State of the Art: Archäologie

Die Wissenschaftslandschaft der Archäologie hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Methoden, Theorien und Fragestellungen haben mehrfach eine neue Ausrichtung erhalten. Wir fragen an dieser Stelle einige ProfessorInnen dieses Faches nach dem Stand der Dinge. Die unterschiedlichen Perspektiven auf die Frage erlauben es, auch unter Berücksichtigung des individuellen Forschungsschwerpunktes und der fachlichen Ausrichtung, Schnittmengen sichtbar zu machen, die den State of the Art beschreiben.

In dieser Ausgabe schreiben Ulrich Müller, Mariya Ivanova und Hans-Georg Stephan.

Mariya Ivanova, Heidelberg

„Archaeology is an undisciplined empirical discipline.“
David Clarke, Analytical Archaeology [1968] 1978: xv.

Dieser Satz beschreibt den unauflösbaren Widerspruch der Disziplin knapp und prägnant. Auf der einen Seite basiert die archäologische Forschung auf einer gezielten, systematischen Erhebung von belastbaren Daten und Informationen im Feld (die in den Medien gern präsentierte archäologische Ausgrabung). Insofern ist die Archäologie eine empirische Disziplin, die ihre Vorgehensweise mit anderen empirischen Kulturwissenschaften, insbesondere der Ethnologie, teilt. Andererseits erforschen Archäologen Kulturen, die seit langer Zeit nicht mehr existieren, und versuchen Sachverhalte zu verstehen, die sich nicht mehr direkt beobachten und dokumentieren lassen: Die Vergangenheit bleibt uns für immer verschlossen. So erweist sich die Archäologie auf den zweiten Blick als eine hermeneutisch vorgehende Disziplin, die ihre Quellen deuten und auslegen muss.

Aus diesem Widerspruch entsteht nicht nur die Faszination der Archäologie für ein breites Publikum, sondern auch ihre besondere Wandlungsfähigkeit. Die Komplexität der menschlichen Kultur und die zeitliche Tiefe der Archäologie ermöglichen eine Vielzahl an Berührungspunkten mit anderen Wissenschaften. Die Identität des Fachs ist daher sehr stark durch Anregungen aus anderen Disziplinen geprägt, sowohl durch neue Entwicklungen von Instrumenten und analytischen Methoden in den Naturwissenschaften, als auch durch neue Themen in den Sozial-, Politik- und Kulturwissenschaften.

Was gilt heute als innovativ in der Archäologie? Die aktuellen „Modethemen“ der Disziplin zeigen einen klaren Bezug zu entscheidenden Fragen der Gegenwart. Das übersteigerte Interesse an der „Materialität“ der archäologischen Quellen, an der Wechselwirkung zwischen Menschen und alltäglichen Gebrauchsgegenständen, scheint durch die verstärkte Reflexion über die globale Konsum-Gesellschaft, aufkommende Zweifel am kapitalistischen Wirtschaftssystem und eine steigende Einkommensungleichheit im modernen Westen ausgelöst worden zu sein. Die Auseinandersetzung mit der Materialität der Dinge erscheint als Rechtfertigung für die Finanzierung von Museen, Ausgrabungen und der Denkmalpflege aus öffentlichen Mitteln in einer Welt der wachsenden wirtschaftlichen Unsicherheit.

Ein weiteres großes Thema der Archäologie der letzten Jahre bildet die Interaktion zwischen den Menschen und ihrer natürlichen Umwelt in der Vergangenheit. Es besteht kein Zweifel, dass die Aktualität dieser Forschungsfrage in Zusammenhang mit einer der größten Herausforderungen unserer Zeit, dem Umgang mit der überwiegend von Menschen verursachten globalen Erwärmung, steht.

Die wachsende Bedeutung der Erfassung, Speicherung, Analyse und Visualisierung von Daten ist ein anderes aktuelles Problem. Die stetig zunehmende Erzeugung von großen Datenmengen, besonders von archäologischen Geodaten (geomagnetische Prospektion, LIDAR, Geländemodelle) erfordert neue technische Lösungen für die Datenanalyse, ein Problem, das die Archäologie mit wirtschaftlichen Branchen wie Logistik, Medizintechnik oder Finanzen teilt. Freilich gehören die von der Archäologie erzeugten Daten noch nicht zu den „Big Data“. Gleichzeitig profitiert das Fach bereits jetzt von komplexen, computer-gestützten Formen der Wissensproduktion, die die traditionelle Wissenschaft deutlich erweitern.

Die Archäologie ist zeitgemäß, high-tech und politisch. In ihrer „Undiszipliniertheit“, in der Fähigkeit an andere Disziplinen anzuknüpfen und von neuen theoretischen und technischen Entwicklungen zu profitieren, liegt die wahre Stärke der Archäologie als Fach.

Mariya Ivanova ist Privatdozentin für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Heidelberg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind die Vorgeschichte Osteuropas, v.a. das Neolithikum und die Bronzezeit des Balkans sowie prähistorische Technik. Zuletzt ist von ihr ist erschienen: The Black Sea and the Early Civilizations of Europe, the Near East and Asia. Cambridge: Cambridge University Press 2013.

Hans-Georg Stephan, Halle-Wittenberg

Ein Plädoyer für die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit.

Archäologie und Mittelalter/Neuzeit bilden bis heute für die meisten Menschen Dinge, die man kaum zusammenbringt. Ursache dafür ist vor allem die Dominanz der älteren Perioden und exotischen Kulturen, von denen heute jedes Kind weiß, dass es dazu keine oder nur wenige Schriftzeugnisse gibt, durch Grabungen also grundlegende Neuerkenntnisse zu gewinnen sind. Da aus den nachantiken Epochen relativ viele schriftliche Aufzeichnungen, aber auch in zunehmendem Maße Bauwerke und Bildzeugnisse erhalten sind, ist der primäre Aufgabenbereich der Archäologie stärker eingeschränkt als in älteren Zeiträumen oder schriftlosen bzw. weniger überlieferungsfreudigen zeitgleichen Kulturen in anderen Teilen der Welt. Hinsichtlich der möglichen Einsichten ergeben sich aber gerade infolge der Fächer übergreifenden Arbeitsweise und der Vielseitigkeit der zur Verfügung stehenden Zeitzeugen ungeheuer vielfältige Interpretationsmöglichkeiten. Die Archäologie der historischen Zeiträume ist somit eine Brückenwissenschaft, die umso notwendiger ist, als die Spezialisierung nicht allein in den ebenfalls partiell in die Arbeit mit einbegriffenen technischen und naturwissenschaftlichen Disziplinen, sondern auch in den Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften immer weiter voranschreitet. Als Kernaufgaben der Archäologie sind aus meiner Sicht die Erschließung, der Schutz und die Erforschung sowie die Breitenvermittlung der Alltagskultur unserer jüngeren Vergangenheit anzusehen, wozu auch die Relikte in der Kulturlandschaft gehören.

Ein besonders fruchtbares Überschneidungsgebiet ergibt sich etwa im Spannungsfeld von Archäologie und Bauforschung. Synergieeffekte ergeben sich beispielsweise nicht nur in der traditionsreichen Burgen-, Kirchen-, Dorf- und Stadtarchäologie, sondern auch bei der neuerdings verstärkt ins Blickfeld geratenen Untersuchung von Relikten jüdischer Lebenswelten oder der Industriearchäologie. Die Archäologie hat zur Wirtschaftsgeschichte hoch interessante und wichtige Beiträge zu liefern, da trotz der vorhandenen Schrift- und Bildquellen wie auch oberirdisch überlieferter Gegenstände doch vieles unklar und unanschaulich bleibt, und zahlreiche entscheidende Innovationen unserer Zivilisation sich in der Zeit seit dem 8. Jahrhundert ereignet haben.

Der generelle Vorteil archäologischer Zeugnisse liegt in ihrer Unmittelbarkeit, in ihrer Verortung, die für die Mehrzahl der in Sammlungen überlieferten dreidimensionalen Realien so nicht zutrifft. Weiterhin sind Schrift- und Bildquellen immer zu einem bestimmten Zweck aufgezeichnet worden. Von daher steht stets ein bestimmter Blickwinkel im Fokus, manches wird hervorgehoben, anderes weggelassen, Erwünschtes möglicherweise hinzugefügt, wie Textanalysen zeigen. Unabsichtlich hinterlassene Spuren im Boden und in der Landschaft können die Dinge ins rechte Lot bringen. Die Archäologie dient somit ganz wesentlich der Konkretisierung und Verortung von Geschichte und der Veranschaulichung auch dort, wo wenig oder nichts erhalten geblieben ist. Es besteht somit ganz erheblicher Forschungsbedarf.

Als Archäologe weiß man, hat man sein Handwerk anständig gelernt, von vornherein, dass wir stets mit Fragmenten und vereinzelten Überresten arbeiten müssen, dass Analogien im Erkenntnisprozess notwendig, aber auch methodisch bedenklich sein können. Rekonstruktionen müssen Konstrukte bleiben, da die Materialbasis für unsere Erkenntnisse stets begrenzt und im Fluss ist, und Veränderungen jederzeit möglich sind. Dabei sind wir in überlieferungsärmeren Zeiten und Kulturen ganz besonders auf anthropologische Vergleiche und stets zeit- und gesellschaftsbedingte Modelle angewiesen. Zum europäischen Mittelalter und zur Neuzeit liegt hingegen eine für den Einzelnen nicht mehr überschaubare Fülle von Informationen vor, die eine zunehmende Spezialisierung in den Wissenschaften mit sich gebracht hat. Sie ist dennoch immer wieder unter neuen Aspekten möglichst ganzheitlich zu durchdringen und zu deuten. Einer „theory for the sake of theory“ vermag ich allerdings wenig abzugewinnen. Ein grundsätzliches Problem der Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit liegt ganz gewiss darin, dass sie bis heute weithin wenig Akzeptanz erfahren hat, nicht nur in den historischen Nachbardisziplinen, sondern auch in archäologischen und nahe stehenden geisteswissenschaftlichen Fachkreisen. Insbesondere gilt dies für die deutschen Universitäten, an denen dieses Fach kaum vertreten ist. Dies steht in krassem Gegensatz zur Realität des Berufslebens der meisten europäischen Archäologen. Wenn abzuwägen ist, was man bei knappen finanziellen und personellen Ressourcen und begrenzter Zeit vernachlässigen will und kann, so ist es bis heute fast immer das (spätere) Mittelalter und die Neuzeit. Abhilfe tut dringend not.

Hans-Georg Stephan ist Professor für die Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Zu seinen Schwerpunkten gehören u. a. die Zeit des 1. und 2. nachchristlichen Jahrtausends in Mitteleuropa und die Erforschung mittelalterlicher Siedlungs- und Landschaftsgeschichte. Von ihm ist u. a. erschienen: Studien zur Siedlungsentwicklung und -struktur von Stadt und Kloster Corvey (800-1670). Eine Synopse auf der Grundlage der archäologischen Quellen. Bd. 1-3, 2000.

Ulrich Müller, Kiel

Ur- und Frühgeschichte: ein kleines Fach in der Wissenschaftslandschaft, aber ein großes für die Menschheit?

Archäologie ist eine Disziplin, die ihren Erkenntnisgewinn durch archäologische Ausgrabungen und unter Anwendung spezifischer Methoden erzielt. Damit ist sie weder an bestimmte Zeiten noch an bestimmte Räume gebunden, selbst wenn es zeit-, regionen- und quellenspezifische Fragestellungen und Methoden gibt. Dabei reicht die Untersuchung von Gesellschaften auf der Grundlage ihrer materiellen Ausprägungen mit archäologischen Methoden bis in die Gegenwart hinein („contemporary archaeology“). Die zeitlichen Ränder der Ur- und Frühgeschichte sind durchaus variabel und Entwicklungen unterzogen. So hat sich das Fach seit den 1970er Jahren auch dem Mittelalter und seit den späten 1980er Jahren der Neuzeit zugewandt. Die hiermit verbundene Parallelüberlieferung insbesondere an schriftlichen Quellen sowie die Quellenverdichtung haben nicht nur zu umfangreichen und interdisziplinären Diskussionen, sondern auch zu eigenen Lehrstühlen, Abteilungen an Landesämtern und Interessensverbänden geführt. Die Vielzahl und Vielfalt an Archäologien, die nicht nur seit langem etablierte eigenständige Fächer umfassen, sondern auch Teilbereiche, die sich durch spezifische Quellen oder Methoden auszeichnen, lässt sich an Begriffen wie „Unterwasserarchäologie“, „Landschaftsarchäologie“, „Konfliktarchäologie“ usw. ablesen.

Insofern ist es auch konsequent, terminologisch und methodologisch ein Dach (oder Fundament) zu bilden. Hier bieten sich die Begriffe „Prähistorische“ und „Historische Archäologie“ an. Während nicht zuletzt unter Einflüssen aus dem angloamerikanischen Raum sich die Bezeichnung „prähistorische Archäologie“ als Synonym für urgeschichtliche Archäologie durchgesetzt hat, fehlt es zumindest im deutschsprachigen Raum noch an einer breiten Diskussion über den Begriff „Historische Archäologie“. Was genau darunter zu verstehen ist, darüber sollte auf breiterer Front als bislang diskutiert werden. Die in weiten Teilen Europas gängigen Begriffe „Mittelalterarchäologie“ („medieval archaeology“) und „Neuzeitarchäologie“ („post-medieval archaeology“) folgen der klassischen Epocheneinteilung und dem Konzept eines lateineuropäischen Mittelalters, auch wenn sie selbstverständlich den Blick aus Lateineuropa auf deren vermeintliche Ränder hinaus bieten. Man könnte diese also als einen Teilbereich einer „Historischen Archäologie“ verstehen. Andere wiederum benutzen den Begriff allein synonym zur Archäologie der Neuzeit, wobei sich mir der Erkenntniszuwachs nicht unmittelbar erschließt. Vielleicht dient „Historische Archäologie“ momentan auch nur dazu, den Heterogenitäten europäischer Archäologietraditionen gerecht zu werden, als übergeordneter kultur- oder wissenschaftspolitischer Begriff eine Art von Plattform- und Netzwerkbildung zu ermöglichen. Dies ist sicherlich sinnvoll und hilfreich, wenn es um die Außendarstellung im Spannungsfeld von europäischer Ebene und länderspezifischen Inhalten geht. Um „Historische Archäologie“ gegenüber anderen, etablierten Archäologien (Prähistorischer Archäologie, Ur- und Frühgeschichte, Mittelalterarchäologie, Neuzeitarchäologie) zu profilieren, ist dies allerdings zu wenig. Und nicht zuletzt muss eine wie auch immer geartete „Historische Archäologie“ vor dem Hintergrund einer „neuen“ Globalgeschichte und der Diskussion um (europäische) Vormodernität Position beziehen.

Eine Archäologie der Gegenwart ist in Deutschland bislang kaum etabliert. Zwar gibt es eine Reihe von Untersuchungen wie beispielsweise der Fluchttunnel Glienike, doch sind diese in der Regel konkreten Maßnahmen der Bodendenkmalpflege geschuldet. In Hinblick auf eine methodologische und theoriegeleitete Auseinandersetzung haben Länder wie Großbritannien eine Vorreiterrolle. Die „contemporary archaeology“ hat meines Erachtens ein enormes methodologisches Potential, das sich nicht nur in den spektakulären Ausgrabungen eines Ford Transit Vans in Großbritannien oder des „Déjeuner sous l’herbe“ des Künstlers Daniel Spoerri durch französische Archäologen zeigt. Wenn unter anderem „peace camps“ oder die Hinterlassenschaften Nichtsesshafter („homelessness“) untersucht werden, geht es auch um die Praxis einer Archäologie für eine postindustrielle Gesellschaft.

Einem außenstehenden Beobachter mag die „deutsche“ Archäologie nach wie vor etwas provinziell und hausbacken erscheinen. Sie scheint nicht „die großen“ Theorien hervorzubringen – Oskar Montelius war ein Schwede und an Gustav Kossina und seiner ethnischen Interpretation krankt die Archäologie bisweilen heute noch.

Es wäre lohnenswert, die Diskussion zur wirklichen oder gefühlten „Theorieferne“ der deutschen Archäologie einmal aus der Perspektive der Wissenskulturen und Wissenssysteme zu führen. Es würde vermutlich auffallen, dass die nach wie vor mächtige Sprachgrenze gegenüber der anglophonen Archäologie zwar an Undurchlässigkeit verloren hat, diese aber sich bisweilen ihrer ab- und ausgrenzenden Funktion bedient. Insbesondere in den Debatten der 1980er Jahre konnte man den Eindruck gewinnen, die „deutsche Archäologie“ sei theoriefeindlich oder zumindest theoriebefreit, habe sie doch ausschließlich die typologische oder chronologische Gliederung des Materials im Blick und verstehe sich nach wie vor als „Kulturgeschichte“ in der Tradition des 19. Jahrhunderts. Dem würde ich aus heutiger Sicht wiedersprechen: Die angloamerikanischen Archäologieschulen haben unbestreitbar wichtige und nachhaltige Impulse geliefert, auch zu entsprechenden Paradigmenwechseln geführt und sind nach wie vor wirkmächtig. Doch vor dem Hintergrund der Pluralität von Wissenschaften und Wissenschaftsschulen scheinen mir die Debatten an Schärfe verloren zu haben und einem gehörigen Maße an Pragmatismus gewichen zu sein. So wird und kann es im Sinne einer GUT, einer „Grand Unified Theory“, nicht den Blick auf die Vergangenheit geben. Die mitunter retrospektive Verklärung scheint auch zu vergessen, dass es auch in der anglophonen Sprachwelt nie eine Einheitlichkeit der „processual“ bzw. „post-processual archaeology“ gegeben hat. Wie weit sich die Archäologie neueren Strömungen der Kulturwissenschaften geöffnet hat und hier nicht nur als stiller Rezipient, sondern eigenständiger Diskussionspartner positioniert, zeigen die Diskurse zu „Raum“ und „ Materialität“.

Archäologische Quelle sind – dreidimensionale, im Raum und in der Zeit verortete Körper. Diese zugleich sperrige wie zutreffende Definition verweist auf das geografisch-dimensionale der Archäologie. Ob kulturhistorisch, kulturwissenschaftlich oder kulturanthropologisch verstanden – die Grundlage der archäologischen Wissenschaften sind stets die Funde und Befunde. Auch wenn diese nicht zwangsläufig („als Bodenfund“) unter der Erde liegen müssen wie beispielsweise die Funde aus sogenannten Zwischenböden zeigen, so entstammen sie stets in einem physischen Kontext. Es liegt auf der Hand, dass Archäologie eine gegenstandbezogene und raumbezogene Wissenschaft ist und somit mit besonderem Interesse auf den „spatial/ topografic turn“ und den „material turn“ schauen sollte. Landschaft ist geographischer und sozialer Raum, Raum jedoch nicht zwangsläufig Landschaft. In der deutschsprachigen Archäologie ist der „spatial turn“ recht spät wahrgenommen worden. Der Paradigmenwechsel in den Kultur- und Sozialwissenschaften war vielleicht so eklatant, dass er in einem genuin raumbezogenen Fach wie der Archäologie erst einmal nicht wahrgenommen wurde. In der älteren deutschen Forschung dominierte noch die Siedlungsarchäologie, der Landschaftsbegriff wurde vielfach auf den Kulturraum und damit auf eine ethische Interpretation enggeführt. Seit rund 30 Jahren hat sich das Bild zugunsten einer Umwelt- und Landschaftsarchäologie gewandelt. Gerade letzterer ist mitsamt unterschiedlicher Methoden seit den späten 1970er Jahren aus dem angloamerikanischen in den deutschen Sprachraum „diffundiert“ und erlebt seit den späten 1990ern einen Boom. Inzwischen ist auch im deutschsprachigen Raum eine breite und umfassende Diskussion zu verzeichnen. Es scheint so, als taste sich die Archäologie von eher physisch-geographischen Räumen in sozial konstruierte Räume vor. Hier bieten sich große als Chancen, denn in Bezug auf aktuelle Raumtheorien würde man formulieren, dass diskursive Praktiken soziale Räume erzeugen, die man mit Martina Löw als „relationale (An)Ordnung sozialer Güter und Menschen“ verstehen kann. Menschen kommt dabei eine aktive Rolle zu, indem sie „Ensembles von sozialen Gütern“, aber auch „Menschen und Menschengruppen miteinander verknüpfen“. Mit der so verstandenen Entstehung von Räumen sind zugleich Platzierungen verbunden, die Löwe als „place“ bezeichnet und die teilweise mit dem Feldbegriff von Bourdieu identisch sind.

Archäologie als Wissenschaft beginnt auf der Ausgrabung, Archäologie endet nicht mit der Einlagerung von Funden und Plänen im Archiv oder der Präsentation im Museum. Archäologie ist vielmehr eine zunehmend interdisziplinär vernetzt agierende Wissenschaft. Sie gründet – je nach eigenem Standpunkt, wissenschaftlichem Umfeld und Fragestellung – auf kulturhistorischen, kulturwissenschaftlichen oder kulturanthropologischen Prämissen und Paradigmen unter Hinzuziehung naturwissenschaftlicher Techniken und Methoden, aber auch Fragestellungen. „Ur- und Frühgeschichte“, „Mittelalter- und Neuzeitarchäologie“ bzw. „Prähistorische und Historische Archäologie“ bewegen sich heute in Forschung und Lehre zwischen traditionellen Disziplinengrenzen, reichen zeitlich von der Altsteinzeit bis in die Gegenwart und verstehen sich keineswegs allein auf Europa beschränkt. Sie untersuchen sowohl „local level strategies“ auf der Mikroebene als auch „anthropologische Konstanten“ auf einer Makroebene, fragen nach vergangenen kulturellen wie sozialen Praxen und schaffen mit ihren Antworten ein Wissen für ein Verständnis gegenwärtiger als auch zukünftiger Gesellschaften.

Ulrich Müller ist Professor für Ur- und Frühgeschichte, sowie Archäologie des Mittelalters an der Christian-Albrechts-Universität Kiel. Seine Forschung richtet sich in erster Linie auf den Zeitraum vom Hochmittelalter bis zur Neuzeit. Zu seinen Schwerpunkten gehören Handwerk im Mittelalter und die Erforschung maritimer und limnischer Regionen. Zuletzt erschien von ihm zus. mit S. Kleingärtner/J. Scheschkewitz (Hrsg.): Kulturwandel im Spannungsfeld von Tradition und Innovation. Festschrift Müller-Wille (Neumünster 2013).

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