In memoria tenere

Texte von Ina Rohlfs / Bilder von Malte Kebbel

Ina Rohlfs

*1982 in Bremen, lebt und arbeitet in Berlin.
Ina Rohlfs studierte von 2003 bis 2009 an der Folkwang Universität der Künste in Essen bei Jörg Eberhard Malerei und an der Académie Julian in Paris Gestaltung.
Sie schreibt Gedichte, Songtexte und Miniaturprosa.

Kontakt:
ina.rohlfs@gmx.de

Malte Kebbel

*1981 in Bremen, lebt und arbeitet in Berlin. Malte Kebbel studierte von 2004 bis 2011 Malerei an der Kunstakademie Düsseldorf bei Tal R. Die künstlerische Praxis von Malte Kebbel hat viele Ausdrucksformen, neben seinen Zeichnungen, Collagen und Malereien umfasst seine Arbeit auch Installationen und Performances.

Kontakt:
info@maltekebbel.de
www.maltekebbel.de

in memoria tenere

schlicht überspringen
leere lassen
fülle schenkfreudig vergießen
zarte daunen auf die schultern laden
den schlüssel am haken zurücklassen
leibern hinter den schritten wie krumen
erlauben den weg zu bekleiden

einfache worte gefunden für die schweren
die schwere steigt auf zu gas und asche findet ein grabesbett
spaten stoßen in erdschale und duft von vitaminen spannt sich

das leichte gemüt bedarf eines siebes
ausleeren: exinanio
vergessen: obliviscor
vergießen: fundo
vergehend: evanidus
auslaufen: e portu solvere
auslassen: omittere

der inhalt des gedanken übersetzt sein gewicht und die möglichkeit einer dauer
das leben darf nicht größer sein als das vakuum des rucksacks
die schwere der gedanken entscheidet über die beschaffenheit des weges
luftballone trauen sich aufzusteigen bei leichtem gas

nicht in memoria tenere, denke ich,

ist unerlässlich

Getraum

Gazellen hüpfen durch die Steppe und ich rase im roten Plastikschlitten
durch grüne Kanäle,
schleife über Krokodilsrücken hinweg, durch dickes Wasser
Palmen und Uferurwaldpflanzen ranken durch mich durch, es kitzelt in der Mitte
an der Wirbelsäule vorbei
und über den Schnauzen
holpert es
Die Gazellen fliegen in der Spur neben mir, einige Meter über dem
Staub rieselt in feinsten Saltos vom Himmel
Die Sonne bescheint die Glitzerpartikel bis sie nach der Unendlichkeit des Tanzes
zu Boden fallen und nur mehr schaukeln
Ein Staubmeer mit blendenden Wellen, aus tausendfachen Spiegeln, in denen ich
meine Stimme seh’
Für zu kurze Zeit
Es hallt wie in der Tiefgarage
Wasserfälle ertönen in meinem Gedächtnis,
dazu geschaltet ein Orchester aus unzähligen Mineralwasserflaschen, die zur selben Zeit aufplatzen

Feinste Perlen zerreißen auf meiner Haut und kratzen wie Stroh
Ich denke einmal nicht und fühle nur so
Klänge oder Streifen
von Zebras
und Früchte auf Torten, die dem Himmel serviert werden
Es ist groß, ein ganzes Rauschen, ein Kind
wächst in mir, weint in meinem Bauch
Ich rede ihm gut zu
Muss etwas warten
Ist zu klein
Bin selbst zu klein
Der Schlitten lässt vergessen, dass Zeit bemessen
vor dem Erscheinen hier ausgeteilt wurde
Ich vergaß wie viel Zeit auf dem Tisch lag

Das Schneien ist von der Natur romantisch gemeint

Plattenbauten wirft sie mir oft genug gegen den Kopf.
Leben ist hart.
Die Natur zwingt mich an selbstmorden zu denken.
Die Natur macht schöne Blumen, stellt sie eifrig auf
und Bäume und ein Meer. Auch Berge und Sand und Wiese,
alles schön.

Plattenbau.
Ist in all dem Schönen auch enthalten.
Anfängliche Täuschung.
Als Kind noch: Schöne Blume, schönes Leben. Ich kann dich bezwingen.
Das Schöne zu mir, in meine Vase
zu Hause
auf der Fensterbank.
Ich reiße aus, was schön ist und tue es an einen anderen Ort!

Später sind die Delphine tot und treiben an der Oberfläche des Pools.
Aufgesprungene Schnauzen laufen voll. Blut
rinnt daraus und mischt sich mit dem Chlorid des amerikanischen Träumens.

Verächtlich wirft die Natur die soliden Platten um sich.
Der Kopf springt manchmal auf, manchmal entzwei, manchmal hält er es aus.
Ein Gehirn rutscht aus seiner Schale und gleitet über den Asphalt. Es weint nicht.
Die Härte der Gedanken übertraf den rauhen mit Dreck überzogenen Boden.
Es gleitet darüber, bis es trocknet und nichts mehr denken muss.

[Herz- und Gehirnphobie
Beckenknochenphobie
Knochenphobie im allgemeinen
Blut- und Fellphobie]

Ich übertreibe nicht.

Entfremdetes Genital

Zum hinausziehen wie eine Schublade des Puppenhauses
Zum wieder aufstecken wie eine Schmetterlingsspange des dunklen Haarnetzes
Konstruiert wie ein Fisch, der die Greten hin und herschiebt
In jeder Welle eine abgetrennte Flosse
Hört sie nicht auf den Speichel darüber zu tropfen

Treiben auf der glatten, salzigen Promenade der taufrischen Haut
Entzückt über die Einfachheit des Selbstverständnisses

Scham zeichnet Flecken auf die helle Haut
Heilige
Unberührtheit tauscht Platz mit verwelkter Mechanik
Nur wenige Sekunden halten das Vakuum rein
Heiliges ruht auf der Zunge

Feine Falten
Adern
Greten

Unumkehrbare Erfahrung schreibt auf Weiß
Mulde der Mutter
War in der Vorstellung nicht aufzuhalten
Saft
Haar
Duft
Brennt in der Schleimhaut der seidigen Innerlichkeit des ausgebreiteten in alle Ecken
verteilten Körpers.

Damit das Brot nicht schimmelt

Atem hat sich verirrt, ruft die Hexe im Wald
Hensel streut unermüdlich Brot in der Lunge
Flutwelle Blutzeug steigt auf zum Schädel
bis Höhlen ihre Augen ausscheissen
Gehirnoffizier im Kommandoton auf Fremdsprache: „Jre yo Poauk rot Zut !“
Lider verstehen nur deutsch und decken Augen nicht zu

Körper geht auf zwei Beinen vor die Tür, um an sich zu erinnern
Mit der Asche bleibt Fälschung daheim
(Foucault würde verstehen)
ohne Geruch und ohne Schatten rollt sich der Ersatz ins Algenblatt
und die U-Bahn rollt zum letzten Mal an Vaters Augen vorbei
Er schaut nach innen, steigt ein und springt nicht mehr ab

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