Rezensionen

Die Kunst der Bühne

Der Regisseur Luk Perceval glaubt daran, dass das Theater immer eine Berechtigung haben wird. Ein Statement gegen die Befürchtung der Bedeutungslosigkeit der darstellenden Kunst – das leistet das Buch „Die Kunst der Bühne. Positionen des zeitgenössischen Theaters“. Im von Marion Tiedtke und Philipp Schulte herausgegebenen Band aus der Recherchen-Reihe von Theater der Zeit sind Beiträge zur Entwicklung des deutschen Theater der letzten Jahrzehnte gesammelt. Die Darstellungsformen selbst und das Wirkpotenzial theatraler Mittel sowie ein neu definiertes Verhältnis zum Publikum sind in den Mittelpunkt gerückt. Dass auf heutigen Bühnen kaum mehr reines Texttheater zu sehen ist, liegt an der Entwicklung, die seit etwa 1970 von einer Reihe von Avantgardisten angestoßen und von Vielen aufgenommen und weitergebracht wurde. „Die Kunst der Bühne“ enthält Vorträge und Selbstauskünfte von Künstlern, die im Rahmen einer Ringvorlesung an der Hessischen Theaterakademie entstanden sind. Im ersten Teil beschreiben Regisseure, Bühnebildner, Theaterautoren ihre eigene Arbeit und die Überzeugungen, die dahinter stehen. Den zweiten Teil des Buches bestreitet die Theaterwissenschaft mit Reflexionen künstlerischer (Ausnahme-)Positionen.

Der Anzahl der Erwähnungen nach, sind Robert Wilson und Einar Schleef die prägenden Figuren der jüngeren Theatergeschichte. Hier wird schon deutlich, was die Auswahl beeinflusst haben mag: Absolut prägnante, subjektive Ästhetiken und Arbeitsweisen.

Es gibt Artikel über Pina Bausch, René Pollesch, Michael Thalheimer, Texte von Choreografen, Schauspielern und Dramaturgen. So wird anschaulich, was das Theater zu leisten im Stande ist, wenn auch vieles von dem, was hier beschrieben wird, aus der Zuschauerperspektive womöglich schwer entzifferbar bleibt. Wenn man sich eigentlich sicher sein kann, meistens etwas Entscheidendes verpasst zu haben, kann man in diesem Band nachlesen, wo die Theatermacher ihre eigene Arbeit verorten beziehungsweise wie viel die Analyse darin zu finden vermag. „Die Kunst der Bühne“ ist eine Sammlung von Einzelpositionen, wie ein Speed-Dating mit siebzehn Lebens- und Arbeitsentwürfen. Hier liegt keine umfassende Anthologie mit abschließender Auswahl vor, sondern ein Stöberbuch für Leser, die an Künstlerpersönlichkeiten generell und Bühnenkunst im Speziellen interessiert sind. Im Sinne Luk Percevals, der schreibt: „Auch wenn die anderen Medien und Kommunikationsmittel in Zukunft noch raffinierter werden, bleibt die Sehnsucht nach einer wirklichen Begegnung immer universell menschlich, und schon deshalb glaube ich, dass das Theater immer eine absolute Berechtigung haben wird“, kann man hier die Begegnung mit denen suchen, die sich mit Herz und Kopf dem Theater verschrieben haben. (Johanna Egger)

Marion Tiedtke, Philipp Schulte (Hg.): Die Kunst der Bühne. Positionen des zeitgenössischen Theaters. Theater der Zeit 2011. 199 S. 18,00 €

Shakespeare enttarnt?

„My brother told me that Shakespeare really didn’t write Romeo and Juliet. Is that true?“ wird der bekannte Shakespeare-Forscher und -Biograph James Shapiro von einem neunjährigen Jungen gefragt. Er ist solche Fragen bereits gewöhnt – dass die Zweifel an Shakespeares Autorschaft schon bei Grundschulkindern zu finden sind, erschreckt ihn dennoch. Das wird ihm zum Anlass, sich einmal ausführlich mit der Kontroverse um die Urheberschaft der Shakespeare-Werke zu beschäftigen.

Wer von Shapiro eine endgültige Antwort oder einen hieb- und stichfesten Beweis für einen der Kandidaten erwartet, wird in Contested Will nicht fündig werden. Vielmehr kann man sich auf eine spannende und aufschlussreiche Reise in die Wissenschaftsgeschichte und die Geschichte der Shakespeare-Forschung freuen. Anhand der Theorien um William Shakespeare of Stratford, Francis Bacon und dem Earl of Oxford zeigt Shapiro, wie im Laufe der Jahrhunderte mit der mangelhaften Quellenlage zur Person Shakespeare umgegangen wurde und wie sich daraus wilde Verschwörungstheorien entwickelten.

Als entscheidenden Prozess zu Beginn dieser Entwicklung macht er die Verehrung und Überhöhung des Autors Shakespeare als ‚Barden‘ aus: In dem Moment, in dem die Stücke als göttlich aufgefasst wurden, kam ein einfacher Bürger wie William Shakespeare of Stratford, als Urheber für viele nicht mehr in Frage und es begann eine Suche nach dem ‚wahren‘ Autor, die sich für gewöhnlich auf Vermutungen und Indizien stützte.

Sehr interesant ist es dabei, zu beobachten, wie Forscher immer wieder von ihrer eigenen Geschichte, ihren Ansichten und Ressintiments geleitet wurden (und sicher auch heute noch werden) und dabei unter Umständen auch zu Mitteln wie Beweisfälschung und -unterschlagung griffen. Zusätzlich griffen immer wieder Amateure in die Diskussion ein und vergrößerten so deren Unübersichtlichkeit. Auch in anderer Hinsicht kann das Buch als Hilfsmittel zum kritschen Umgang mit Wissenschaft dienen, wenn am Beispiel Shakespeare klar wird, wie methodologische und theoretische Trends sich direkt in der jeweils gewonnenen Erkenntnis niederschlagen. Selbst wenn man also an der Autorschaftskontroverse selbst nicht besonders interessiert ist, kann man hier lernen, eigene Erkenntnisbildungsprozesse kritisch zu hinterfragen.

Das abschließende Wort zur Debatte kann und will Shapiro, wie schon erwähnt, hier nicht sprechen. Er selbst ist, das macht er klar, Anhänger des William Shakespeare of Stratford und versucht diese Position auch zu belegen, räumt aber ein, dass er keine besseren Beweise hat, als die Forscher vor ihm. Wirft man einen Blick auf die Kommentare bei amazon.com, wird auch schnell klar, dass eingefleischte Anhänger anderer Kandidaten sich davon nicht überzeugen lassen und oft Shapiro selbst eine tendenziöse Beschönigung seiner Position vorwerfen.

Bisher liegt Contested Will noch nicht in deutscher Übersetzung vor, ist jedoch problemlos im Original erhältlich. (Nele Solf)

James Shapiro: Contested Will. Who Wrote Shakespeare? Simon&Schuster 2010. 340 S. 18,99€

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