State of the art: Matters of activity

STATE OF THE ART
Interview mit Deborah Zehnder
von dem Exzellenzcluster »Matters of Activity«

Seit 2006 fördern Bund und Länder die Spitzenforschung an deutschen Hochschulen über das Programm der Exzellenzinitiative. In sogenannten Clustern kommen ExpertInnen oft ganz verschiedener Disziplinen zusammen, um an grundlegenden, zukunftsorientierten Themen zu forschen. »Matters of Activity« ist einer der sieben Berliner Cluster, deren Antrag auf Förderung innerhalb der Initiative 2018 bewilligt wurde.[1] Die durch den Cluster »Matters of Activity« ermöglichten Forschungsprojekte eint die gemeinsame Fragestellung: Wenn das Materiale nicht mehr als bloß passive Masse auftrifft, der von außen Energie zugeführt werden muss, um aktiv zu werden, sondern als Größe, die dank Ihrer Eigenschaften von sich aus aktiv sein kann – welche Konsequenzen entstehen daraus für Wissenschaft, Design- und Entwicklungsstrategien sowie kulturelle Praktiken? In dieser Frage löst der Cluster auch ein übergreifendes Projekt ab, das als ›Interdisziplinäres Labor‹ zwischen 2012 und 2018 unter dem Titel
»Bild Wissen Gestaltung« (BWG) am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik aktiv war.
Wir haben uns mit Deborah Zehnder, der Wissenschaftlichen Geschäftsführerin des neuen Clusters, zum Gespräch getroffen und dabei auch einen frischen Blick in die aktuelle Forschungslandschaft erhalten.

[1] Hier sind alle aktuell geförderten Projekte gelistet: https://www.dfg.de/download/
pdf/foerderung/programme/exzellenzstrategie/exstra_entscheidung_exc_180927.
pdf. Abgerufen am 3.5.2019

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Frau Zehnder, der Titel des neuen Clusters – »Matters of Activity« – kann mehrdeutig verstanden werden. Schlägt sich diese Mehrdeutigkeit in der Cluster-Vision und den einzelnen Projekten nieder?

Ja, natürlich. Der Titel lässt sich auch deswegen nicht einfach übersetzen, weil es im Deutschen keinen entsprechenden Begriff für ›matter‹ gibt. Wir haben versucht, mit dem Untertitel – »Image Space Material« – die Bandbreite von ›matter‹ und der damit verbundenen Aktivitäten aufzumachen, die wir untersuchen. Die Mehrdeutigkeit spiegelt sich auf jeden Fall in den Projekten wider. Wir haben Projekte, die sehr konkret an Praktiken arbeiten, also am Schneiden, Weben und Filtern. Wir haben aber zum Beispiel auch ein Projekt, das zu Symbolic Material forscht, dazu, wie man eine neue Kultur des Materialen auch theoretisch fassen kann.

Inwiefern knüpft »Matters of Activity« an das ehemalige Interdisziplinäre Labor »Bild Wissen Gestaltung« des Hermann von Helmholtz-Zentrums an?

Auf der einen Seite haben wir mit »Bild Wissen Gestaltung« (BWG) sechs Jahre Erfahrung in der Zusammenarbeit über Disziplinen hinweg gewonnen, und natürlich ist viel von dieser Erfahrung in den Aufbau des neues Clusters eingeflossen. Auf der anderen Seite widmen wir uns einem neuen Forschungsfeld. In BWG hatten wir einen Schwerpunkt Active Material, da sind zum Teil die Ideen entstanden, die wir jetzt weiterverfolgen.
Die Zusammensetzung der Principal Investigators (PI) hat sich verändert: neben einigen, die bereits bei BWG dabei waren, sind auch viele neue dazugekommen – als diejenigen, die sich die Projekte ausdenken und daran zusammenarbeiten wollen, sind sie der Kern des Clusters.
Wir haben uns dagegen entschieden, den Untertitel »Interdisziplinäres Labor« weiter zu übernehmen, denn die Interdisziplinarität ist uns bereits in Fleisch und Blut übergegangen und nicht mehr zentraler Forschungsgegenstand.

Wie ist der Cluster strukturiert?

Wir sind in Projekten organisiert. Die Projekte haben eine Zielsetzung und eine Agenda; die fordern wir auch ein, denn dafür kriegen die WissenschaftlerInnen Mittel. Wir stellen uns nur Forschungsfragen, die man aus dem Blickwinkel einer Disziplin nicht lösen kann. Uns ist es wichtig, dass WissenschaftlerInnen aus normalerweise weit entfernten Gebieten miteinander arbeiten. Das heißt, dass NaturwissenschaftlerInnen, GeisteswissenschaftlerInnen und GestalterInnen gemeinsam forschen. Gemeinsam entwickeln die Forschenden innovative Lösungsstrategien für aktuelle Problemstellungen. Am Ende steht dann oft eine gemeinsame Publikation: eine Ausstellung, ein Buch, ein Artikel oder eine Tagung, ein Prototyp – oder auch ein weiterführendes Forschungsprojekt.

Wie kann man sich die Interdisziplinarität konkret vorstellen?

Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit findet dann statt, wenn man eine Fragestellung auf dem Tisch hat, an der man nur gemeinsam weiterkommt, die nicht disziplinär gelöst werden kann. Beispielsweise können wir vielleicht irgendwann ein ganzes Telefon aus
ein und demselben Material bauen, wenn wir mehr darüber wissen, wie sich aus den verschiedenen Strukturen eines einzigen Materials unterschiedliche Funktionen ergeben können. Das nötige Wissen hierfür liegt im Moment noch zu sehr in den einzelnen Disziplinen verinselt und wir arbeiten daran, es zu teilen, um erst ein neues Materialverständnis und dann neue Materialien generieren zu können. Dabei geht es auch ganz basal darum, sich bei den PhysikerInnen ins Labor zu setzen und nachzuvollziehen, was es bedeutet, in der Physik von Filterprozessen zu reden und in einem Vakuum mit Graphenschichten zu arbeiten, oder auch darum, Weben nicht nur als Arbeits-, sondern als Kulturtechnik zu verstehen.

Gibt es Grenzen der Interdisziplinarität?

Die Projekte laufen erst mal vier Jahre und werden zwischendurch evaluiert. Wir schauen dann, wie sie funktionieren, ob sie fertig sind oder weitergedacht werden müssen, in welcher Form auch immer. So funktioniert Risikoforschung; wir müssen Dinge ausprobieren. Ich hatte bei BWG nie das Gefühl, dass Projekte gescheitert sind, wir haben aus jedem gelernt, auch wenn entschieden worden ist, dass wir jetzt nicht mehr in der Konstellation zusammenarbeiten, wir uns auf etwas anderes konzentrieren oder hier einfach einen Endpunkt finden. Manchmal ist die Forschungsfrage nicht so stimmig, dass sie für alle Leute nachhaltig so fruchtbar und interessant ist, dass sie dazu einen Beitrag leisten könnten. Manchmal klappt es menschlich nicht. Das kann aber auch in einem disziplinären Projekt passieren; das kann in jedem Projekt passieren.

Warum ist gerade das Clusterformat für diese Art von Forschung geeignet?

Das Clusterformat ist einzigartig und absolut fantastisch, um Risikoforschung zu betreiben. Denn wir bekommen Geld für sieben Jahre, einen sehr langen Zeitraum, mit sehr großer Flexibilität. Selbstverständlich haben wir im eingereichten Antrag unser Forschungsprogramm und unsere Kernthemen skizziert, aber wir sind nicht an einen vorgefertigten Personal- und Finanzplan gebunden, sondern können die Mittel nach den Verwendungsrichtlinien so verausgaben, dass sie bestmöglich zur Umsetzung unserer Ziele beitragen. Es ist eine einzigartige Chance, auch ganz neu aufpoppende Forschungsfragen, die man am Beginn eines solchen Clusterantrags gar nicht bedacht hat, sofort bearbeiten zu können. Diese Art der Flexibilität gibt es in einem anderen Format in Deutschland nicht.

Wie funktioniert die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses im Cluster?

Wir haben mit BWG schon ein paar Erfahrungen gesammelt und sind gerade an der Auswertung und Neustrukturierung unseres Promotionsprogramms. Es startet zum 1. Januar 2020, das heißt, wir schalten die DoktorandInnen ein Jahr später zu.
Sie kommen als Kohorte und bewerben sich mit konkreten Promotionsvorhaben, die direkt zur Lösung der Forschungsfragen der Projekte beitragen, durchschnittlich bekommt dann jedes Projekt anderthalb DoktorandInnen. Einerseits geht es uns um individuelle Förderung, andererseits um die Ausbildung interdisziplinärer Kompetenzen: das Arbeiten im Projekt, Abhalten gemeinsamer Kolloquien und Veranstaltungen, das eigenständige Organisieren von Symposien oder Tagungen.
Außerdem möchten wir eine neue Promotionsordnung am Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik einrichten und WissenschaftlerInnen, die sich eher am Rand ihrer Disziplin aufhalten, eine Kommission zur Verfügung stellen, die interdisziplinär besetzt ist, sodass großartige Promotionsprojekte trotz ihrer Abseitigkeit einen Platz finden. Der Cluster beschäftigt aber insbesondere Postdocs, die kurz nach ihrer Promotion zu uns kommen oder kurz vor ihrer Berufungsfähigkeit stehen – wir achten genau darauf, welche wichtigen Erfahrungen für die nächste Karrierestufe noch fehlen und wo die individuellen Zukunftspläne liegen. So können wir richtig Speed in wissenschaftliche Karrieren geben.

Wie sind die Pläne, Studierende einzubinden? Wird es beispielsweise gemeinsame
Lehrveranstaltungen geben?

Ja, sehr gerne. Da wäre zum einen die Themenklasse, die es im Rahmen des Deutschlandstipendiums gab – es wäre super, das so noch mal zu realisieren, weil wir Studierenden so die Möglichkeit geben, in den Forschungsprojekten über zwei Semester hinweg ein eigenes Projekt mit umzusetzen und sich in einer interdisziplinären Gruppe weiterzuentwickeln. Zusammen mit der Universität Buenos Aires haben wir den weiterbildenden Masterstudiengang »Open Design« gegründet, den wir weiterführen
werden. Wir gehen davon aus, dass die meisten Leute, die ihn besuchen, schon ein bisschen Berufserfahrung mitbringen und jetzt noch einmal andere Kompetenzen erwerben wollen. Natürlich haben wir auch viele studentische Hilfskräfte. Sie sind ganz nah an den Publikationen und den wissenschaftlichen Veranstaltungen, ganz nah an der Produktion von Wissen und den Arbeitsabläufen. Daraus entstehen auch immer wieder mal Masterarbeiten.
Die PIs werden auch gemeinsame Veranstaltungen anbieten und versuchen, sie in die Lehre zu integrieren. Uns ist es wichtig, dass wir die Studierenden vor allem mit Lehrveranstaltungen erreichen, die auch in ihr Curriculum passen – also dass interdisziplinärer Wissenserwerb nicht nur zusätzlich, sondern auch im Rahmen des eigenen Studiums zählt.

Versteht sich der Cluster hinsichtlich der Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen als Vorbild für Forschung im Allgemeinen?

Ein Traum wäre, wenn jede Universität – gerade in Deutschland – die Möglichkeit einer interdisziplinären Fakultät hätte, um dort gemeinsam Fragestellungen aus allen Fachbereichen zu bearbeiten und die Kommunikation zwischen den Disziplinen durch kürzere Wege zu erleichtern. Natürlich ist das kein Modell für Forschung im Allgemeinen. Es gibt Forschungsfragen, die am besten disziplinär funktionieren. Gerade für Studierende ist es sehr wichtig, erst einmal einen disziplinären Rahmen um sich zu haben und die eigenen Kompetenzen und Methodiken zu verstehen. Und ohne saubere Methodiken funktionieren Wissenschaften nicht. Wir brauchen starke Disziplinen, um Interdisziplinarität überhaupt erst hinzubekommen. Im Cluster verbinden wir ExpertInnen miteinander, und dieser Blick über den Tellerrand wirkt wiederum stark auf die Disziplin zurück und hilft, sich der eigenen Grenzen zu vergewissern.

Gibt es auch Kooperationen mit nicht universitären Einrichtungen, wie z.B.
mit Museen oder Künstlerkollektiven?

Auf jeden Fall. Ein Kooperationspartner ist das Kunstgewerbemuseum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Wir arbeiten auch mit einem Inkubator der Kunsthochschule Weißensee zusammen, der DesignFarm, die vor allem Startup-Förderung betreibt. Natürlich haben wir auch potentielle Kooperationen mit der Industrie, wobei wir aber keine Auftragsforschung, sondern Grundlagenforschung betreiben.
Mit Künstlerkollektiven eher nicht. Natürlich ist das eine Frage der Selbstdefinition, ob ich mich als Künstlerin oder Gestalterin bezeichne. Uns interessiert aber speziell das lösungs- und problemorientierte Arbeiten der Gestaltung, der Forschungsprozess, der für alle Wissenschaften produktiv sein könnte.
Für das Projekt »Object Space Agency« werden wir sehr eng mit dem Tieranatomischen Theater zusammenarbeiten. Dabei geht es auch darum, zu zeigen, wie wir forschen und wo wir gerade in der Forschung stehen, weniger darum, fertige Sachen auszustellen. Wir werden auch auf jeden Fall bei der Eröffnungsausstellung des Humboldt-Forums präsent sein, zumal die Humboldt-Universität ja eine eigene Ausstellungsfläche hat und dort auch versuchen wird, eine ganz eigene Art von Transfer zu ermöglichen.

Wird es auch etwas bei der Langen Nacht der Wissenschaften am 15. Juni 2019 geben und einen Newsletter mit Ankündigungen, in dem öffentliche Veranstaltungen angekündigt werden?

Bei der Langen Nacht der Wissenschaften werden wir in Adlershof präsent sein und hier erste Einblicke in unsere Forschungsarbeit geben. Ein Newsletter ist auch in Arbeit, wir sind aber tatsächlich noch in der Startphase. Und dann wird es eine ganze Reihe an öffentlichen Veranstaltungen geben, gerade dieser Dialog mit der Gesellschaft ist uns sehr wichtig.

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https://www.matters-of-activity.hu-berlin.de/en

Das Interview wurde geführt von Lukas Regeler und Elisabeth Rädler am 14.2.19.

 

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