationen erst hervorgebracht und rückwirkend als Kontinuität wahrgenommen wird.21 – Oder meint Kant etwa genau das?

Objektivation

Objektivation bedeutet hier Vergegenständlichung im ganz wörtlichen Sinn: einen Gegenstand herzustellen. Dies meint einerseits die oben schon beschriebene Bewegung des vorstellenden Beibringens von Abwesendem, Zukünftigem oder Idealem, aber andererseits und genereller auch jene des abstrahierenden Identifizierens einer Mannigfaltigkeit mit einem einheitlichen, isolier- und definierbaren Gegenstand oder einem beharrlichen „Dingzustand“22. – Auch bei der Objektivation spielt also Zeit eine Rolle, auch sie beruht auf der Identitäts- und Kausalitätsannahme, die im Zuge eben der Vergegenständlichung erst befestigt wird.

Außerdem bereichert der Begriff der Objektivation jenen der Projektion aber um den Aspekt einer – wie auch immer gearteten – Materialisierung, indem er von der eng mit Zeitlichkeit verknüpften Ebene der Imagination auf die der Wirklichkeit und des Raumes wechselt. Dabei reproduziert die Objektivation die vorhin erwähnte Distanzierungsbewegung als lokale Trennung von Subjekt und Objekt. – Die Benutzung von Landkarten zum Beispiel23 bestätigt diese Behauptung in allerdeutlichster Form: Der Raum, welcher den Menschen tatsächlich mit einer bestürzenden Unfasslichkeit umgibt24, liegt plötzlich als völlig überschaubarer vor ihm, ihm gegenüber – und sogar in seinen Händen. Dieser nur aufgrund seiner Virtualität strukturierte Raum der Karte ist es, als dessen wir uns Herr fühlen und in welchem wir uns orientieren können: In der realen Landschaft – und sei sie auch urban – wirken und sind wir so verloren wie zuvor.

An Diagrammen lässt sich der Vorgang der Objektivation gut veranschaulichen: Die Materialität von figurativen Variablen erweist sich als konstitutiv für die operative und experimentelle Auseinandersetzung mit eigentlich imaginierten und von ihrer riskanten und nicht völlig kalkulierbaren Eigenständigkeit befreiten Gegenständen. Der Gegenstand wird so nicht nur zu einem ungefährlichen und berechenbaren Objekt, er wird zum Objekt vor allem auch deshalb, weil er um seiner Manipulierbarkeit willen einerseits von der Interpretation und dem Tun des Subjekts separiert, letzterem aber andererseits in ganz bestimmter Weise unterworfen werden muss: Das Subjekt stellt sich ein Objekt gegenüber, das genügend Unselbständigkeit besitzt, um der von ihm intendierten Operation jedenfalls zu willfahren, aber auch genug Eigenständigkeit, um während der Bearbeitung seine Identität zu sich selbst und seine Differenz zum Subjekt aufrechtzuerhalten.

Das Motiv der Projektion besteht auf den ersten Blick im Unterscheiden zwischen Innen und Außen; das bedeutet vor allem, daß die Projektion dort einsetzt, wo die Differenzen zwischen Innen und Außen verschwimmen und wieder neu bestimmt werden müssen. Demnach besteht im Menschen die Not zu differenzieren, welche sich als Sicherung der Möglichkeit erweist, überhaupt erst existieren zu können. Die Projektion kann daraufhin als ein Differenzphänomen begriffen werden, welches die drohende Indifferenzierung von Innen und Außen aufhält und die Trennung zwischen Innen und Außen, Körper, Ding und Geist wieder restituiert.25

Dass der Gegenstand zu einem – im zweifachen Sinn – objektiven wird, ist für seine Manipulierbarkeit also konstitutiv: Als ein mehr oder weniger handliches, aus seinen genuinen Zusammenhängen losgelöstes Objekt ist er der Bearbeitung durch den Menschen besser zugänglich, und nur als ein vergegenständlichtes und somit unter allgemeinen und immer schon vermittelten Gesichtspunkten erfasstes Ding ist er konsequent zu untersuchen und methodisch zu funktionalisieren. Würde der ‚Gegenstand‘ nicht objektiviert, sondern bliebe das singuläre, in je besonderen Bedeutungsgefügen und vielfältigen Relationen zu seiner Umgebung stehende, einer Isolation und Identifizierung widerstrebende Seiende (oder eben die reine, nicht mit Bestimmtheit zu lokalisierende Intensität des Eindrucks), so müsste immerzu und für alles Begegnende eine neue und absolut einmalige Umgangsweise gefunden werden – ja wahrscheinlich wäre ein Verhalten im ‚menschlichen‘, willentlich-intentionalen Sinn unmöglich.

Mit derartigen objektivierenden Verfahren wird also das ich kann erzeugt und so etwas wie Evidenz. Wirklichkeit wird hergestellt26 – nicht nur durch erklärende, rein ideelle und monolaterale Projektion von kategorialen Mustern auf Reales, sondern durch schlichte Handhabung oder handgreifliche Bearbeitung des Bestehenden mittels Projektionen, sowie natürlich durch die tatsächliche Verwirklichung von Vorstellungen. Objektivation beruht letztlich auf einer äußerst fragilen referenziellen Verbindung zwischen den strukturierten Vorstellungen (Idee, Begriff oder Schema, Karte und Diagramm) und der ihnen nur dürftig entsprechenden Welt: die Kluft muss permanent überbrückt, der Kontakt immerzu erarbeitet, erneuert und stabilisiert werden.

Operation

Wenn das vorhergehende Kapitel vielleicht den Anschein erweckt hat, zu behaupten, dass der Gegenstand zuerst objektiviert, und dann manipuliert würde, so muss an dieser Stelle gleich eine Richtigstellung folgen: Eine Präfiguration des Gegenstandes findet jedenfalls schon statt, wenn er imaginiert und indem er objektiviert wird. Die projektive Herstellung einer Referenz zwischen Vorstellung und Wirklichkeit allein reicht zur Modifikation letzterer schon aus: Indem eine intentionale Struktur – wie ein Paramorphoskop27 – angelegt wird, wird der durch sie betrachtete Gegenstand verstanden als ein bestimmtes und verfügbares Etwas. Der Mensch antwortet vor der Zeit auf Umstände, von denen er tatsächlich gar nicht wissen kann, ob sie eintreten und wie sie verfasst sein werden, er behandelt das Begegnende, als wäre es das Vorgestellte und Erwartete: unbemerkt wird es dasselbe. Die Projektion wird zum Ereignis, das als Wirkliches entgegentritt – und fast wirkt es so, als schüfe der Mensch durch seine Gedankenkraft Welt.

‚Operation‘ bezeichnet also das Ineinander von Verstehen28 und Agieren, wobei das Verstehen eben nicht – zumindest nicht generell – als vorgängiges gedacht werden darf, sondern als eine wesentliche Komponente des operativen Aktes begriffen werden muss. Verständnis und Aktion sind je schon vermittelte Tätigkeiten – vermittelt einerseits, weil Objektivation wie Operation den Gegenstand in ererbten konventionellen Ordnungssystemen erfassen, ihn durch subtile Modulation des Blicks in diese einarbeiten; – vermittelt andererseits aber auch, weil Verstehen und Agieren einander gegenseitig bedingen, hervorbringen und modellieren, weil sie – bis zur Ununterscheidbarkeit – ineinander übergehen. Die Operation handelt zwar am Konkreten, aber sie versteht den Gegenstand als allgemeinen, begreift ihn nach generellen Strukturen, die sie auf ihn überträgt und an ihm sichtbar werden lässt, weil sie mit ihm umgeht, als wären sie ihm inhärent, als wären sie dem Singulären substantiell. – Die Generalisierung ist die Form, in der Konkretes als Zu-Handhabendes und Handhabbares nur erscheinen kann, sie ist die menschliche Verhaltensweise, welche eine intentionale Vorstellung an beliebigen Dingen sich materialisieren lässt: „Verstehen heißt, die Übereinstimmung erfahren zwischen Intention und Vollzug, zwischen dem, worauf wir abzielen, und dem, was gegeben ist.“29

Dies ist aber doch nur die eine der beiden Seiten, die Gleichung Verstehen = Operieren lässt sich auch umkehren in Operieren = Verstehen. Ist Objektivation die Bedingung für eine planvolle Bearbeitung des Gegenstands, so lässt sich spiegelbildlich auch behaupten, dass das Operieren grundlegend für ein adäquates Verständnis von Welt ist – und zwar insofern, als ein Verstehen, solange es allgemein bleibt, leer ist und bedeutungslos, und es seinen Sinn und Charakter erst offenbart, indem es konkrete Praxis wird.30 Allerdings sind wir an dieser Stelle noch nicht über Kants Diktum, dass „Begriffe ohne Anschauung leer und Anschauungen ohne Begriffe blind“ seien hinaus – wir gehen immer noch vom Verstehen aus, wenn auch von einem, welches sich in der Praxis be(s)tätigen muss. Doch die Gleichung Operieren = Verstehen meint – vor allem in der Diagrammatologie – noch etwas anderes, nämlich durch Operation zu Erkenntnis zu gelangen oder agierend zu verstehen. Und tatsächlich ist es in den meisten alltäglichen Situationen so, dass wir Gegenstände erforschen, indem wir mit ihnen hantieren. Zwar haben wir ein Reservoir an gesammelten Erfahrungen, auf die wir zurückgreifen, aber dennoch geschieht dies bloß indirekt insofern, als sie in unser Können, in unser Verhalten eingeschrieben sind und nicht etwa bewusst erinnert oder vorsätzlich herangezogen werden müssen: Es ist dies „[e]in Wissen, das in den Händen ist, das allein der leiblichen Betätigung zur Verfügung steht, ohne sich in objektive Bezeichnung übertragen zu lassen“31. So iterativ Wirklichkeit auch scheinen mag, wir tragen der Singularität der Ereignisse in unserem Umgang doch irgendwie Rechnung, der Augenblick verliert seine Neomorphie und Einzigartigkeit niemals ganz. – Letztlich ist die Operation also ein Experiment, ein Spiel, bei dem nach Regeln gespielt wird, die erst und immer neu gefunden werden müssen.

Wissen

Aus dem bisher Erarbeiteten lässt sich vielleicht folgende Beschreibung von Wissen extrapolieren: Wissen32 ist nicht einfach eine ein- für allemal gewonnene und jetzt und immer gültige Erkenntnis oder so etwas wie eine systematische und totale Enzyklopädie von Regeln für das Wirkliche und das Wahrscheinliche, auf die wir im Umgang mit Welt zurückgreifen könnten. Es beruht vielmehr auf Projektionen, auf vagen Entwürfen und Hypothesen und ist eine flexible, situative und kreative Verhaltensweise des als ob, die einen orientierenden Maßstab allererst generiert, indem sie sich experimentierend nach ihm richtet. Die Hypothese ist eine prognostizierende Imagination, die die intentionale Perspektive entwirft, innerhalb derer überhaupt erst Wissen produziert, verifiziert und falsifiziert werden kann.33 Objektivation oder Vergegenständlichung ermöglicht die Manipulation des jeweiligen Objekts, und letztere ist zugleich der Inbegriff von Wissen: ein Verstehen-Als und ein Wissen-Wie.

Nun ist die Bedingung der Operation oder des Wissen-Wie die Herstellung der Referenz zwischen Wirklichkeit und Vorstellung – jener intentionalen Vorstellung, die einen Zweck setzt, wie auch jener strukturierenden, die den Gegenstand erst zum Objekt macht. Das Moment der Imagination lässt die Vorstellung und den realen Gegenstand ineinander verschwimmen und erzeugt derart Evidenz: Die Struktur wird in den Gegenstand hineingesehen, auf seine Oberfläche projiziert oder wie eine Folie über ihn gezogen, die die Knotenpunkte sichtbar macht, an denen eine Operation ansetzen kann. Gleichzeitig wird gerade durch die Operation aber auch erst Referenz hergestellt. Wieder ist es das Beispiel der Landkarte, das dies veranschaulichen kann: Will ich mich in einem Landstrich orientieren, so projiziere ich die Maske der Karte auf den wirklichen Raum, diese filtert und strukturiert nun die Mannigfaltigkeit der Welt derart, dass ich mich in ihr orientieren kann. – Dazu sind jedoch auch noch Anhaltspunkte und Kriterien nötig, die die ‚Übereinstimmungʻ von Karte und Raum immer wieder erzeugen und bestätigen können: Ich muss mich und die mich umgebende Landschaft in der Karte verorten – mein Orientierungsbedürfnis stellt also die Beziehung zwischen dem realen Raum und demjenigen, der als Karte offen vor mir liegt, allererst her: In der Virtualität der Karte verstehe ich die mich verschlingende Landschaft als gebändigte und begehbare, ich begreife sie als erschlossene und durch mich erneut erschließbare.

Wichtig dabei ist, dass Orientierung gerade durch Unähnlichkeit und Nicht-Entsprechung von Vorstellung und Wirklichkeit ermöglicht wird, denn korrespondierte, wie bei Jorge Luis Borges34, die operative Folie der Realität eins zu eins, so würde sie nicht nur die Mannigfaltigkeit der Details, sondern auch die Irritationen verdoppeln. Dies lässt darauf schließen, dass sowohl die vorgestellte Struktur, als auch die Regeln zur Referenzherstellung relativ unscharf35 sind – und dass dies nicht nur im anfangs beschriebenen Sinne paradox, sondern für intentionales Verhalten konstitutiv und bedingend ist. Denn die Ordnung der Vorstellung ist orientierend gerade deshalb, weil sie nicht en-detail geschieht, sondern grob selektiert und nur Relevantes projiziert36 – die Folie ist umso übersichtlicher, je abstrakter und reduzierender sie ist. Und die Regeln zur Anwendung, Transformation und Generierung von Direktiven müssen selbst äußerst flexibel sein, ja vielleicht muss man sagen, dass sie – wie Kant es für das ästhetische Urteil37 beschreibt – stets situativ generiert werden. Wissen entsteht also durch den Rückgriff auf Erfahrungen, aber diese ehemals gewonnenen Richtlinien werden stets hypothetisch angewandt und in einer Weise experimentierend, die nicht von einer simplen Anwendung von oder Subsumtion unter Kategorien sprechen lässt, sondern darauf hinweist, dass eine Beschreibung gefunden werden muss, die der Findigkeit und Kreativität gerecht wird, mit der wir konkreten Gegenständen und Ereignissen stets begegnen. Vielleicht ist Peirces Begriff der Abduktion dazu geeignet, genau dies am Erkenntnisvorgang sichtbar zu machen:

Die Abduktion ist der Vorgang, in dem eine erklärende Hypothese gebildet wird. Es ist das einzige logische Verfahren, das irgendeine neue Idee einführt, denn die Induktion bestimmt einzig und allein einen Wert, und die Deduktion entwickelt nur die notwendigen Konsequenzen einer reinen Hypothese. Die Deduktion beweist, daß etwas der Fall sein muß; die Induktion zeigt, daß etwas tatsächlich wirksam ist; die Abduktion vermutet bloß, daß etwas der Fall sein mag. Ihre einzige Rechtfertigung liegt darin, daß die Deduktion aus ihrer Vermutung eine Vorhersage ziehen kann, die durch die Induktion getestet werden kann, und daß es, sollen wir überhaupt jemals etwas lernen oder ein Phänomen verstehen, die Abduktion sein muß, durch die das zustande zu bringen ist.38

Die abduktive Vermutung kommt uns wie ein Blitz. Sie ist ein Akt der Einsicht, obwohl extrem fehlbarer Einsicht. Zwar waren die verschiedenen Elemente der Hypothese schon vorher in unserem Verstande; aber erst die Idee, das zusammenzubringen, welches zusammenzubringen wir uns vorher nicht hätten träumen lassen, läßt die neu eingegebene Vermutung vor unserer Betrachtung aufblitzen. Das Wahrnehmungsurteil seinerseits ist das Resultat eines Prozesses, wenngleich eines Prozesses, der nicht genügend bewußt ist, um kontrolliert zu werden, oder, um es richtiger festzustellen, der nicht kontrollierbar und infolgedessen nicht völlig bewußt ist. Wenn wir diesen unbewußten Prozeß einer logischen Analyse unterwerfen würden, so würden wir finden, daß er in dem endet, was jene Analyse als einen abduktiven Schluß repräsentieren würde, der auf dem Resultat eines ähnlichen Prozesses aufbaut, den eine logische Analyse als durch einen ähnlichen abduktiven Schluß beendet repräsentieren würde und so weiter ad infinitum.39

Schluss

Aus der Verwandtschaft des Diagramms mit der Abduktion und dem Ästhetischen Urteil lässt sich vielleicht ersehen, dass es sich beim Erkennen nicht um einen einfachen Subsumtionsvorgang handelt, sondern dass unser Verstand im selben Zug vorstellt, vergegenständlicht und manipuliert: es handelt sich gewissermaßen um ein unauflösbares Ineinander von Imagination, Operation und Wissen, um eine immanente Simultaneität und Ununterscheidbarkeit von Konkretion und Generalisierung. Eine künftige Diagrammatologie ist also insofern ein Gewinn für die Epistemologie, als sie diffizilere Einsicht in die Komplexität des Erkenntnisvorgangs gewährt, als es eine rein an der Sprache orientierte Theorie vermöchte: Das Diagramm eröffnet tatsächlich die Möglichkeit, dem Denken bei der Generierung und Transformation von Wissen über die Schulter zu sehen, es ist der Schlüssel zum transzendentalen Feld selbst. – Was aber nicht bedeutet, dass wir damit auch endlich ein einwandfreies Kriterium zur Unterscheidung von Sein und Schein, von Projektion und Realität zur Hand hätten, sondern ganz im Gegenteil: Wir sind auf das Gebrechen wie das Potential unseres verstehenden und agierenden Weltzuganges verwiesen: auf seine schöpferische Kreativität. Dies setzt uns in eine Position der ethischen Verantwortung schon auf dem Gebiet der episteme, wie es uns auch eine Gelegenheit der Lust eröffnen kann: Die Möglichkeit einer fröhlichen Wissenschaft.

FU Berlin, Sommersemester 2008

1 Thomas Pynchon: Gegen den Tag. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2008. Übers. v. Nikolaus Stingl und Dirk van Gunsteren. S. 376.

2 Meines Wissens gibt es kein Standardwerk zur Diagrammatologie. Als für eine Orientierung über das mit diesem Begriff bezeichnete Forschungsfeld aufschlussreiche und einschlägige Texte sind jedoch die folgenden anzugeben: Frederik Stjernfelt: Diagrammatology: An Investigation on the Borderlines of Phenomenology, Ontology and Semiotics. Dordrecht: Springer 2007. Martina Hessler/Dieter Mersch (Hg.): Logik des Bildlichen. Zur Kritik der ikonischen Vernunft. Bielefeld: transcript 2009.

3 Erkennen, Verstehen und Wissen werden im vorliegenden Aufsatz vor allem als Orientierungsfunktionen aufgefasst, die ihre Relevanz, Rechtfertigung und Effektivität vor allem aus dem Umgang mit Welt ziehen, aus der Nötigung zum Tun, in die die Existenz uns stellt. Diese Begriffe stehen hier also sozusagen zwischen der leiborientierten Phänomenologie eines Maurice Merleau-Ponty und dem Pragmatizismus von Charles Sanders Peirce. Vgl. den Abschnitt Operation in diesem Text.

4 Vgl. Charles Sanders Peirce: „Die Festlegung einer Überzeugung.“ In: Pragmatismus. Ausgewählte Texte von Ch. S. Peirce, W. James, F. C. S. Schiller, J. Dewey. Hrsg. von Ekkehard Martens. Stuttgart:· Reclam 2002. S. 61-98. V.a. S. 68ff. und S. 79ff.

5 Von einer ‚künftigen‘ Diagrammatologie spreche ich hier deshalb, weil diese als Theorie wie als Methode noch in keiner Weise vollständig entwickelt bzw. anerkannt, sondern allererst im Entstehen ist. Zugleich ist auch der vorliegende Aufsatz vor allem ein Versuch, sich einen Begriff und eine Vorstellung davon zu machen, was eine solche leisten könnte.

6 Vgl. Gilles Deleuze: Logik des Sinns. Übers. von Bernhard Dieckmann. Hrsg. von Karl Heinz Bohrer. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1993. S. 132-142. V.a. S. 138f.

7 Vgl. Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin: De Gruyter 1966. Übers. von Rudolf Boehm. S. 166. Merleau-Ponty gebraucht den Begriff ich kann als Bezeichnung für das primordiale, präkognitive Wissen des Leibes, das dem Lebewesen, ohne den Umweg über etwa die Rationalität oder kultivierte Episteme, ein bestimmtes Verhalten als der jeweiligen bestimmten Situation angemessen nahe legt. Das simpelste Beispiel dafür ist das gedankenlose Hantieren mit alltäglichen Gegenständen (wie z.B. Küchenutensilien), das sich uns als so selbstverständlich gibt, eben weil der Geist im Allgemeinen nicht involviert zu sein braucht, um einen gelingenden Umgang zu garantieren.

8 Vgl. Charles Sanders Peirce: „Was heißt Pragmatismus?“ In: Pragmatismus. S. 99-127. Hier S. 100f.

9 Vgl. H.-M. Sass: „Projektion.“ In: Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hrsg. von Joachim Ritter. Basel: Schwabe 1989. S. 1458-1462.

10 Vgl. Imagination und Invention. Beiheft 2 (2006) von Paragrana. Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie. Hrsg. von Toni Bernhart und Philipp Mehne. Berlin: Akademie Verlag 2006.

11 …außer in den nachfolgend genannten auch noch in der Informatik, Statistik, Chemie, der Physiologie und der Sprachwissenschaft.

12 Francesca Ramas: Zur Theorie der Projektion. Der Projektionsbegriff in der Psychoanalyse und sein Bezug zur Metaphysik. Hrsg. von Rudolf Heinz. Essen: Die Blaue Eule 2007. S. 31.

13 Beispiele dafür wären die Netzhaut des Auges, das Fotopapier und die Kinoleinwand. Vgl. auch die Seiten zur Laterna magica und Camera obscura bei Francesca Ramas: Zur Theorie der Projektion. S. 34-40.

14 Francesca Ramas: Zur Theorie der Projektion. S. 70. Zitiert Freud: „Totem und Tabu.“ In: Gesammelte Werke. Bd. 9. Hrsg. von Anna Freud. Frankfurt am Main: Fischer 1986. S. 12 und S. 81.

15 Hans Blumenberg: Theorie der Unbegrifflichkeit. Hrsg. von Anselm Haverkamp. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2007. S. 10.

16 Zum Begriff der Exemplifikation vgl. die Kapitel „Exemplifikation“ und „Proben und Etiketten“ in: Nelson Goodman: Sprachen der Kunst. Entwurf einer Symboltheorie. Übers. von Bernd Philippi. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1997. S. 59-72.

17 Vgl. Hans Blumenberg: Theorie der Unbegrifflichkeit. S. 26: „Sie [die Prävention] befreit künftige Situationen davon, in der Irritation durch Reize zu ersticken oder zu zerflattern. Sie tut es, indem sie das Mögliche vorweg bearbeitet.“

18 Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 137.

19 Vgl. Nelson Goodman: Weisen der Welterzeugung. Übers. von Max Looser. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984. V.a. Kap. V: „Ein Rätsel bei der Wahrnehmung“, in dem er sich mit Experimenten zur Wahrnehmung und Erzeugung von Bewegung und Veränderung auseinandersetzt.

20 Vgl. die Bemerkungen über Zeit als innerem Sinn im Schematismuskapitel in: Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft. Hrsg. von Ingeborg Heidemann. Stuttgart: Reclam jun. 2003. S. 213-222. V.a. S. 219ff.

21 Dies ist vielleicht ein Hinweis darauf, warum Deleuze so vehement darauf besteht, das transzendentale Feld als unpersönliches außerhalb des Bewusstseins, außerhalb des Subjekts anzusiedeln: Das Subjekt ist in seinen Aktionen nicht im Geringsten autonom oder gar souverän, es ist ein sozusagen passiver Akteur. Vgl. Gilles Deleuze: Logik des Sinns. S.125-132. V.a. S. 129ff.

22 Vgl. ebd. S. 19-29. Mit Dingzustand will ich den leicht als zu einfach misszuverstehenden Begriff des Gegenstandes etwas ausweiten in Richtung auf dynamische Situationen und Ereignisse.

23 Auch die Herstellung von Kinofilmen oder Fotos ist ein gutes Beispiel für den großen technischen Aufwand, den Menschen betreiben, um ihre Eindrücke und Ideen als ein ihnen von außen entgegentretendes Objekt wirklich werden zu lassen: Der Apparat, das ‚objektivereʻ Auge, sieht dabei stellvertretend.

24 Vgl. Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 169ff. „Der Leib ist nicht im Raume, er wohnt ihm ein.“

25 Francesca Ramas: Theorie der Projektion. S. 17.

26 Vgl. ebd. S. 9-29.

27 Thomas Pynchon: Gegen den Tag. S. 376. Dieser Begriff ist ein Neologismus Thomas Pynchons, der m. E. eine optisch Linse bezeichnet, die den durch sie betrachteten Gegenstand auf ungewöhnliche, ungewohnte, ‚unreale‘ Art erscheinen lässt. Pynchon benutzt auch den Begriff des Anamorphoskops, der sowohl für die ver- wie die entzerrenden Effekte bestimmter Linsen steht. Natürlich sind dies Metaphern, auch z.B. für die Wirkung von Literatur.

28 Verstehen benutze ich im Wesentlichen synonym zum Begriff des Erkennens, wobei das Wort Verstehen für mich die Praxis des Umgangs stärker akzentuiert, während Erkennen einen starken traditionell-idealistischen Einschlag behält und immer noch einen rein geistigen Akt zu assoziieren scheint.

29 Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 174.

30 Vgl. Charles Sanders Peirce: Was heißt Pragmatismus? S. 101: „[…] daß ein Begriff, d.h. der rationale Bedeutungsgehalt eines Wortes oder eines anderen Ausdrucks, ausschließlich in seinem denkbaren Bezug auf die Lebensführung besteht.“

31 Maurice Merleau-Ponty: Phänomenologie der Wahrnehmung. S. 174.

32 Wie oben schon erwähnt, akzentuiert der hier gebrauchte Begriff vor allem die praktische Seite dessen, was wir ‚Wissen‘ nennen. Es geht mir in keiner Weise darum, alles Wissen auf eine derartige Praxisrelevanz zu reduzieren; ich möchte lediglich betonen, dass es in dem hier besprochenen Zusammenhang nicht um jene scheinbar selbstzweckhaften akademischen Episteme geht, sondern eben um die Organisation des alltäglichen Umgangs mit Welt.

33 Vgl. Charles Sanders Peirce: „Aus den Pragmatismus Vorlesungen.“ Vorlesung 6: „Drei Typen des Schlußfolgerns.“ In: Ders.: Schriften. Bd. 2: Vom Pragmatismus zum Pragmatizismus. Hrsg. von Karl-Otto Apel. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1970. S. 357-365. Hier S. 360 (CP 5.166): „Vielleicht lässt sich der Psychologe herbei, einer Zulassung von Wahrnehmungsurteilen, welche Allgemeinheit involvieren, zuzustimmen, wenn man ihm sagt, daß es sich um Wahrnehmungsurteile handelt, die unsere eigenen Zwecke betreffen. Ich glaube sicher, daß die Gewißheit der reinen Mathematik und alles notwendigen Schlußfolgerns dem Umstand verdankt wird, daß das Schlußfolgern sich auf Gegenstände bezieht, welche die Schöpfungen unseres eigenen Verstandes sind, und daß mathematische Erkenntnis in eine Linie mit der Erkenntnis unserer eigenen Zwecke gestellt werden muß.“

34 Jorge Luis Borges: „Von der Strenge der Wissenschaft.“ In: Ders.: Im Labyrinth. Erzählungen, Gedichte, Essays. Hrsg. von Alberto Manguel. Frankfurt am Main: Fischer 2003. S. 265.

35 Vgl. auch hierzu das Schematismuskapitel bei Kant. A.a.O. V.a. S. 215-217.

36 Vgl. Charles Sanders Peirce: „Aus den Pragmatismus Vorlesungen.“ Vorlesung 7: „Pragmatismus und Abduktion.“ S. 365-382. Hier S. 367 (CP 5.185): „[…]während wir demgegenüber das, auf das unsere Einstellungen nicht passen, überhaupt nicht wahrnehmen, obwohl es an Intensität das übersteigt, was wir mit äußerster Leichtigkeit wahrnehmen würden, wenn uns seine Interpretation überhaupt kümmerte.“

37 – vor allem in der „Analytik des Schönen“ In: Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft. Hrsg. von Heiner Klemme. Hamburg: Meiner 2001. S. 47-105.

38 Charles Sanders Peirce: „Drei Typen des Schlußfolgerns.“ S. 362 (CP 5.171). Vgl. CP 5.173 und 5.174. A.a.O. S. 364: „Dieses Vermögen der Einsicht hat zur selben Zeit die allgemeine Natur eines Instinktes, der insofern dem Instinkt der Tiere gleicht, als er über die allgemeinen Vermögen unserer Vernunft weit hinausgeht und uns führt, als ob wir im Besitz von Fakten wären, die gänzlich außerhalb der Reichweite unserer Sinne liegen. Es gleicht dem Instinkt weiterhin darin, daß es in geringem Maße dem Irrtum unterworfen ist; denn obwohl es häufiger den falschen als den richtigen Weg einschlägt, ist es im Ganzen gesehen doch das Wunderbarste unserer Konstitution. … Wenn Sie einen Forschenden fragen, warum er nicht diese oder jene wilde Theorie ausprobiert, wird er antworten: ›Sie scheint mir nicht vernünftig.‹ Es ist seltsam, daß wir dieses Wort selten dort gebrauchen, wo die strenge Logik unseres Verfahrens klar einzusehen ist. Wir sagen nicht, daß ein mathematischer Irrtum nicht vernünftig ist. Wir nennen jene Meinung vernünftig, deren einzige Unterstützung der Instinkt ist …“

39 Charles Sanders Peirce: „Pragmatismus und Abduktion.“ S. 366 (CP 5.181).

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