Leslie Kleinwaechter: Texturen und Lochspitzen. Reflexion über eine Frau mit fünf Elefanten.

Swetlana Geier war eine der bedeutendsten Übersetzerinnen russischer Literatur ins Deutsche. Neben den Werken von Tolstoi, Bulgakow und Solschenizyn waren es vor allem die Neuüberstzungen von Dostojewski, die sie bekannt machten. Der Regisseur Vadim Jendreyko gestaltete ein sensibles und respektvolles Porträt der alten Dame mit hellwachem Geist und analytischer Weisheit, die er sowohl in ihrem Haus aufsuchte, als auch auf ihrer letzten Reise begleitete. Daraus wurde eine bemerkenswerte Dokumentation über Zartheit, Zärtlichkeit und große Kraft.

Schlingen und Verbindungen

Lieber Freund, siehst Du denn nicht,
dass alles das, was unsere Augen schauen,
nur Abglanz ist von Ungesehenem?

Lieber Freund, hörst Du denn nicht,
dass alles, was unsere Ohren hören,
nur ein entstellter Widerhall ist
von triumphierenden Harmonien?

Lieber Freund, spürst Du, ahnst Du denn nicht,
dass es nur eines auf der Erde gibt:
das ist das, was ein Herz einem andern
in einem wortlosen Gruß sagen kann?1

Swetlana Geier lächelt verschmitzt, wenn sie dieses Gedicht von Wladimir S. Solojew zitiert, und sie fügt hinzu, dass sie es wunderschön findet, wenn man etwas wortlos zu sagen verstünde, denn dieses müsste man nicht übersetzen.2 Und schon sinniert sie über das Gewebe von Sprachen und Tischtüchern. Sie zeigt wundervoll bestickte Decken und streicht liebevoll über die Textilien. Sie erzählt, dass ihre Mutter diese bestickt hätte, und was dies für eine Arbeit gewesen wäre: Die ungeheure Genauigkeit des Zählens wäre die Voraussetzung für diese wundervollen Ergebnisse, und dass kein Mann fähig sei, die Schönheit einer Weiß-in-weiß-Stickerei zu erkennen. Und schon weist sie darauf hin, dass Text und Textur denselben Wortstamm haben.

Denn Fäden und Linien, Gewebe und Verknüpfungen nehmen viel Raum in Swetlanas Leben ein. Trotz ihres hohen Alters vermag sie sich über die erstaunlichen Schlingen ihres Lebensgewebes immer noch zu wundern. Auch mag sie nicht säumig sein – wieder ein Wort, dass ebenfalls in der Schneiderei seine Verwendung findet –, denn sie arbeitet weiter an ihren Übersetzungen und hat, ihren eigenen Worten nach, keine Zeit zu pausieren.

In ihrem Arbeitszimmer stapelt sie foliantendicke Bücher auf, nicht ihre Werke, doch ihre Übersetzungen. Sie zählt auf: „Verbrechen und Strafe3, Der Idiot, Die bösen Geister, Der grüne Junge, Die Brüder Karamasow. Und einen Zugabenband.“4 Sie nennt die von ihr bearbeiteten Werke Dostojewskis liebevoll „ihre fünf Elefanten“5, sie bilden Marksteine in ihrem Leben. Ihre Arbeit ist nicht beendet, denn sie findet immer Neues in den Texten dieses Schriftstellers. Das immer wieder Überraschende, das Vermögen, ein Werk mehrmals neu zu entdecken, das ist für sie ganz große Literatur. Nein, nicht nur Literatur, vielmehr Sprachwelten, die es jedes Mal neu zu erforschen gilt.

Lebensfäden

heft2cover4Die Sprache ist Swetlanas Ariadnefaden durch ihr Leben, doch vereint sie die Rollen von Ariadne und Theseus6 in sich selbst. Mit dem Wollknäuel der deutschen Sprache leitete sie sich selbst durch das Labyrinth ihrer Zeit und der geschichtlichen Ereignisse, die auf sie niederstürzten, und denen sie bestenfalls Mut und Bildung entgegensetzen konnte. Auf die Frage, warum sie, als Ukrainerin in der Sowjetunion, einem Staat, der sich mit Deutschland im Kriegszustand befand, ausgerechnet das Deutsche erlernte, antwortet sie, dass ihr ihre Mutter dies als „Aussteuer“ mitgegeben hätte. Swetlanas Vater, Fjodor Michailowitsch Ivanow, ein erfolgreicher Lebensmitteltechniker, der 1930 noch mit einem Auto für seine Leistungen belohnt wurde, fiel den stalinistischen Säuberungen ab 1938 zum Opfer und wurde als einer der wenigen aus dem Gefängnis entlassen. Das halbwüchsige Mädchen wurde die Pflegerin ihres von schwerer Folter gesundheitlich ruinierten Vaters: Sie verließ die Schule und betreute ihn rund um die Uhr, zurückgezogen auf der für das Auto eingetauschten Datscha; die wenige Freizeit verbrachte sie mit Lesen.

Rückblickend meint sie, dass sie zu jung und die Situation für sie zu schwer gewesen sei. Nach so vielen Jahren ist sie immer noch erschüttert, dass sie sich an des Vaters Erzählungen nicht mehr erinnern könne. Denn er habe sich jedwede Frage verboten, aber von sich aus erzählt.

Die Sprache, essenzieller Aspekt in Swetlanas Dasein, ist in Bezug auf ihren Vater schlicht nicht vorhanden: Eine Tür ihres Gedächtnisse hatte sich geschlossen, und es gibt keinen Schlüssel mehr dafür. Nur noch Fotos ihres stark abgemagerten Vaters nach seiner Haftzeit befinden sich in ihrem Besitz, aber selbst die sind in diversen Kästchen tief vergraben und müssen erst mühsam herausgeklaubt werden.

Doch andererseits war die Pflege, die sie ihrem Vater angedeihen ließ, eine gute Vorbereitung dafür, wie sie nun mit ihrem halbseitig gelähmten Sohn umgehen soll. Nach einem schweren Unfall mit einer Kreissäge ist ihr Sohn, vormals ein Werklehrer, verstummt. Swetlanas Hände spielen mit Holztierchen – die Vermutung besteht, dass ihr Sohn sie einstens verfertigte – und ihre Stimme zittert, als sie von Johannes‘ Zustand berichtet, und es schaudert sie, wenn sie den Bogen von ihrem Vater zu dessen nie gekanntem Enkel schlägt, der sich nun ebenso in einem Zustand der Hilflosigkeit befindet, sogar in einem viel schlimmeren, denn er kann sich nicht mehr für oder gegen die Worte entscheiden; sie sind ihm endgültig abhanden gekommen.

Swetlana verwundert sich über solche Fäden, die sich aus der Vergangenheit bis in die Gegenwart ziehen, während sie für ihren Sohn Essen kocht, das sie ihm ins Pflegeheim bringt. Worte des Leides hält sie zurück, damit ist sie generell sehr sparsam, sowohl was ihre Familie, als auch was sich selbst betrifft. Über das Schicksal des Vaters berichtet sie ruhig, verhalten, und ebenso über den Zustand ihres Sohnes. Diese Risse in ihrem Dasein sind nicht zu flicken, also hilft es auch nichts, sie zu beklagen. Aber wie tief ihr Schmerz sitzt, wird offenbar, wenn sie in Kiew die Schülerinnen bittet, ihre Namen auf einen Gemeinschaftsbrief zu schreiben, den sie Johannes bringen möchte; als ehemaliger Lehrer würde er sich darüber sehr freuen.

Von Kindheit an war Swetlana Geier mit den Unwägbarkeiten des menschlichen Daseins konfrontiert. Schon früh lernte sie, dass des Menschen einzig wahres Eigentum nur sein geistiger Reichtum ist. Alles andere kann einem genommen werden, seien es Menschen oder Besitz. Dass ihre Mutter ihr zum Erlernen von Sprachen riet, als sie noch in Kiew zur Schule ging, sei einer der besten Ratschläge gewesen, die sie in ihrem Leben erhalten habe. Dass sie zu einer Zeit, wo dies keineswegs üblich war, mithilfe ihrer Sprachkenntnisse Brücken schlagen konnte, wurde für sie zum großen Glücksfall.

Ihr Ariadnefaden leitete sie durch zwei Diktaturen, und ihr blieb die Brutalität und Grausamkeit beider Systeme nicht verborgen. Während für ihre Mutter die Russen die Mörder ihres Gatten waren, bei denen sie keinesfalls bleiben wollte, nahm Swetlana auch die menschenverachtenden Gräueltaten im Zuge der deutschen Besatzung wahr. Eine jüdische Freundin, die sie eines Abends nach Hause begleitete, sah sie danach nie wieder.7 Und gleichzeitig begegnete ihr ihr zukünftiger deutscher Arbeitgeber, den sie niemals mit den deutschen Verbrechen in Verbindung brachte, denn sie vertritt die Auffassung, dass der Einzelmensch, wiewohl für seine Taten verantwortlich, doch nicht gleichzusetzen sei mit seinem gesamten Volk. Hitler habe schließlich auch nichts gemeinsam gehabt mit Schiller oder Goethe oder Thomas Mann, und auch ihr Vorgesetzter, ein Graf Kerssenbrock, sei kein Ungeheuer gewesen, sondern ein kultivierter und feinsinniger Mann, der ihr zu einem Stipendium in Deutschland verholfen habe.

Es nimmt Wunder, wenn jemand ausgerechnet zur Zeit des Dritten Reiches nach Deutschland auswandern wollte, in ein Land, das Menschen russischer Nationalität damals nur als Kriegsgefangene oder Zwangsarbeiter betraten, aber Swetlana glaubte den Versprechungen an eine Zukunft, die ihr Bildung und Berufsmöglichkeiten in Aussicht stellten. In Sowjetrussland war sie als Tochter eines politischen Gefangenen faktisch eine Paria, nur durch die Bürgschaft ihres Schulleiters konnte sie überhaupt ihr Abitur ablegen. Ein Studium allerdings wäre ihr allemal verwehrt gewesen. Doch ihr Ariadnefaden wies sie durch das Labyrinth des deutschen Abzugs aus Kiew direkt in ein Ostarbeiterlager in Dortmund.

Was auffällt, ist die tiefe Dankbarkeit, die Swetlana Deutschland gegenüber empfindet. Sie sieht sich als Schuldnerin dieses Landes, dessen Sprache sie seit vielen Jahren spricht, und dessen Staatsbürgerin sie wurde. Den Menschen, die ihr dazu verhalfen, bewahrt sie eine innige Erinnerung, die bis in die Gegenwart reicht. Auch ihren nunmehrigen Mitarbeitern bringt sie große Zuneigung entgegen. Und immer wieder betont sie, wie sehr sie das Gute, das sie empfangen habe, an ihr erwähltes Heimatland zurückzugeben habe.

In die Ukraine ist sie nie zurückgekehrt; jede diesbezügliche Verbindung, jedes noch so dünne Fädchen in ihr Ursprungsland ist längst gerissen.

Satzstickerei

Wenn Swetlana Geier behutsam über die Lochstickerei einer Tischdecke streicht, ergreift einen die Sorgsamkeit, mit der sie Dinge betrachtet. Sie weist auf die Feinheit der Arbeit hin und dass diese Textilien einzigartig in ihrer Genauigkeit seien. Ihre Aufmerksamkeit ist immer auf die Einzelheit gerichtet, sei es, um ein Kompott zu kochen, einen Tisch zu decken oder einen Satz zu übersetzen. Stunden- und tagelang feilt sie an einem Satzteil, denn sie will Worte nicht nur sinngemäß, sondern auch in ihren eigentlichen Bedeutungen übertragen, und sie diktiert die Worte dazu ihrer hochgeschätzen Mitarbeiterin, Frau Hagen, einem Menschen von unnachgiebigem Fleiß, genauesten Deutschkenntnissen und erbarmungsloser Sauberkeit, so penibel, dass „jedes Staubkorn in Freiburg einen großen Umweg um Frau Hagen macht!“8

Das Geiersche Haus ist verwinkelt, voller Stufen und Erker, und vollgestopft mit Büchern und Sitzmöbeln, die ihrerseits wieder üppig mit Kissen belegt sind. Die Fülle und Enge lässt das Haus labyrinthisch wirken, und wenn es auch keineswegs einen Minotaurus beherbergt, so kommt doch gelegentlich ein Zerberus zum Zwecke der Gemeinschaftsarbeit, der streng und unbestechlich über die genaue Anwendung der deutschen Sprache und den exakten Ausdruck wacht. Herr Klodt ist Musiker und somit mit einem äußerst feinen Gehör gesegnet. Er lässt nicht mit sich handeln, was die Sprachmelodie betrifft, er beharrt darauf, dass diese unbedingt gewahrt werden muss. Und er besteht auf absolute Genauigkeit, der Leser muss sich schließlich auskennen, wenn er auf den Elefanten von Frau Geier einen kühnen Ritt wagen soll. Die Frage der Anzahl von Kutschpferden, einem halben Nebensatz in der Übersetzung, kann zu einer minutenlangen Diskussion auswachsen, und nur ungern gibt Herr Klodt klein bei, wenn er widerstrebend seiner ‚Chefin‘ zugesteht, Recht zu haben.

Die Sätze werden sorgfältig Wort für Wort zusammengestickt, mit einer Geduld und Einfühlung, die ein wenig an klösterliches Sakralhandarbeiten erinnert: Auch in den Skriptorien wurden in jahrelanger Arbeit singuläre Meisterwerke kalligraphiert und gemalt, und die Paramentenstickerei der priesterlichen Messgewänder war oft reinste Nadelmalerei. Mit vergleichbarer Behutsamkeit wird jeder Satz Dostojewskis vom dunklen weichen Russisch ins glasharte Deutsche übertragen, dass ja nichts an Bedeutung verloren geht.

Sprachen sind nicht vergleichbar, sagt Swetlana, was im Deutschen ein Subjekt ist, kann im Russischen oft nur als Objekt gesprochen werden. Die Tasse, die ich in Deutschland besitze, ist in Russland bei mir; in Deutschland ist es ein Eigentum, dessen man sich bedienen kann, aber in Russland verliert man durch ein Ding seine Freiheit – denn es ist bei einem, und schon ist man nicht mehr allein, ungebunden. Eine Übersetzung schafft unklare Verhältnisse: „Man versteht jedes Wort, aber man weiß nicht, worum es geht.“9 Vieles an Ausdruck geht verloren, denn Sprachmelodien lassen sich einfach nicht transponieren, die Worte in der anderen Sprache geben es nicht her. Deswegen fühlt sie sich in hohem Maße verantwortlich für jeden von ihr umkreierten Satz, und sie lässt sich von ihren Mitarbeitern vermuteter Ungenauigkeiten wegen auch rügen.

Herr Klodt ist mit Lust widerborstig, auch wenn das seinem unbewegten Gesicht nicht anzusehen ist. Mit kaum verhohlener Ungeduld wartet er ab, bis Swetlana ihre Bleistifte gespitzt hat, dass er endlich loslegen kann. Er ist ja nicht zum Vergnügen hier, das teilt er ganz deutlich wortlos mit. Und doch macht es ihm große Freude, jedes noch so kleine Detail des künftigen Textgewebes zu diskutieren, um sicherzugehen, dass jede Disharmonie ausgeschlossen wird. Dies hat nicht allein mit Logik zu tun, es ist vielmehr die Ästhetik, die Herrn Klodt mit sezierender Genauigkeit hinterfragen lässt.

Swetlana Geier schätzt ihren Helfer, vor allem seine vollkommene Unbestechlichkeit. Herr Klodt hält nichts von Schlendrian oder das, was man Gemütlichkeit nennen könnte. Auch der beibehaltene, sehr russische Brauch, zu jeder sich bietenden Gelegenheit Tee zu trinken, ist etwas, was Herr Klodt zwar unwirsch zu Kenntnis nimmt, was ihn aber nicht abhält, zur Arbeit zu drängen. Dies ist schließlich der Zweck seiner Anwesenheit, wiewohl es ihm sichtlich einen Genuss bereitet, mit Frau Geier zu arbeiten. Doch das ist etwas, worüber man nicht spricht, denn das ist kein Thema.

Textgewebe

Thema ist vielmehr Dostojewski. Jahrzehntelang beschäftigt sich Swetlana Geier schon mit dem Weben von Worten, dem Transformieren russischer in deutsche Worte, mit dem Kunststück originale Satzstickerei in die Muster einer anderen Sprache einzuweben. Die Zeit, die sie dafür aufbringt, spielt für sie keine Rolle. Das gemeinsame Übersetzen mit ihren Mitarbeitern findet in einem Kokon der Zeitlosigkeit statt, so zeitlos wie die Werke Dostojewskis.

„Dostojewskis wichtigstes Bedürfnis ist Freiheit“10, erklärt Swetlana. Doch das ist nicht die Freiheit, alles tun und lassen zu können, was einem gerade so durch den Sinn schießt. Die Intelligenz spielt dabei eine fatale Rolle: Denn die Vernunft vermag alles zu begründen. Frau Geier scheut sich nicht, auf Politiker wie Bush und Putin hinzuweisen, die in ihrem ,Kampf gegen den Terrorismus‘ übelste Methoden als notwendig rechtfertigen. Dostojewski steht damit in scharfem Gegensatz zu allen Potentaten dieser Welt, denn aus seinen Texten wird klar, dass es keinerlei Rechtfertigung für unrechtes Handeln gibt.

Und doch findet sie es faszinierend, dass man als Leser mit Raskolnikow, der genau wie mancher Politiker vor sich selbst begründet, dass der Zweck die Mittel heilige, mitfiebert, ob ihm der Mord an der alten Pfandleiherin wohl gelingt. Man bedenke: Man empfindet höchste Sympathie mit dem Mörder! Was genau in Dostojewskis Text dazu führt, lässt sich im Detail nicht ohne Weiteres sagen, zu fein sind die Stiche der Wortstickerei.

Selbst in dunkelsten Zeiten können Menschen über ihr Verhalten entscheiden. Sie weiß es aus eigenem Erleben. Als Mutter und Tochter Ivanow 1943 Russland verließen, wurden sie in Deutschland vorerst keineswegs freudig erwartet. Vielmehr machte sich Swetlana durch ihre Deutschkenntnisse verdächtig, und sie wurde mehrmals von der Gestapo verhört. Ihr ehemaliger Arbeitgeber setzte sich für sie ein, und Graf Stamati, Mitarbeiter im Ministerium für die besetzten Ostgebiete, verschaffte ihr einen Fremdenpass, eine absolute Seltenheit im Dritten Reich, zumal es nicht gelungen war, ihr das „Volksdeutschentum“ anzudichten.

Graf Stamati11 habe, so Swetlana, sie nicht einmal gekannt, keine persönliche Bindung zu ihr gehabt und auch keinerlei Grund gehabt, ihr zu helfen. Er tat es einfach, und es erwuchsen ihm daraus gewaltige Nachteile. Stamati war für sie ein Beweis für die Entscheidungsfreiheit des Menschen.

Sie selbst konnte ein Studium in Freiburg beginnen und ihre Existenz in Deutschland festigen, sowohl beruflich als auch privat. Sie ist mittlerweile mehrfache Groß- und Urgroßmutter, und bei Familientreffen sieht man die ganze Sippe um den Tisch sitzen, fröhlich schnatternd und gemeinsam kochend. Was auffällt, ist der Respekt, der Swetlana entgegengebracht wird. Niemand käme auf die Idee, sie zu bevormunden oder sie mit der Herablassung zu behandeln, die die Jugend dem Alter so oft entgegenbringt. Ihre Urenkelinnen bemühen sich mit großer Zärtlichkeit um sie, aber ihre Selbstständigkeit bleibt unangetastet – sie ist die Herrin des Hauses und des Clans.

Anfang der 90er Jahre wurde ihr der Vorschlag gemacht, Dostojewski neu zu übersetzen. Ihren eigenen Aussagen nach täte man dies nicht ungestraft. Sie habe unglaublich viel dabei gelernt, nicht nur beruflich, sondern auch für das Leben. Denn warum übersetzen Menschen? Es ist wohl die Sehnsucht, die sie antreibt, die Sehnsucht nach etwas, was sich ihnen immer wieder entzieht, nach dem unerreichbaren Original.

Das Seidengewebe des Originals wird nicht zum Batist der Übersetzung. Doch beides sind feine und wertvolle Gewebe. Sprache an sich ist ein wirksames Mittel der Vermittlung, und am Gewebe von Worten und Sätzen kann man erkennen, wie sie angewendet werden. Sowohl Seide als auch Leinen gibt es in groben und auch zarten Varianten, und so ist es auch mit Sprachtexturen und ihren Übertragungen. Swetlana beschäftigt sich nun schon ein Leben lang damit, ein Ende ist nicht abzusehen.

Sie ist alt darüber geworden, und sie weiß es. Sie ist sich über die Endlichkeit der menschlichen Existenz völlig im Klaren, über die Veränderungen, die das Altern dem Körper einschreibt, aber damit wird gelebt, ohne Klage, ohne Beschwerde, als Selbstverständnis eines Menschen, der mit sich im Reinen ist. Ihr langes Leben hat ihren Rücken gekrümmt, doch es hindert sie nicht daran, für ihre Enkelin einen Kuchen zu backen, Tee zu kochen und mit der Familie zu plaudern. Warum also über das Alter sprechen? Es ist zu selbstverständlich und zu unaufhaltsam, um darüber zu reden.

Kette und Schuss

Ich glaube, dass jede geistige Erfahrung dazu beiträgt, dass man
sich besser behandelt und nicht unbedingt totschlägt. Das ist ganz elementar.
Swetlana Geier12

Der Regisseur Vadim Jendreyko begleitet Swetlana Geier, als sie, für sie selbst am meisten erstaunlich, nach über 60 Jahren die Ukraine besucht. Sie wurde von einer Schule zu einem Vortrag eingeladen. Begleitet von ihrer Enkelin tritt sie die lange und beschwerliche Reise in einen Staat an, von dem sie glaubt, dass es ihrerseits keine Verbindung mehr dahin gäbe. Aber nicht alle Kettfäden sind letztlich zerrissen, und mancher Schussfaden wird nun neu eingefügt.

Die Sprache ihrer Kindheit und Jugend, der sie sich so lange Zeit ausschließlich als Übersetzerin gewidmet hatte, umwebt sie mit dem Zauber der täglichen Anwendung, so sehr, dass sie sogar mit ihrer Enkelin teilweise Russisch spricht. Mit großer Aufmerksamkeit beobachtet sie Veränderungen und sucht an den Orten ihrer Kindheit.

Der Storchenteich, hinter der elterlichen Datscha gelegen, ist nicht mehr aufzufinden, die Familien, die dort leben, betrachten Swetlanas Ankunft mit Missmut. Sie ist ein Störenfried, die Vergangenes aufrührt, das will man hier nicht. Die Frau am Zaun, die nicht bereit ist das Tor zu öffnen, wahrscheinlich in Swetlanas Alter, gibt noch höflich Auskunft, ein deutlich jüngerer Mann im Hintergrund ist schon wesentlich aggressiver.

Swetlana weicht auf den Friedhof aus. Sie sucht das Grab des Vaters, einen Stock lässt sie abbrechen, um diesen auf das Grab der Mutter zu legen – neue Fäden werden gezogen, so unscheinbar sie auch sein mögen, man erkennt ihre Bedeutsamkeit. Und sie entdeckt das Neue, nie Erlebte: Das erste Mal sieht sie die Datscha im Winter, in ihrer Jugendzeit diente sie nur der Sommerfrische.

In Kiew besucht sie eine uralte Kathedrale, die sie das letzte Mal in ihrer Schulzeit betrat. Damals durfte sie nicht auf die Empore, aber nichts kann sie abhalten, es diesmal zu tun. Sie erklärt ihrer Enkelin die Fresken. Die Schönheit der Wandgemälde ist ergreifend, und Swetlana kann sich kaum losreißen. „Man muss das Ganze sehen“, erklärt sie ihrer Enkelin, „erst dann ist ihre Schönheit erfahrbar“13. Das, was ebenso für Dostojewskis Bücher und ihre Übersetzungen gilt, wird auch erlebbar in der Ausschmückung dieser Kirche, die Kriege und Staatsformen kommen und gehen gesehen und überdauert hat.

Große Gemälde und große Texte sind zeitlos. Deswegen können sie nicht untergehen, denn sie bewegen sich nicht im Fluss der Zeit. Sie können übersehen und vergessen werden, aber sie sind da, jederzeit erfahrbar für diejenigen, die ein Bedürfnis danach haben.

Man braucht Sensibilität dafür. Swetlana Geier hat ein hohes Maß an Gespür für sensibles Verhalten. Dem Zugbegleiter in der russischen Bahn spricht sie ein großes Lob aus: Er habe mit seiner Passkontrolle gewartet, bis sie und ihre Mitreisenden mit der Diskussion fertig gewesen seien. Das fände sie ganz bemerkenswert, und sie bedanke sich dafür, denn das Gespräch sei wichtig gewesen.

Auch der Umgang zwischen ihr und ihrer Enkelin ist von feinster Zärtlichkeit. Swetlana streichelt der jungen Frau stundenlang den Arm, was sich diese gerne gefallen lässt, sie selber liebkost der Großmutter den Fuß. Die Familienbande sind eng, und zwar zu allen ihren Verwandten.

Doch auch im Umgang mit Fremden wird Swetlanas Feinfühligkeit immer sichtbar. Den Schülerinnen des Kiewer Gymnasiums, denen sie das Wesen ihrer Übersetzertätigkeit erklärt hat, erzählt sie ein Märchen, eher eine Parabel, über die Relativität von Intelligenz und Glück. Die Mädchen sind fasziniert von der alten Dame und nehmen ihre Erläuterungen aufmerksam auf. Wieder wurden Fäden gezogen, von der Vergangenheit in die Gegenwart, mit der Möglichkeit für die Zukunft etwas zu „bewirken“. „Ihr müsst geradeaus sehen, die Nase hoch hinaus. Das gilt für das Leben ebenso, wie für das Übersetzen. Gut übersetzen kann man nur mit geradem Rücken“14 erklärt Swetlana den lauschenden Mädchen. Und sie bietet ihnen an, alle Fragen zu beantworten – soweit sie dies eben kann.heft2cover3

Selbstverständlich bleiben Fragen offen, sowohl was diesen Film, als auch, was Swetlanas Leben betrifft. Aber nicht alles muss restlos geklärt sein. Jedes Gewebe hat Lücken, die auch notwendig sind, denn sie machen den Text, die Textur aus. Das gilt für ein Leben ebenso wie für einen Text, ein Tischtuch, eine Lochstickerei.

Und auch für diesen Film.

Nachtrag: Der Knotenpunkt des Endes.

Am 7. November 2010 ist Swetlana Geier im Alter von 87 Jahren verstorben. „Beim Übersetzen“, sagte sie einmal, „müsse man immer das Ganze im Blick haben“15. Nun haben die Leser, das Publikum, die Weiterlebenden, die Überlebenden, ihr ganzes Werk im Blick: Dostojewskis Werke, ihrer Zeitlosigkeit wegen immer noch und immer wieder beeindruckend, zärtlich mit sorgfältig ausgewählten Worten gestickt und eingewoben in ein neues Textgewand. Es klingt hehr und ein wenig pathetisch, das Ganze im Blick zu haben. Wahrscheinlich ist dies realiter sogar unmöglich, schon deswegen, weil Sprachen so verschieden sind, oder die Werke Dostojewskis zu gewaltig. Doch Swetlana Geiers Vermächtnis, ihre fünf Elefantenkinder, stehen zur Verfügung und warten darauf, wiederum und aufs Neue entdeckt zu werden. Und das mag uns einstweilen genügen.

Universität Wien, Wintersemester 2009

1 Swetlana Geier zitiert dieses Gedicht zu Begin des Films. Aus: Vadim Jendreyko: Die Frau mit den fünf Elefanten, DVD-Video. CH/D 2009. TC 00:00:18 – 00:01:17.

2 Ebd.

3 Der Roman ist im deutschen Sprachraum bekannt unter dem Titel Schuld und Sühne. Die Übersetzung Fr. Geiers trägt nun diesen Titel, was wohl mehr dem Original entspricht.

4 Vadim Jendreyko: Die Frau mit den fünf Elefanten.

5 Ebd.

6 Ariadne, Tochter des Königs Minos, gab Theseus ein Fadenknäuel, das er am Eingang des Labyrinthes befestigte. So konnte er, nach der Überwältigung des Ungeheuers Minotaurus, wieder herausfinden und damit sich und seine Mitgefangenen befreien. Vgl. Gustav Schwab: Die Sagen des klassischen Altertums. Heidelberg: Ueberreuter 1970. S.197f.

7 Von Juni bis Oktober 1941 besetzte die deutsche Wehrmacht fast die gesamte Ukraine. Fast sofort begannen sogenannte Einsatzgruppen mit der Erfassung der jüdischen Einwohner. In der Schlucht von Babi Jar wurden am 29. und 30. September 1941 über 33.000 Menschen ermordet. Swetlana Geiers Freundin war unter den Opfern. Vgl. Deutsches Historisches Museum/Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Lebendiges virtuelles Museum online. www.dhm.de/lemo/home.html. www.dhm.de/lemo/html/wk2/holocaust/babijar/index.html (besucht am 31.01.10).

8 Vadim Jendreyko: Die Frau mit den fünf Elefanten.

9 Ebd.

10 Dostojewski glaubt an den höchsten Wert der menschlichen Persönlichkeit und an deren Freiheit und an ein geistiges Universum, das jenseits von Gut und Böse liegt. Sein Freiheitsglauben hat etwas Mystisches, das den Menschen nicht aus seiner Verantwortung für sein Handeln entlässt. Vgl. Dimitrij Mirskij: Geschichte der russischen Literatur. München: Piper 1964. S. 251-256.

11 Constantin Graf Stamati, der nie Parteigenosse gewesen war und dem Kreis um General Canaris nahe stand, hat in den 50er Jahren die Rassenpolitik und die Behandlung der Bevölkerung in den besetzten Ostgebieten in einem Artikel beschrieben. Vgl. Constantin Graf Stamati: „Zur ‚Kulturpolitik‘ des Ostministeriums.“ In: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte. 6. Jg. Heft 1. Stuttgart 1958. S. 78-85. Hier S. 80-84.

12 Vadim Jendreyko: Die Frau mit den fünf Elefanten.

13 Ebd.

14 Ebd.

15 Elmar Krekeler: „Leben mit Dostojewski – Zum Tod von Svetlana Geier.“ www.welt.de/kultur/literarischewelt/article10811245/Leben-mit-Dostojewski-Zum-Tod-von-Svetlana-Geier.html (besucht am 19. 12. 2010).

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