heft 6. sommer 2015

AWN-heft6-coverLiebe Lesende,

die siebte Anwesenheitsnotiz der Welt im Sommer 2015, fünf Jahre nach Heft 0. Wir haben ein halbes Jahrzehnt hinter uns, aber augenscheinlich eine ganz eigene Art zu rechnen: Waren das 1,4 Hefte pro Jahr? Waren das 0,7 Hefte im Semester? Oder können wir einfach nicht zählen?

Der Großteil der Anfangsbesetzung ist mittlerweile in alle Himmelsrichtungen verstreut, mit Dissertationsprojekten beschäftigt oder in einem Leben außerhalb der Universität angekommen – die Neuen wissen es auch nicht immer. Aber das Projekt, die Anwesenheit studentischer Gedanken nicht nur zu postulieren, sondern auch öffentlich zu notieren, geht weiter. Wenn auch, und da sind wir wieder bei der Mathematik, seit 2012 nicht mehr in jedem Semester mit einem neuen Heft, sondern im Jahresturnus. Können wir damit die Rechnung retten?

Nicht ganz. Gehen wir über zur Publikationsalgebra für Fortgeschrittene: Nachdem 2013 mit der Suche nach Finanzgebern verbracht wurde und wir durch wunderbare Hilfe vieler Institute an der Freien Universität Berlin doch noch eine Ausgabe zum Winter veröffentlichen konnten, war 2014 schnell vergangen. Nicht nur, dass die Anwesenheitsnotiz ein Kapitel der Ernst-Reuter-Gesellschaft der Freien Universität Berlin geworden ist, wir arbeiten auch mit Hochdruck an einer neuen Web-Präsenz, da uns die alte Site von Hackerangriffen zerschossen wurde.

Doch die neue Ausgabe ist jetzt da, und wir danken wieder einmal unseren zahlreichen Autor*innen, den wissenschaftlichen Beiräten und der Ernst-Reuter-Gesellschaft, die uns früher einmal die Anschubfinanzierung geleistet hatte. Und dieses Mal geht es im Bananengelb nicht nur um Themen, die uns intellektuell bereichern, sondern die auch in der Lage sind, die Geschichte der Zeitschrift selbst zu erzählen: Sei es das (nicht) Enden, dessen dramatische Inszenierungen analysiert werden; seien es die wahlverwandtschaftlichen Autoren- und Lektoratsteams, die neue Ordnungen entwerfen oder … – nun, irgendwo bricht die Analogie sicherlich auch.

Es ist uns also wieder eine große Freude, das aktuelle Heft zu präsentieren – neben dem schon bekannten call for notes jetzt auch mit einem call for members: Wer sich auch schon mal gefragt hat, ob wissenschaftliche*r Mitarbeiter*in, Professor*in oder der Freundeskreis zum einzigen Lektürezirkel von Hausarbeiten gehören sollte, hat hier die Chance, daran etwas zu ändern: und nebenbei alles vom Mitmachaufruf bis zur letzten Fußnotenkorrektur bei einer wissenschaftlichen Publikation zu lernen, mitsamt ganz speziellen Rechen- und Theaterkursen.

Schreibt einfach und formlos bei Texteinsendungen und Mitmachwünschen an: anwesenheitsnotizen@gmail.com

Eure Redaktion.

mitarbeiter

An diesem Heft waren beteiligt:

Herausgeber: Tim König; Martin Lhotzky; Matthias Lüthjohann; Claire Schmartz
Redaktion: Lukas Goldmann – Lektorat; Luzia Goldmann – Organisation, Finanzierung; Tim König – Lektorat, Finanzierung, Organisation,
Layout; Martin Lhotzky – Öffentlichkeitsarbeit, Lektorat, Rubriken,
Layout; Matthias Lüthjohann – Lektorat; Claire Schmartz – Lektorat, Organisation
Freie Mitarbeiter: Marie Nicolay – Illustrationen
Qualitätsbeirat:   Christina Deloglu; Christian Freigang; Annette Gilbert; Susanne Schäfer; Susanne Strätling
Sponsoren: Ernst-Reuter-Gesellschaft e.V. der Freien Universität Berlin
Gesamtheft

Inhaltliches Vorwort

In der siebten Ausgabe der Anwesenheit vollziehen wir eine kleine Reise rückwärts durch die Zeit und beginnen in der Gegenwart. Lotte Marie Schüßlers Untersuchung zu (Vermeidungs)-Strategien des Endes in Theater und Performance zeigt auf, dass es nicht nur die Angst vor der leeren weißen Seite gibt, nämlich die des Anfangs, sondern auch die vor dem Ende. Mit It ain’t over till it’s over der Theatergruppe bigNOTWENDIGKEIT und René Polleschs Kill your Darlings. Streets of Berladelphia hat die Autorin zwei Inszenierungen gewählt, bei denen das Enden fraglich geworden ist. Anhand dieser entwirft sie im Wechselspiel von Beobachtung und Theorie einen kleinen Katalog zeitgenössischer End-Szenarien im Theater, um diese schließlich auf ihre medienspezifische Unterscheidung zwischen inszenierten und sich ereignenden Enden hin zu befragen.

„Lass die Sorgen zu Haus, sei verliebt, wandre aus…“ – Reinhold Schünzels milde Subversion ist eine Aufarbeitung der Leistung des Schauspielers und Filmemachers Reinhold Schünzel. Den Theatersaal gegen das Kino tauschend springen wir in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts: Valerie Dirk analysiert, inwiefern Schünzels OEuvre als ‚milde Subversion‘ gelten kann. Seine unter dem NS-Regime entstandenen Satiren wurden teils mit Boykottaufrufen von EmigrantInnen belegt, aber auch als Akte der Subversion aufgefasst. In diesem Spannungsfeld geht Dirk auch der Frage moralischer Verantwortung von Künstlern nach.

Katharina Duda zeichnet virtuos Das ‚ungeheure Recht‘ der Gegenwart (so der Titel) in Goethes ‚Wahlverwandschaften‘ nach. Dabei kommt sie zu einem Lektürevorschlag, der die Verflochtenheit der wahlverwandtschaftlichen Liebesverstrickungen mit Zeitkonzepten innovativ herausstellt. Der Vorschlag zielt aber vor allem darauf ab, sichtbar zu machen, wie in Goethes Text Zeitkonzepte verschoben und unterwandert werden; wie eine Bandbreite an textuellen Inszenierungen der Zeit geöffnet wird und welche Erklärungsmuster genau das provoziert. Dass vor allem in direkter Auseinandersetzung mit dem literarischen Text gearbeitet wird, ist umso faszinierender, weil dabei gerade  wissenschaftstheoretische Diskurse von einer neuen Seite aus beleuchtet werden. Deren Evidenz ist teilweise auch in der Gegenwart noch ungebrochen – was den Lektürevorschlag auch außerhalb germanistischer Goethe- Forschung spannend werden lässt.

Vom Ende der Aufklärung bewegt sich Jenny Augustin hin zu ihren Anfängen, an die Bruchstelle vom Barock zur Renaissance im Spanien des 17. Jahrhunderts. Die Autorin befasst sich eingehender mit dem Phänomen der „La mujer vestida de hombre“ im Theater des Siglo de Oro und analysiert Frauenbilder in der Dramatik. In den Komödien dieser Zeit kommt es oftmals zu  Verwechslungsspielen und Verkleidungen. Deshalb extrapoliert Augustin  besonders verschiedene Möglichkeiten dieses Verwirrspiels: Die Liebende, die sich als Mann verkleidet, um ihren Verlobten wiederzufinden, die androgyne  Kriegerin, die selbiges tut, um in den Krieg zu ziehen und ihre Brüder zu rächen, oder aber die Akademikerin, die, um als Ärztin arbeiten zu können, sich als Mann kostümiert. All diese Verkleidungen geben den Frauen temporär die Möglichkeit, ungeachtet ihres Geschlechts zu agieren. Allerdings eben nur für die Zeit ihrer Verkleidung als Mann.

Von der Aufklärung ins Mittelalter springt Lukas Goldmanns kritische Bestandsaufnahme der archäologischen Forschung zu den Sachsen. In „Saxones“ und Altsachsen. Analyse einer Gruppenbezeichnung und ihrer Anwendung in der Archäologie stellt er die Mehrdeutigkeit historischer Quellen heraus und beleuchtet so den Konstruktionscharakter der vermeintlich homogenen Kategorie Saxones. Diese ist im 19. Jahrhundert als Sammelbegriff für eine heterogene Anzahl von Populationen in Nordwestdeutschland eingeführt worden. Dadurch wird auch die Frage nach einer angemesseneren archäologischen  Forschungspraxis, die der heterogenen historischen Realität gerecht wird, aufgeworfen.

Die Ausgabe schließt mit Theresia Lehner und der römischen Antike. Sie untersucht den Fall der Lucretia in der livianischen Überlieferung, der unter anderem den Übergang von der römischen Monarchie zur Republik um 500 v. Chr. markiert. Lehner betrachtet den Vorfall der Vergewaltigung bzw. des Ehebruchs aus der Perspektive der zu Livius‘ Zeit gültigen Lex Iulia de adulteriis coercendis (ca. 1. Jh. v. Chr.). Sie beleuchtet dabei die Komplexität des Falles der Lucretia, der in eine Grauzone zwischen Gesetz und Moral fällt.  Bezeichnenderweise betrachten die männlichen Akteure, die das vor der Lex Iulia de adulteriis coercendis geltende römische Familiengericht ausmachen, Lucretia nicht als Ehebrecherin, letztere hingegen will nur den Verdacht eines  einvernehmlichen Ehebruches ausräumen und trifft die in ihren Augen einzig konsequente Entscheidung, sich selbst mit dem Tod zu bestrafen. Abschließend vergleicht Lehner die augusteische mit der modernen Gesetzgebung hinsichtlich der hier in Frage kommenden Straftatbestände Ehebruch und Vergewaltigung, um die Differenz zwischen heutiger und damaliger Bewertung des Falles der Lucretia deutlich zu machen.

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