Katharina Duda: Das „ungeheure Recht“ der Gegenwart. Zerbrochene Zeit und andere (Neu-)Ordnungen in Goethes Wahlverwandtschaften.

Einleitung: Zeiteinteilung, Zeitkonzepte und der scheiternde Versuch, Ordnung zu halten

Im siebten Kapitel des ersten Bandes der Wahlverwandtschaften findet sich gleich zu Beginn eine markante – und in der Sekundärliteratur entsprechend häufig zitierte – Passage: Nach einigen Versäumnissen nehmen Eduard und der Hauptmann ihre Arbeit in der Kanzlei wieder auf, wollen sich „wieder eine Uebersicht […] verschaffen“, einige liegengebliebene Aufsätze und Briefe schreiben.[1] Zuvor schon waren die beiden Freunde eifrig damit beschäftigt gewesen, auf ihrem Flügel des Schlosses „eine Repositur für das Gegenwärtige, ein Archiv für das Vergangene“ anzulegen und alle Dokumente, Papiere Eduards und dergleichen mehr in eine „erfreuliche Ordnung“ (vgl. S. 41) zu bringen. Nun aber, bei Wiederaufnahme der Tätigkeit, will den beiden die vormals leichte Arbeit nicht mehr recht gelingen. Schließlich fragt Eduard, dem es „am wenigsten von statten“ geht, nach der Zeit:

Da zeigte sich denn, dass der Hauptmann vergessen hatte seine chronometrische Sekunden-Uhr aufzuziehen, das erste Mal seit vielen Jahren; und sie schienen, wo nicht zu empfinden, doch zu ahnen, daß die Zeit anfange ihnen gleichgültig zu werden. (S. 73)

Diese gleich doppelte Nachlässigkeit sollte stutzig machen. Denn unter dem Einfluss der sich anbahnenden Liebesverstrickungen – Eduard hat sich bereits „mehr zu Ottilie gesellt[]“ (S. 72), während Charlotte und der Hauptmann gemeinsam an der Verschönerung der Gartenanlagen arbeiten – sind die Freunde nicht nur, wie häufig bemerkt und zitiert[2], der Zeit gegenüber gleichgültig geworden. Ausgerechnet das Ordnunghalten (mit Papieren, Briefen usw.) ist es, das den Freunden nicht mehr oder zumindest nicht mehr so selbstverständlich und mühelos wie ehedem von der Hand geht, und diese Unfähigkeit erst nötigt die Erkenntnis ab, dass man es (auch) mit dem Ordnunghalten in der Zeit, repräsentiert durch die Sekunden-Uhr, nicht mehr ganz so genau zu nehmen scheint.

Zeiteinteilung, d.h. hier die Sorgsamkeit mit der Zeit und das an dieser Stelle ganz wörtlich zu nehmende Halten und Erhalten von Ordnung rücken in diesem Zitat also aufs Engste zusammen. Die Engführung der beiden Dimensionen an dieser Stelle lässt insofern die auch ansonsten nicht ganz abwegig erscheinende Annahme zu, dass Zeit in den Wahlverwandtschaften grundsätzlich als eine bestimmte Ordnung, besser: als ein ordnendes Prinzip vorgestellt wird, nach dem Dinge (aber auch Wahrnehmungen, Empfindungen und dergleichen) zueinander gestellt, eben geordnet werden, sind oder zumindest sein sollten. Eine spezifische Vorstellung von Zeit, nach der in diesem Sinne geordnet werden soll, lässt so bestimmte Arrangements von Gegenständen, Charakterdarstellungen usw. als natürlich und angemessen erscheinen und legt einen speziellen Umgang mit Zeit und mit den ‚in ihr‘ geordneten Phänomenen nahe. Dass darüber hinaus Vieles von dem, was man über Zeit und Zeitstrukturen im Roman sagen kann, einen weitläufigeren Sinn erhält, wenn man es im Zusammenhang mit anderen ‚Ordnungen‘ liest, die das Leben der Romanfiguren, ihr Handeln, Wahrnehmen und Empfinden, aber auch die Erzählweise des Textes selbst, bestimmen, ist der Grundgedanke der vorliegenden Arbeit.

Im Folgenden möchte ich daher bestimmte Ordnungen in den Wahlverwandtschaften untersuchen, wobei deren zeitliche Aspekte und Konnotationen jeweils Ausgangs- und Zielpunkt meiner Erläuterungen sein werden. Herauszuarbeiten wird sein, wie Zeit im Roman vorgestellt wird, wie sie Dinge arrangiert oder wie Gegenstände analog zu diesem bestimmten, darzustellenden Zeitverständnis – respektive mehreren, divergierenden Auffassungen und Umgangsweisen von und mit Zeit – von den Figuren geplant und gedacht oder aber auf Textebene in Form spezifischer Arrangements und Textverfahren dargestellt werden. Diese Analyse soll gleichzeitig auch ein Licht auf für den Roman so schlagwortartige Begriffe wie ‚Gewöhnung‘, ‚Anlagen‘ und ‚Ehe‘ werfen, die ich im Sinne einer bestimmten Ordnungslogik: einer auf Folge und Folgerichtigkeit – um diese Bestimmung hier schon einmal vorwegzunehmen – abzielenden Bewegung hin deuten möchte, welche sich meines Erachtens aus solchen und ähnlichen Begriffen und Konzepten in den Wahlverwandtschaften herauslesen lassen. Anschließend wird zu zeigen sein, wie (nicht nur) unter der Wirkung der sich anbahnenden Liebesverstrickungen durch bestimmte Verhaltensweisen der Figuren und des Erzählers (ganz im Sinne der oben bereits anzitierten Fehlleistung im Halten von Ordnungen) gegen das herausgearbeitete Zeit- und Ordnungskonzept tatsächlich und nachhaltig auf allen Ebenen des Textes verstoßen wird, wie es auch bereits im Eingangszitat geschah. Dass allerdings eben diese ‚Regelwidrigkeiten‘, die scheinbaren Brüche, Verstöße und der falsche Umgang des Wahlverwandtschaftenpersonals mit einer in spezifischem Sinne vorgestellten Zeit letztlich nicht erst aus den wahlverwandtschaftlichen Verstrickungen entspringen und bloßes Produkt leidenschaftlicher Unordnung sind[2], möchte ich abschließend durch eine Analyse entsprechender Textpassagen und Motive des Romans plausibel machen. Gezeigt werden soll, wie der scheinbaren Ordnung und den Ordnungsbemühungen der Figuren im Roman von Anfang an ein ‚unordentlicher‘ Modus der Zeit- und Welterfahrung untergeschoben ist, der sich tatsächlich nicht hintergehen lässt. Stattdessen lässt sich anhand einer genaueren Analyse entsprechender Bewegungen im Text zeigen, wie die herauszuarbeitende sukzessive (rationale) Zeitordnung geradezu notwendig immer schon unterwandert wird. Daraus abgeleitet aber zeigt sich auch, wie das angeblich rationale (ordentliche) ebenso wie das irrationale Verhalten der Figuren – letzteres häufig getarnt im Mantel selbstbewusst auftretender Begründungen und scheinbarer Vernünftigkeit – gleichermaßen eben einem ‚unordentlichen‘ Umgang (nicht nur) mit Zeit entspringen. Offengelegt wird so in Goethes Roman der generelle Konstruktionscharakter von Ordnungen überhaupt, deren Natürlichkeitsansprüche ebenso wie ihre scheinbare Unhintergehbarkeit damit dekonstruiert werden. Aus dieser Bewegung möchte ich abschließend auch einen Vorschlag hinsichtlich der Anlage und einer entsprechenden Lektürehaltung gegenüber den Wahlverwandtschaften im Ganzen gestalten.

1. Zeit als sukzessive Ordnung

Wenn Eduard und der Hauptmann feststellen, gegen „die Zeit“ gleichgültig geworden zu sein (s.o.), dann ist an ihrer Beobachtung nicht ganz unerheblich, dass diese vergessene Zeit in einer sehr spezifischen Erscheinung auftritt: Vergessen wurde ausgerechnet, die „Sekunden-Uhr“ aufzuziehen.

Das Bild der Sekunden-Uhr, ebenso wie die damit verbundenen Ideale der vernünftigen Zeiteinteilung, des (selbstgesetzlich tätigen) Ordnungschaffens und Haltens nach rational gesetzten Maßstäben[4] spricht eine Vorstellungswelt an, die man verkürzend unter dem Schlagwort einer (humanistischen) Aufklärung ablegen könnte.[5] So zumindest taucht das obenstehende Zitat in einer häufig stark kulturwissenschaftlich orientierten Sekundärliteratur zum Motiv der Zeit in den Wahlverwandtschaften auf.[6] In dieser Perspektive wird die Zeit der Sekunden-Uhr mit den Grundannahmen und Idealen einer modernen Naturwissenschaft in Zusammenhang gebracht und einer mythischen Zeit kontrastierend gegenübergestellt, wie sie sich in den Wiederholungsstrukturen des Romans, in der Kreisbewegung der Jahreszeiten, der ‚nachsommerlichen‘ Liebe Eduards und Charlottes und ähnlichen Motiven fände.[7]

Die durch die Sekunden-Uhr repräsentierte, zuerst von Judith Reusch[8] als linear identifizierte Zeit wird analog zum Uhrmechanismus vorgestellt: als eine gleichsam mechanische Folge der von der Uhr angezeigten Sekunden, Stunden usw. Strikt auf einer Achse von Vergangenheit über die Gegenwart zur Zukunft hin verläuft sie in stetiger Folge unabhängig von jeder subjektiven Willkür, von dem liederlichen, unordentlichen In-den-Tag-hinein-Leben der beiden Männer, die feststellen müssen, gegen diese Zeit, als einem objektiven Maßstab sich entwickelnder Prozesse, gleichgültig geworden zu sein. Frei von eben solcher Liederlichkeit drückt diese absolute Zeit ihr Gesetz auch allen nur ‚in ihr‘ stattfindenden Abläufe und Entwicklungen auf, die sich ebenfalls unweigerlich, ganz so wie der Fortgang der Sekunden auf dem Ziffernblatt, nur nacheinander, irreversibel und stetig weiterentwickeln können. Eingeteilt in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kennt eine solche rationalistische Zeit nur eine einzige Bewegungsrichtung: ‚nach vorn‘.[9]

Mythische Zeit und das versuchte Leben nach und in ihr in der idyllischen Parklandschaft erscheint in entsprechenden Arbeiten sodann als Reaktion auf dieses unaufhaltsame Voranschreiten der linearen Zeit. Durch bewusst herbeigeführte Wiederholungen würde in Verdrängung der ‚eigentlichen‘ Zeit der Versuch unternommen, „das Glück auf Dauer zu stellen“[10]. Die Katastrophen, die im Verlauf des Romangeschehens auf den Plan treten, ließen sich aus dieser Verdrängung der Zeit, bzw. dem Versuch, deren Fortgang stillzustellen, herleiten.[11] Diese Gegenüberstellung von mythischer und linearer Zeit verdankt sich dabei der grundlegenden Annahme, bei dem Lebensentwurf Eduards und Charlottes, die auf ihrem abgeschiedenen Landgut ganz ‚sich selbst‘ leben wollen, handele es sich um ein antisoziales Modell der Lebensführung, defizitär in seinem politischen wie gesellschaftlichen Engagement. Geradezu zwangsläufig erscheint aus dieser so von außen an die Romanfiguren herangetragenen Unterlassungssünde auch ihr falscher Umgang mit der gemeinschaftlichen, historischen, intersubjektiv bestimmten Zeit, der – so die letztendlich biographistische Deutung – im Grunde einer reaktionären Angst (Goethes) vor Gesellschaft, Revolution, Fortschritt usw. geschuldet sei.[3]

Die grundsätzliche Feststellung, dass mit der Sekunden-Uhr eine rationale Zeiteinteilung unabhängig von individueller Willkür angesprochen wird, darüber hinaus eine Zeit der aufeinanderfolgenden Momente, die auf einer Achse von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gedacht werden, sei hier (zunächst einmal) widerspruchslos übernommen. Dennoch lassen sich bei einem genaueren Blick auf den Text einige Feinheiten und Vieldeutigkeiten finden, die sich einer oft groben Begriffsgeschichte vielleicht verschließen. Dass zudem auch die Sekunden-Uhr nicht anders kann, als (mythisch) im Kreis zu laufen, sei dabei als Spitzfindigkeit den folgenden Beobachtungen vorangestellt.

Im Text der Wahlverwandtschaften jedenfalls wird die beschriebene Vorstellung einer linearen Zeit auf allen Ebenen aufgerufen. Auffällig sind hier zum einen textgestalterische Vorgehen, dann aber auch inhaltliche Momente: Figurencharakterisierungen oder die Beschreibung bestimmter Vorsätze, Geisteshaltungen und Verhaltensweisen der Figuren, denen jeweils ein sukzessiv-kontinuierliches Zeitverständnis zugrunde liegt. Beispielhaft sei hier die Gestalt Ottilies herausgegriffen, wie sie zuerst durch den Brief des Pensionsgehilfen vorgestellt wird. Dort ist ausführlich beschrieben, wie Ottilie nichts begreife „[w]as nicht aus dem Vorhergehenden folgt“. Wie sie „immer gleichen Schrittes“ gehe, „langsam, langsam vorwärts, nie zurück“ (S. 38). Zwar bleibt sie so hinter den anderen Schülerinnen zurück, dies macht Ottilie allerdings – mindestens aus Perspektive des Gehilfen – nicht zu einer, die zu langsam ist. Im Gegenteil wird ihr diese Langsamkeit vom Gehilfen als ein Vorzug ausgelegt: Nur Ottilie, im Gegensatz zu den überstürzten anderen, erfasse die Dinge tatsächlich, verstehe, wie alles zusammenhängt und begreife sogar „das schwerste“, statt nur Phrasen zu „überparlieren“ und „überexponieren“, von einem zum anderen zu springen, die „Mittelglieder“ auszulassen und am Ende herzlich wenig von dem Dahergeplapperten verstanden zu haben (vgl. S. 38).[4] Während Charlottes Tochter Luciane bei ihrem Besuch auf dem Schloss im zweiten Teil des Romans das Leben „aufpeitscht“ (S. 209), die Vorräte des Hauses erschöpft und mit ihrem Verhalten für „manches Unschickliche“ sorgt (S. 222), ist Ottilies „Sitzen, Aufstehen, Gehen, Kommen, Hohlen, Bringen, wieder Niedersitzen, ohne einen Anschein von Unruhe ein ewiger Wechsel, eine ewige angenehme Bewegung“ (S. 64)[5]. Auffällig ist hierbei, dass mit dieser Beschreibung gerade eine Kreisbewegung (Sitzen – Aufstehen – wieder Niedersetzen), vollzogen wird – eine Kreisbewegung allerdings in stetiger, ruhiger Abfolge, ein Nacheinander, in dem die einzelnen Handlungsmomente gleichzeitig als „ewiger Wechsel“ und als einzige „ewige Bewegung“ erscheinen – dies freilich nur, solange man Ottilie gewähren lässt, ihre Stunden einerseits „genau beobachtet“ und sie andererseits „das Vorgesetzte“ auf die vom Gehilfen beschriebene Art (s.o.) abarbeiten lässt (vgl. S. 62). Der in so vielen Abhandlungen über Goethe herbeizitierte Begriff der Metamorphose ist hier leicht bei der Hand[6]:

Wie die Pflanzen im Garten – so die oft beschworene Ähnlichkeit, ja Symmetrie von Mensch und Natur in den Wahlverwandtschaften gleichsam bestätigend – „wächst und gedeiht“ Ottilie am besten, wenn man sie konsequent und unbehelligt, ohne in ihre natürliche Entwicklung einzugreifen, die Dinge nach und nach, eines aus dem anderen folgernd, aus sich selbst heraus entwickeln lässt. In diesem Sinne erscheint es auch sinnvoll, nicht länger von einer bloß linearen Zeitvorstellung zu sprechen. An Ottilies Figur wird deutlich, dass es bei der entworfenen Ordnung wesentlich um die Sukzessivität der darin arrangierten Abläufe geht. Diese Ordnung, die zugleich als die natürliche Ordnung schlechthin stilisiert wird, ist also spezifisch eine auf Folgerichtigkeit abgestellte: Nicht nur folgen die Dinge auf einander, sie gehen idealerweise auseinander hervor, sind durch besagte „Mittelglieder“ verbunden und hängen miteinander zusammen.[16]

Eine solche Idealisierung sukzessiv-kausallogischer Abläufe, wird aber bei genauer Betrachtung als bloß subjektive Bevorzugung entlarvt: Es ist der Gehilfe, der Ottilies Art rechtfertigt und lobt, weil er selbst ihr entspricht und im Sinne eben solcher „Mittelglieder“ und auf eine entsprechende genealogische Weise verfasst ist.[17] Dass Eines aus dem Anderen konsequent wächst und sich auf diese Weise stetig und pflanzenartig nach seinen eigenen, inneren Gesetzen entfaltet, erscheint somit v.a. demjenigen als natürlich richtig, der selbst so lernt und sich entwickelt.

Wiederum ergreift aber auch an dieser Stelle der Erzähler die Partei Ottiliens und des Gehilfen, indem durch ihn der ästhetische Wert der in diesem sukzessiven Sinne vollzogenen Bewegungen betont wird: Ottilies stetige Regsamkeit ist seiner Beschreibung nach „angenehme Bewegung“, Ottilie selbst im Roman an diversen Stellen ein „Augentrost“ (S. 63) und Männerschwarm: (Ihre) „Schönheit ist überall ein gar willkommener Gast“ (S. 61).

Von diesem Standpunkt aus verdanken sich dann aber mythische Kreisbewegung (der Jahreszeiten, Ottilies oder selbst der Uhrzeiger auf der Sekunden-Uhr) und fortschreitender Zeit letztlich demselben Grundprinzip: Meines Erachtens ist das wesentliche Merkmal der in beiden Fällen zugrunde gelegten Zeitkonzeption zumindest in dieser Hinsicht nicht deren Gerichtetheit ‚nach vorn‘. (Mythische) Kreisbewegung und lineare Entwicklung von Vergangenheit über Gegenwart zur Zukunft stehen vielmehr nebeneinander, widersprechen sich im eigentlichen Grundgedanken nicht: Entscheidend ist für beide Konzepte eine Bevorzugung der genealogischen Verfasstheit sich auseinander entwickelnder Phänomene und Begebenheiten.

In diesem Sinne ließe sich vielleicht auch Ottilies Neigung zur Motivierung ihrer Handlungen durch Erklärungen deuten, die auf die eigene Biographie zurückgreifen.[7] Diese biographischen Erklärungen sind sogar notwendig, um eine ansonsten in ganz anderem Licht erscheinende Handlung durch Rückgriff auf die eigene Motivation umzudeuten, ohne deren Erläuterung sie ansonsten unschicklich oder demütig erscheint[8]: So muss Ottilie ihren Kniefall vor Charlotte durch die regressive Sehnsucht erklären, eine Stellung nachahmen zu wollen, die sie als Kind, das der älteren Frau kaum bis zu den Knien reichte, eingenommen habe (vgl. S. 61). In gleichem Sinne ist die Geschichte von Carl dem Ersten nötig, um die ansonsten in Situationen vielleicht unangemessene Angewohnheit zu erklären, sich für andere nach fallengelassenen Gegenständen zu bücken (vgl. S. 65). Jeweils ist es die eigene Biographie, das, was man einmal gehört, gelesen oder erlebt hat, was das Verhalten in der Gegenwart auslöst oder rückgreifend begründen kann.

Und auch der Begriff der Gewohnheit, der im Roman regelmäßig auftaucht, gründet sich letztlich auf nichts anderes als auf die Idee, mit bestimmten regelmäßigen Handlungen in Vergangenheit oder Gegenwart auf zukünftige Neigungen, Emotionen usw. einwirken zu können, die sich als Folge aus dem Gewohnten bzw. die Gewohnheit als Folge der eigenen Handlungen, des Prozesses der Gewöhnung notwendig ergeben. Eduard als das verwöhnte, einzige Kind reicher Eltern, von allen Seiten „verzärtelt“, immer „unabhängig, jeder Abwechslung jeder Veränderung mächtig“ ist es nicht gewohnt „[s]ich etwas zu versagen“ (S. 17). Seine Lebensgeschichte hat ihn „gewöhnt“, alle Freiheiten der Vergangenheit sind verantwortlich für die jetzige Charakterdisposition.[9] Charlotte ihrerseits setzt auf die heilende Macht der Gewöhnung, die jede nicht gelebte Leidenschaft abkühlen lässt (vgl. S. 113). So ist Ottilie denn in ihren Motivierungen nur ein Beispiel dieses Konzeptes personaler Identität, das auf eben solchen sukzessiv-kausallogisch oder wieder besser: genealogisch gedachten Folgen gegründet ist.

Die ‚natürliche‘ Ottilie bedarf allerdings möglicherweise mehr als andere einer konsequenten Behandlung in diesem Sinne, um nicht – wie es in der Pension geschieht – zu scheitern oder zumindest das eigene Potential nicht auszuschöpfen. Spiegelbild Ottilies ist in dieser Sache der alte Kanzlist, der am besten arbeitet, solange man ihm niemals etwas Neues aufträgt „bis er das Alte nach seiner Bequemlichkeit vollendet hat“ (S. 41). Dieser wird just mit Anbrechen der Liebesverstrickungen, im Zuge derer auch die Planänderungen, Unordentlichkeiten und Unzeitigkeiten nicht nur im Ordnunghalten mit den Papieren aus Eduards Kanzlei zum ersten Mal auftreten, „recht krank“ (vgl. S. 92. Der Kanzlist ebenso wie Ottilie vermögen „gar nichts“ (ebd.), wenn man sie hetzt, sie zwingt aus dem sukzessiven Modus herauszufallen, der ihnen und der Welt, die sie in diesem Sinne als einzige ‚richtig‘ behandeln, eigen ist.

Exkurs: Ordnungen nach sukzessivem Maß

Sukzessive Ordnungen finden sich auch an anderen Stellen und auf anderen Ebenen des Romans, etwa in den Landschaftsbildern, die sich den Figuren beim Begehen der Parkanlagen zeigen. Meines Erachtens ließe sich mit einer eingehenderen Analyse nachweisen, dass diese ‚Bilder‘ tatsächlich als Beschreibungen von Blickbewegungen oder durch die Herausstellung der (spazierenden) Bewegung, welche die sich dabei abrollende Landschaftsansicht erschließt, gestaltet sind.[10]

In einer ähnlichen Weise betont der Text zudem gerade in den großangelegten Gesprächsszenen der ersten Kapitel (insbesondere im Gespräch Eduards und Charlottes in I,2) die Sukzessivität einer stilisierten Gesprächskultur. Aktionsverben wie „antworten“, „erwidern“, „versetzen“ stellen nicht nur jeweils die ansonsten durch das Fehlen von Anführungszeichen verwischten Sprecherpositionen aus, sondern zeigen das Gespräch der Ehegatten auch als eine sich auseinander ergebende Abfolge von Redebeiträgen, als einen fortschreitenden Prozess (vgl. S. S.19-28).

In diesem Sinne funktionieren auch die medialen Anspielungen, die u.a. in dem Motiv der Schriftlichkeit: im Verfassen und Vorlesen von Briefen und anderen Texten im Roman gegeben sind. Eduard beispielsweise, der es nicht haben kann, dass man ihm während seines Vortrages „ins Buch schaue“, aus Angst, jemand könne mit den Augen vorausspringen und so die Pointe seines Vortrages verderben (vgl. S. 44), verweist mit dieser Haltung auf die Sukzessivität des Mediums der Literatur selbst, das auf einen konsequent linearen Rezeptionsmodus angewiesen zu sein scheint. Vorspringen wird hier – zumindest aus Eduards Sicht und im Lichte seines Ehrgeizes, einen guten Vortrag zu liefern – zu einem Fehler in der ästhetischen Wahrnehmung.

Wieder auf inhaltlicher Ebene schließlich findet sich die sukzessive, auf Folgerichtigkeit angelegte Ordnung, wenn Charlotte betroffen eingestehen muss, dass die Einwände des Hauptmanns und Eduards gegen die Art, wie sie den kleinen Fußpfad zur Mooshütte hinaufgeführt hat, berechtigt sind. Betroffen ist sie teils, weil „jene Recht hatten“ (S. 35), teils aber auch, weil sie die aus dieser Einsicht heraus notwendig werdenden Änderungen an ihrer ursprünglichen Konzeption nicht gutheißen kann. Denn „das Gethane“ widerspricht den Vorschlägen des Hauptmanns, wie man den Weg besser führen könnte: „Es war nun einmal so gemacht“ (ebd.). Weil sie „das Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen“ kann, beschließt Charlotte, lieber die Arbeiten zu unterbrechen, um „die Sache zu bedenken“ (ebd.). Hier ist es ganz deutlich die im Sinne einer spezifischen Genealogie (s.o.) anzuerkennende Folgerichtigkeit, die eine bestimmte Fortführung der Arbeiten verlangt: Charlotte hat einen Plan gefasst, den zu ändern ihr widerstrebt. Mit dem Vorsatz zu brechen, ein im Lichte des „Alten“ als inkonsequent und fremd erscheinendes „Neues“ unvermittelt anzufangen, ist nicht ihre Sache. Nicht zumindest, solange es um ihre eigenen Vorsätze und Stimmigkeiten geht, hat Charlotte doch andern Orts keine Skrupel, den Friedhof umzuarrangieren und arbeitet sie schließlich überhaupt an einer neuen Ausgestaltung der Parkanlagen, die Eduards Vater noch ganz anders angelegt hatte. Die Folgerichtigkeit, die hier angemahnt wird, ist wie auch schon im Falle von Eduards „Eigenheit“ zu einem gewissen Grad eine durchaus persönliche Angelegenheit, eine Sache der eigenen Vorsätze und Pläne, nicht aber eine der Naturnotwendigkeit oder natürlicher Charakterdisposition, wie dies im Falle von Ottilie oder dem alten Kanzlisten immerhin suggeriert wird. Andererseits handelt es sich bei Charlottes Anhänglichkeit an das Alte aber nicht schlichtweg um eine simple Marotte oder einfache Fortschrittsangst.[11] Wenn das Alte widerspricht, weil es „nun eben so gemacht“ ist, dann wird hier auch eine Behandlung der Gegenstände angemahnt, die jeweils deren eigener Geschichte und einer sich daraus ergebenden Anlage gerecht zu werden versucht. Der Begriff der Gewohnheit ist es, der sich hier in anderer Gestalt wiederum unterschiebt.

So ist es denn mit dem im Roman so häufig auftauchenden Begriff der Parkanlagen überhaupt: Sie sind einerseits angelegt, d.h. jeweils auf eine plan- und vorhersehbare Weise hin vorausgedacht. Nach dieser Anlage aber erscheint dann eben eine ganz bestimmte Ausgestaltung immer als die natürliche, der Natur entsprechende. Nach dem, was „einmal so gemacht“ ist, muss weitergebaut werden, wenn insgesamt ein stimmiges Ganzes entstehen soll. Dem Kenner erlaubt so schließlich diese spezielle Verfassung der „Anlage“ eine Kenntnis auch zukünftiger Ausgestaltung und Entwicklung nach den einmal gesetzten Vorgaben: Der englische Lord z.B. erkennt „schon im Voraus […], was die neuen herausstrebenden Pflanzungen versprachen“ (S. 270). Und auf ähnliche Gedanken greift auch Charlottes Ausspruch über Vorahnungen zurück: es seien „oft nur unbewußte Erinnerungen erlebter Folgen“ (S. 15). Jeweils ist es hier die Kenntnis von Gegenwärtigem oder von (unbewusst erinnertem) Vergangenem, die – entweder in direktem Weiterdenken vorliegender Gegenstände oder in Analogie zu ähnlichen Begebenheiten – einen Schluss auf zukünftige Entwicklungen innerhalb eines auf diese Weise als fest verfügt vorgestellten Zeitkontinuums und einer sicher geordneten Welt erlaubt. Produkt von menschlichen, mithin spontan-willkürlichen Kultivierungsakten (Charlottes Pfad zur Mooshütte bezeichnet der Hauptmann so als „Liebhaberey“, S.33) und gleichzeitig Mahnung zur Folgerichtigkeit, die sich gegen jede willkürlich-inkonsequente Planänderung verwahrt, schwebt der Begriff der Anlage auf diese Weise wie so Vieles in den Wahlverwandtschaften zwischen Natur und Kultur, zwischen momentaner Entscheidung und genealogisch-kausaler Notwendigkeit.

So fährt es denn auch dem Hauptmann durch die Seele, den Plan der Parkanlagen durch Eduards „recht stark und derb“ eingetragene Bleistiftstriche „verunstaltet“ zu sehen (vgl. S. 79f.). Der „Plan“ ist (nicht nur) hier sowohl bildlich-symbolische Repräsentation der von ihm abgebildeten Landschaft, als auch „Geplantes“, das im Empfinden des Hauptmanns – der neben Charlotte im Roman häufig als Advokat konsequenter Behandlung der Dinge auftritt – nicht spontan verworfen und geändert, eben „verunstaltet“ werden sollte. Und auch im Begriff der „Charte“ – hier ist die alte Schreibweise des Wortes entscheidend –, in der sich das Wort Charta verbirgt, trägt in sich selbst Anklänge an das „Vereinbarte“, das, worauf man sich für zukünftige Unternehmungen geeinigt hat und aus dem solche Unternehmungen denn auch konsequent gefolgert und abgeleitet werden müssten. Von diesen Wortklaubereien ließe sich leicht zum Motiv der Ehe kommen, dass im Roman an diversen Stellen als Vertrag zwischen zwei Parteien auftritt, nach dessen Übereinkunft man sich von Vertragsschluss an zu richten hat und der, wie der Grundgedanke zu jeglicher anderen Form von „Anlagen“ im Roman, das weitere Lebensgeschehen einigermaßen festlegt, wenn man sich konsequent an die vorgeschriebenen Richtlinien hielte. Die Aufhebung einer Ehe stellt so auch einen Bruch mit dem genealogischen Zeitgefüge oder besser: mit dem Primat der Folgerichtigkeit und der sich daraus ergebenden Ordnung der Dinge dar, wird doch der Grundstein eines alten Ordnungssystems quasi gewaltsam wieder ausgehoben und – aus Sicht dieses alten Systems widersprechend und inkonsequent, ja letztlich willkürlich – eine neue Ordnung geschaffen.

Symbolisch aufgefangen ist dieser Komplex verschiedenster Ordnungen unter dem Vorzeichen sukzessiver Konsequenz dabei insbesondere im Motiv des Hausbaus, wie es in der Rede des Maurers zur Grundsteinlegung des neuen Hauses erscheint (vgl. I,9): Hier mischen sich in diversen Anspielungen wie der Rede vom „Kalk“ als Bindemittel, von den Gesetzen, die die Menschen „besser zusammenhalten“ und „verkitten“ (S. 88), dem Gedanken an die „entfernte Nachwelt“ und die Andenken an die eigene Zeit, die im Grund- als Gedenkstein aufbewahrt werden sollen sowie in anderen Anspielungen auf zahlreiche Gespräche und Überlegungen im Roman die unterschiedlichsten Motive von Ehe, Gesellschaft, Landschaftsgarten (bzw. Ausbau der Güter und des Hauses), Sitte und Gesetz und festgefügte Vereinbarungen und Vorstellungen auf die und mit denen jeweils „gebaut“ wird. Dem Grundstein kommt dabei wesentliche Funktion zu: Er „bezeichnet“ und bestimmt „mit seiner Ecke die rechte Ecke des Gebäudes, mit seiner Rechtwinkligkeit die Regelmäßigkeit desselben, mit seiner wasser- und senkrechten Lage, Loth und Wage aller Mauern und Wände“ und ruht dabei „auf seiner eigenen Schwere“ (S. 88).

Während man aber den Stein unter dem Haus, das auf- und nach seinem Maß gefügt ist, ebenso wenig sieht, wie die Vorstellungen und Prinzipien, nach denen die Welt in ihren einzelnen Aspekten und Verfügungen geordnet ist, so besteht doch immer die Möglichkeit, welcher die Rede des Maurers auch eingedenkt:

daß dieser festversiegelte Deckel [das Haus] wieder aufgehoben werden könnte, welches nicht anders geschehen dürfte, als wenn alles wieder zerstört wäre, was wir noch nicht einmal aufgeführt haben [das im Roman an dieser Stelle noch nicht gebaute Haus; K.D.] (S. 90).

Gräbt man den Grundstein aus, so muss man gleichermaßen und notwendigerweise das gesamte Gebäude zerstören. Verstößt man gegen das Prinzip, nach dem die Dinge geordnet sind, ist auch notwendig alles zerstört, was man überhaupt im Sinne dieses Prinzips und nach seinen Gesetzen errichtet hatte oder in Zukunft noch darauf bauen könnte. Den Grundstein aller Ordnungen natürlicher, historischer, gesellschaftlich-sozialer, landschaftsgärtnerischer und sonstiger Art, gräbt man nicht straflos aus und seine ordnenden Vorgaben und Anlagen lassen sich jeweils nur unter Widerspruch des „Gethanen“ ignorieren oder abändern. Mit jeglicher Ordnung zu brechen, der sukzessiven, genealogischen genauso wie jeder anderen, nach der die Gegenstände in den Wahlverwandtschaften gestaltet sind, ist deshalb so schmerzhaft, weil dafür nicht nur irgendein beliebiges Ding innerhalb dieser Ordnung geopfert werden muss, sondern das ordnende Prinzip selbst, mithin die ganze Ordnung aufgehoben würde. Dies, so würde ich nun argumentieren, ist einer der wesentlichen Gründe für Figuren wie Charlotte und den Hauptmann, sich allen Änderungen gegenüber skeptisch zu stellen, „neue Anlagen“ bedenklich zu finden (vgl. S. 81) und die „Kosten“ anzumahnen, die spontane und willkürliche Neuordnungen, jeweils mit sich bringen.

2. Ordnungsverstöße in der sukzessiven Zeit: Übereilen, Verzögern und zukünftig Vergangenes

Augenscheinlich ist es dabei zunächst Eduard, der aus solch einer sukzessiven, auf Konsequenz und Stetigkeit hin angelegten Zeitordnung herausfällt, mit ihr bricht, ihre Vorgaben missachtet oder ihre Notwendigkeiten als quälend empfindet.[12] Interessanterweise zeigt sich diese Charakterdisposition allerdings gerade als Produkt und typische Auswirkung einer solchen sukzessiven Zeit- und Weltordnung. Eduard ist es „nicht gewohnt“ sich etwas zu versagen (vgl. S. 17); und ausgerechnet diese Gewohnheit macht ihn ungeduldig, lässt ihn Dinge überstürzen, die „richtige“ Zeit nicht abwarten und Zeitspannen, die es bis zu einer ersehnten Zukunft hin zu überbrücken gilt, als Zumutungen verfluchen.[13] Seine Ungeduld ist es an so vielen Stellen, die ihn aus Takt und Tempo der „langsam, langsam“, sukzessiv geordneten Zeit fallen lässt. So z.B. in seinem Flötenspiel:

[…] ob er sich gleich zu Zeiten viel Mühe gegeben hatte, so war ihm doch nicht die Geduld, die Ausdauer verliehen, die zur Ausbildung eines solchen Talentes gehört. Er führte deshalb seine Partie sehr ungleich aus, einige Stellen gut, nur vielleicht zu geschwind; bey andern wieder hielt er an, weil sie ihm nicht geläufig waren (S. 28)

Eduard hält kein Zeitmaß ein. Sein Flötenspiel – aus bloßer Liebhaberei betrieben (vgl. S. 127) und „ungeduldig“ nicht nach den Erfordernissen einer stetigen, auf langsamen Progress hin angelegten Ausbildung des durchaus vorhanden Talentes einstudiert – schwankt ‚unordentlich‘ gleichermaßen im Tempo und in seiner ästhetischen Qualität. Eduard erscheint hier als das negative Gegenbild zur schönen Ottilie, die geduldig Eines aus dem Anderen entwickelt.

Schwankungen im Tempo kennt allerdings auch die Textur der Wahlverwandtschaften selbst und zwar in einem auffälligen, nicht immer klar einsichtig motivierten Wechsel des Erzähltempus vom Präteritum zum Präsens. Dieser Umschlag im Tempusgebrauch hat unterschiedliche Wirkungen, denen im Folgenden nachgegangen werden soll. Vorausgeschickt sei hier zunächst, dass der Wechsel im Erzähltempus in den Wahlverwandtschaften nicht von Anfang (des Romans) an besteht. Er setzt vielmehr erst im Anschluss an einen auf inhaltlicher Ebene wesentlichen Umschlagpunkt der Romanhandlung ein, nämlich unmittelbar nach den beiden Offenbarungsszenen der neuen (wahlverwandtschaftlichen) Paare am See bzw. im Saal des Schlosses bei der Übergabe der abgeschriebenen Papiere im 12. Kapitel des ersten Romanteils.[14] Bis zu diesem Zeitpunkt erfolgt die Erzählung konsequent im Präteritum – abgesehen von einigen allgemein betrachtenden Bemerkungen des Erzählers im Präsens, die das Romangeschehen von außen kommentieren oder über die grundsätzliche (allzeitliche) Verfassung der Welt reflektieren sollen. Dies ändert sich nun: Charlotte, sich „den Schwur, den sie Eduard vor dem Altar gethan“ wiederholend, geht einigermaßen beruhigt zu Bett: „Bald ergreift sie eine süße Müdigkeit und ruhig schläft sie ein.“ (S. 122) Dieser Satz berichtet zum ersten Mal Romangeschehen im Präsens, wobei der plötzliche Bruch im Erzähltempus völlig unvermittelt eintritt. Da der Satz von Charlottes Beruhigung berichtet, erscheint das Präsens an dieser Stelle am ehesten als eine textgestaltliche Spiegelung ihrer Ruhe, ihrem festen Stand im Hier und Jetzt, der „Gegenwart“, auf die im Text so oft verwiesen wird (ich werde darauf zurückkommen), als deren Träger das ‚Gegenwartstempus‘ Präsens hier zu deuten wäre.[15] Daran an schließt nun allerdings ein markanter Wechsel in der Tempusfunktion. Im direkten Übergang zum nächsten Kapitel wird nun gerade Eduards kontrastive Unruhe im Präsens beschrieben:

Eduard dagegen ist in einer ganz verschiedenen Stimmung. Zu schlafen denkt er so wenig, daß es ihm nicht einmal einfällt, sich auszuziehen. […] Der abnehmende Mond steigt über den Wald hervor. Die warme Nacht lockt Eduard ins Freye; er schweift umher, er ist der unruhigste und der glücklichste aller Sterblichen. […] Mauern und Riegel, sagt er zu sich selbst, trennen uns jetzt, aber unsere Herzen sind nicht getrennt. Stünde sie [Ottilie] vor mir, in meine Arme würde sie fallen, ich in die ihrigen, und was bedarf es weiter als dieser Gewißheit! (S. 123)

Das Tempus, das zuvor Charlottes beruhigtes Einschlafen aus dem bisherigen Romangeschehen herausgehoben hatte, wird hier zum Marker größter Beschleunigung. Als episches Präsens in der klassischen Funktion der Spannungssteigerung stellt es solche Beschleunigung in Verbindung mit dem Inhalt der Sätze sogar überhaupt erst her. Mehr noch: Die Passage besteht großenteils aus erlebter Rede, wie sie z.B. im letzten Satz des Zitates zu finden ist. Das Präsens erscheint hier somit verbunden mit der Darstellung subjektivster Empfindungen des „unruhigsten und glücklichsten aller Sterblichen“[16]. Doch bereits im unmittelbaren Anschluss wird wieder das Präteritum verwendet:

Alles war still um ihn [Eduard] her, kein Lüftchen regte sich […]. Er ging ganz still seinen Träumen nach, schlief endlich ein und erwachte nicht eher wieder als bis die Sonne mit herrlichem Blick heraufstieg und die frühsten Nebel gewältigte. (S. 123f.)

Diese Passage hat sich von der unmittelbaren Empfindung, dem subjektiven Wahrnehmungsmodus Eduards gelöst: Statt erlebter Rede findet nun Beschreibung von außen statt. Mit dem hier sich abzeichnenden Schwanken im Erzähltempus scheint so auch eine Verschiebung in der Fokalisierung einherzugehen. Der nächste Absatz ist der vielleicht bezeichnendste in diesem Zusammenhang. Hier wird alles durcheinander geworfen: Gegenwart, Zukunft, Vergangenheit in Erzähltempo (-tempus) ebenso wie in den dargestellten Inhalten, dann auch die Fokalisierung sowie gleichermaßen die Geschwindigkeit des Erzählten:

Nun fand er [Eduard] sich den ersten Wachenden in seinen Besitzungen. Die Arbeiter schienen ihm zu lange auszubleiben. Sie kamen; es schienen ihm ihrer zu wenig, und die vorgesetzte Tagesarbeit für seine Wünsche zu gering. Er fragte nach mehreren Arbeitern: man versprach sie und stellte sie im Laufe des Tages. Aber auch diese sind ihm nicht genug, um seine Vorsätze schleunig ausgeführt zu sehen. Das Schaffen macht ihm keine Freude mehr: es soll schon alles fertig seyn, und für wen? Die Wege sollen gebahnt seyn, damit Ottilie bequem sie gehen, die Sitze schon an Ort und Stelle, damit Ottilie dort ruhen könne. Auch an dem neuen Haus treibt er was er kann: es soll an Ottilies Geburtstag gerichtet werden. In Eduards Gesinnungen, wie in seinen Handlungen ist kein Maaß mehr. […] Ottilies Gegenwart verschlingt ihm alles: er ist ganz in ihr versunken; keine andere Betrachtung steigt vor ihm auf, kein gewissen spricht ihm zu; alles was in seiner Natur gebändigt war bricht los, sein ganzes Wesen strömt gegen Ottilie. (S. 124; Hervorhebung K.D.)

Die kurzen Parataxen beschleunigen das Erzähltempo und spiegeln so schon zu Beginn des Abschnittes Eduards Unruhe. Gleiches leistet die zumeist parallele syntaktische Struktur der Sätze (insbesondere in „die…sollen, damit Ottilie…“). Als wäre der solchermaßen erzeugten Hektik nicht genug, ‚bricht‘ nun mitten im Absatz das Erzähltempus. Der Bruch vom Präteritum ins Präsens spiegelt so noch einmal Eduards Ungeduld: Nichts geht ihm mehr „schleunig“ genug – und entsprechend genügt auf Textebene auch das gemächliche Erzählen im Präteritum nicht mehr. Was folgt, sind imaginierte Zukunftsantizipationen, denn Eduard überspringt in einer imaginär hergestellten abermaligen Beschleunigung der Arbeiten kurzerhand die ärgerliche Zwischenzeit vom Hier zum erwünschten Ergebnis seiner Bautätigkeit: Was für Ottilie fertig werden, schon fertig sein soll, ist das Einzige, an das Eduard noch denken kann, während „das Schaffen“, das, was in der tatsächlichen Gegenwart zu tun und zu leisten ist, ihm „keine Freude mehr macht“. Ottilies „Gegenwart“, wie sie Eduard empfindet, scheint in diesem Sinne allerdings keine ganz gegenwärtige zu sein. Ottilie sieht er in den Dingen, wie sie noch nicht sind, wie sie nur für sein Empfinden schon fertig sein sollen. Zukunft und Gegenwart (imaginierte Gegenwart im Sinne der Anwesenheit einer nur vorgestellten Person ebenso wie zeitliche Gegenwart in Erzähltempus und erzählter Welt) fallen hier nach Eduards Willkür und Liebhaberei im wahrsten Sinne des Wortes zusammen. Eduard scheint nicht nur in der Ausgabe der Mittel, dem Anstellen von Arbeitern oder der Rücksicht auf seine Ehe und den allgemeinen Sittenkodex „kein Maaß mehr“ zu kennen. Auch im Umgang mit der Zeit, die ihm nun völlig gleichgültig geworden ist, im Unterscheiden von Gegenwärtigem und Zukünftigen, im Einhalten des „richtigen“, sukzessiven Tempos und der nacheinander geordneten zeitlichen Dimensionen von Gegenwart und Zukunft ist er ‚unordentlich‘ geworden. Was mit der Nachlässigkeit im Ordnunghalten in der Kanzlei begann, findet hier seine volle Ausgestaltung: Unordnung, Ordnungsbrüche, Regelwidrigkeiten in Zeit und in allen anderen Dingen gehen mit Eduards ‚rastloser Liebe‘ Hand in Hand. Die Tempusverschiebungen, die diese Bewegung spiegeln, werden so zu dem Text eingeschriebenen Ausdruck von Eduards Gemütszustand und überstürztem Handeln.

Aber auch Charlotte und der Hauptmann sind nicht frei von solchen Unordentlichkeiten. Auf Eduards Maßlosigkeit scheint sich nicht anders reagieren zu lassen als ebenfalls in Überschreitung ursprünglich gesetzter Maße und Einteilungen und schließlich im Herausfallen aus einem ruhigen Erzählmodus, wie es zuvor noch „langsam, langsam“ (S. 38) im Präteritum möglich war. Im Präsens geht es weiter: So „beobachtet“ der Hauptmann „dieses leidenschaftliche Treiben“ Eduards „und wünscht den traurigen Folgen zuvorzukommen“ (S. 124). Charlotte derweilen fürchtet um ihre Kasse. Denn „sie muß gleich in der ersten Woche Ernst und Geduld und Ordnung mehr als sonst üben und im Auge haben: denn nach der übereilten Art wird das Ausgesetzte nicht lange reichen“ (S. 125). Daher „berathen“ sich Charlotte und der Hauptmann und beschließen, „die planmäßigen Arbeiten lieber selbst zu beschleunigen, zu dem Ende Gelder aufzunehmen, und zu deren Abtragung die Zahlungstermine anzuweisen, die vom Vorwerksverkauf zurückgeblieben waren“ (ebd.). Alte Pläne, das „Vorgesetzte“ – hier sei erinnert an die Begriffsanalysen zu Charten, Plänen, Vorsätzen und Anlagen im obenstehenden Exkurs dieser Arbeit[17] – werden verworfen, die zeitliche Ordnung, das notwendige Nacheinander der Dinge lässt sich nicht mehr aufrechterhalten. Stattdessen nimmt man einen Kredit auf, benützt Geld, das man nicht hat und in späterer Zeit wird zurückzahlen müssen. An dieser Stelle aber bricht die Zeit, d.h. hier das Erzähltempo schon wieder:

Es ließ sich fast ohne Verlust […] thun; man hatte freiere Hand; man leistete mehr auf Einmal und gelangte gewiß bald zum Zweck. Eduard stimmte gerne bey, weil es mit seinen Absichten übereintraf. (S. 125)

Die Präsensexzesse (als textgestalterischer Spiegel von Eduards tatsächlichen Exzessen auf Handlungsebene) scheinen durch die Maßnahmen des Hauptmanns und Charlottes erst einmal eingedämmt, ihre schädlichen Folgen „fast ohne Verlust“ behoben. Die Tempusverschiebung an dieser Stelle trägt dabei ein interessantes Phänomen ein: Wie so oft im Roman verwischen sich an dieser Stelle die Perspektiven. Unklar ist, ob hier ein übergeordneter, nicht in das Geschehen involvierter Erzähler im Präteritum Entwicklungen berichtet, die tatsächlich stattfinden, oder ob nicht vielmehr, wie insbesondere in dem „gewiß“ angedeutet, eine Zusammenfassung der Beratungen Charlottes und des Hauptmanns geliefert wird. Ich würde für letzteres plädieren. Dann würde es sich bei diesem Absatz um eine im Präteritum mitgeteilte indirekte Rede, besser: um den Zusammenschnitt einer Abfolge von Reden handeln, mit denen die beiden Protagonisten sich schulterklopfend der Strategien versichern, mit Hilfe derer alles wieder ‚in Ordnung‘ gebracht werden soll. Diese Strategien sind wohlgemerkt noch keine realisierten. Es handelt sich um Pläne, um Vorausentwürfe Charlottes und des Hauptmanns, die an dieser Stelle aber durch den zusammenfassenden Gestus des Präteritums als bereits umgesetzt, vollendet erscheinen. Was die Figuren sich hier ausdenken, sind Umstände, die in der Zukunft vergangen sein werden. Durch den unvermittelten Tempuswechsel, den raffenden Gestus einer im Präteritum mittgeteilten indirekten Gesprächsszene aber rückt diese sichere, befestigte, aller Verluste und Unordnungen ledige Zukunft an die Gegenwart heran, welcher sie entgegenwirkt. Der Absatz in seiner Uneindeutigkeit zwischen Erzählerbericht und Figurenrede kann also ebenso gut bereits Geschehenes bzw. in Zukunft sicher Stattfindendes berichten, wie er auch eine Selbstvergewisserungen der in eine ungewisse Zukunft schauenden Figuren zusammenfasst. Hier wird demnach weitergeführt, was schon Eduard in seinen ungeduldigen Antizipationen, wie alles werden solle, begonnen hat: Charlotte und der Hauptmann, in ihrer verzweifelten Bestrebung, die Dinge wieder ‚in Ordnung‘ zu bringen und zu befestigen, stellen das Zukünftige, das sich aus den neuen, geänderten Plänen ergeben soll, als bereits realisiert vor, bringen es gleichsam in die Vergangenheit, besser gesagt: in eine als zukünftig vergangen imaginierte Zeit in Sicherheit.

Dies zeigt sich noch deutlicher an Charlottes Überlegungen, wie im Weiteren zu verfahren, wie „in einen frühern begrenzten Zustand“ wieder zurückzukehren sei:

Nun scheint es ihr [Charlotte] eine glückliche Fügung, daß Luciane ein so ausgezeichnetes Lob in der Pension erhalten: denn die Großtante, davon unterrichtet, will sie nun ein für allemal zu sich nehmen […]. Ottilie konnte in die Pension zurückkehren; der Hauptmann entfernte sich, wohlversorgt; und alles stand wie vor wenigen Monaten, ja um so viel besser. Ihr eigenes Verhältnis zu Eduard hoffte Charlotte bald wieder herzustellen, und sie legte das alles so verständig bey sich zurecht, daß sie sich nur immer mehr in dem Wahn bestärkte: in einen frühern beschränkten Zustand könne man zurückkehren, ein gewaltsam Entbundenes lasse sich wieder ins Enge bringen. (S. 125f.)

Diese erhoffte Zukunft, die eigentlich nichts anderes ist als die bessere Vergangenheit, wird hier unmittelbar im Anschluss an eine Präsenspassage und dadurch erst auffällig im auf solche Weise markierten Präteritum wie etwas schon Geschehenes geschildert. Dass es sich dabei um Charlottes Vorstellungen handelt, verrät nur der Kontext, d.h. insbesondere der Nebensatz beginnend mit „und sie legte sich das alles…“. Charlottes Überzeugung, ihr „Wahn“, in dem sie sich „immer und immer mehr“ bestärkt, dass alle diese Vorstellungen möglich sein könnten aber ist es, die in diesem rein subjektiven Zukunftsentwurf das Präteritum als Träger einer in die Gegenwart der Figuren hinein imaginierter, quasi vergangener Zukunft erscheinen lässt. Einen Plan zu machen wird hier einerseits zum Restitutionsakt, andererseits aber zu einem Entwurf von Zukunft, den man sich als so vernünftig und möglich denkt, dass man die eigentliche Zeit bis zu seiner Erfüllung getrost überspringen und sich bereits in der Vorstellung sicher erwarteter Ergebnisse der eigenen, tatsächlich noch ausstehenden Handlungen sonnen kann.[18]

3. Archive und die Vergangenheit als sicherer Ort

Neben insbesondere Eduards Übereilungen und Beschleunigungen, dem Schwanken in Tempus und Tempo und dem Wunsch, die als Zumutung empfundene Zwischenzeit („Zeitverschwendung“) zu überspringen, steht also – als ein ähnliches Phänomen vermischter Zeitdimensionen in einem nach wie vor als linear gedachten Zeitgefüge – der einigermaßen paradox anmutende Versuch, Zukünftiges und für die Zukunft Erhofftes in der Vergangenheit in Sicherheit zu bringen, und zwar in einer auf diese Weise den Schein von Realität erzeugenden Pro-Retrospektive. Was in der Sekundärliteratur zu den Wahlverwandtschaften so oft bemerkt wird: Charlottes Sicherheitsbedürfnis und ihr daraus erwachsender Hang, die Dinge befestigen und „auf Dauer“ stellen zu wollen[19], tritt in diesem manipulativen Umgang mit den zeitlichen Strukturen der umgebenden Welt deutlich zu Tage. Dahinter steht der – irrtümliche – Gedanke, was vergangen sei, müsse den in der Zeit stattfindenden Wechseln und Änderungen der Welt, mithin der Zeit selbst enthoben sein. Vergangenheit wird so zu dem sicheren Ort schlechthin, dem Ort ohne fortschreitende Zeit. Dieser Gedanke findet sich beispielsweise auch in dem Motiv der Reisejournale und in der „Repositur für das Vergangene“, die die beiden Männer zu Beginn des Romans anlegen wollen, wieder. Vergangenes soll hier jeweils an einem sicheren Ort abgelegt und zur gemeinsamen Unterhaltung – Eduard möchte auf diese Weise Charlotte seine Reiseerfahrungen mitteilen – je nach Bedarf hervorholbar gemacht werden.

Interessant in diesem Zusammenhang erscheint die Analyse des sich für Goethe im Verlauf seiner Italienischen Reise und bis hin zu den Aufzeichnungen zur Geschichte der Farbenlehre sich herausbildendenden Archivbegriffs, wie ihn Steffen Schneider geliefert hat:[20] Schneider geht davon aus, dass sich für Goethe im Anschluss an seine Italienische Reise ein neues Verständnis für das Arbeiten und Denken mit einem angelegten Archiv entwickelt. Dieses zeichne sich insbesondere durch ein verstärktes Bewusstsein für die Variabilität von Archivbeständen je nach ‚Konstellation‘, in deren Zusammenhang die Aufzeichnungen betrachtet werden, aus. Ein Archiv sei so weniger ein Speicher von Erfahrungen, als vielmehr immer neu zu betrachtender (und als solcher instrumentalisierbarer) Abschlagpunkt für sich entwickelnde, auch vergangene Erkenntnisse mit einschließenden und revidierenden Gedanken, an denen sich der Prozess einer auf diese Weise verstandenen Bildung nachvollziehen lasse. Die folgenden Ausführungen möchten ein vergleichbares, allerdings weniger instrumentelles Archivverständnis und einen entsprechenden Umgang mit der Vergangenheit auch für die Wahlverwandtschaften herausarbeiten. Dass in der Darstellung des Romans ein Bewusstsein dafür angelegt ist, wie diese herauszuarbeitende Bewegung eines die Vergangenheit ändernden Blicks auch auf die Gegenwart und diesen verändernden Blick selbst zurückschlägt, möchte ich dabei über die genannte Arbeit hinaus aufzeigen.

So jedenfalls scheint es sich bei Charlottes Vorstellung eines sicheren Ortes der Vergangenheit im Zuge entsprechender Interpretationspfade tatsächlich um eine Misskonzeption zu handeln. Dies zeigt insbesondere ein Blick auf das (auch) in den Wahlverwandtschaften zentrale Motiv des Archivs bzw. der Sammlung, oder weitergefasst, des erinnernden Umgangs aller Romanfiguren mit der Vergangenheit. Denn bei ‚der Vergangenheit‘ und ihren Gegenständen im Roman handelt es sich weitläufig um eine höchst variable Größe. Was mehr als hundert Jahre später Walter Benjamin stark machen sollte, findet sich auch schon in die Textur der Wahlverwandtschaften eingewoben: Das Archiv ist kein bloßer Lagerraum für darin unberührbare, sichergestellte und sich selbst gleichbleibende Gegenstände und Zeugnisse einer abgeschlossenen Vergangenheit. Stattdessen hängen die Archivalien von historischen, persönlichen, gesellschaftlichen Perspektiven ab, unter denen sie jeweils betrachtet werden, von individuellen Neigungen und Leidenschaften, dem Begehren („Liebhaberey“) des Betrachters, kurz: von der Konstellation, in die sie im Zuge ihrer jeweiligen Betrachtung gestellt werden und die sie gleichzeitig mit bilden. Denn nicht nur bestimmt der jeweils aktuelle Blick die Archivgegenstände. Diese – vermittelt durch die Art, wie sie betrachtet werden – dienen immer auch der Herstellung und Rechtfertigung eines ganz bestimmten Blicks, einer spezifischen Gegenwart, ‚aus‘ der geschaut wird. Spätestens hier ist damit aber das so bequeme finale Zeitkontinuum, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf einer kontinuierlichen Achse ordnet, zerbrochen. Oder um es vorsichtiger zu sagen: Zumindest ist es doch insofern als einzig natürliches dispensiert, als offensichtlich wird, dass es sich bei einer solchen Zeitvorstellung nicht um eine objektiv gegebene Größe, sondern vielmehr um eine Vielzahl von jeweils subjektiven Konstruktionen aus spezifischen Standpunkten und emotionalen wie intellektuellen Bedürfnissen heraus handelt. Andererseits ließe sich einräumen, dass die Konstellationszeit in gewisser Hinsicht nicht ganz ohne eine lineare Vorstellung von Zeit auszukommen vermag, greift sie doch – dies könnte man zumindest mit Blick auf die Wahlverwandtschaften deutlich herauslesen – immerhin auf ein Kontinuitätsdenken zurück, das Vergangenes zur Herleitung gegenwärtiger Positionen heranzieht. Aus der Gegenwart betrachtete und konstruierte Vergangenheit und aus Vergangenem hergeleitete Gegenwart bedingen sich so schließlich gegenseitig, bedingen die Absicht und Neigung, mit der einer schaut, ebenso wie die in diesem Sinne (de-)formierten Gegenstände, die zur Herleitung einer bestimmten Betrachtungsperspektive dienen. Dass sich genau diese wechselseitige Konstruktion von Vergangenem aus Gegenwärtigem und Gegenwärtigem aus Vergangenem tatsächlich in den Wahlverwandtschaften findet, soll ein Blick auf folgende zwei Beispiele bestätigen.

3.1 Die Sammlung des Architekten und die Auszierung der Kapelle

Wenn der nazarenisch gesinnte Architekt beschließt, die zum Schloss gehörige Kirche „im alterthümlichen Sinne herzustellen“ (S. 181) und im Zuge dieser Restaurationsarbeiten auch die alte Kapelle „sogleich in seinen Plan mit hereinzuziehen und besonders diesen engen Raum als ein Denkmal voriger Zeiten und ihres Geschmacks wiederherzustellen“ (S. 182), steht diese restaurative, auf Heraufholung, Erhalt und Befestigung einer denkwürdigen Vergangenheit hin abzielende Bemühung in auffälliger Parallelität zu der just im Anschluss beschriebenen „Sammlung von mancherley Waffen und Geräthschaften“ (ebd.) aus den Grabhügeln der nordischen Völker. Denkmal vergangener Zeiten sollen beide sein: die Kapelle ebenso wie die Sammlung, die der Architekt Charlotte und Ottilie herzeigt. Repositorien für das Vergangene, um hier noch einmal an Eduards und des Hauptmanns Ordnungsbestrebungen anzuknüpfen. Die Restauration der Kirche und die gesammelten Artefakte sind den Figuren Zeugnisse einer auf diese Weise aufbewahrten und bei gegebenem Anlass vorzeigbaren vergangenen Welt, in die sich die Damen denn auch gleich zurückversetzt fühlen, indem sie sich fragen, „ob man denn wirklich in der neueren Zeit lebe, ob es nicht ein Traum sey, daß man nunmehr in ganz anderen Sitten, Gewohnheiten, Lebensweisen und Ueberzeugungen verweile“ (S. 183).

Doch das anempfundene Eingehen in eine vergangene Zeit, die unverändert, sozusagen ewig in ihren Relikten wieder zugänglich wäre, erweist sich bei genauerem Blick als eine durchaus ambivalente Angelegenheit: Der Architekt hat sich die „leeren Flächen“ auf der Kapellendecke schon „nach seiner Neigung“ [] verziert gedacht“ und freut sich „dabey sein malerisches Talent zu üben“ (S. 182; Hervorhebung K.D.). Die Schätze in seiner Sammlung wiederum nehmen durch die Behandlung ihres Besitzers, der „alles sehr reinlich und tragbar in Schubladen und Fächern auf eingeschnittenen mit Tuch überzogenen Brettern“ arrangiert hat, „etwas Putzhaftes“ an und man sieht „mit Vergnügen darauf, wie auf die Kästchen eines Modehändlers“ (S. 182f.; Hervorhebung K.D.).

Die Gegenstände der alten Zeit und ihre Kunst, welche der Architekt wiedererwecken will, stehen also nicht für sich. Sie dienen ganz aktuellen Vergnügungen, die Beschäftigung mit ihnen erfolgt „nach Neigung“ – im Falle des Architekten (auch) einer erotischen Neigung, nehmen doch die Engelsgesichter in der Kapelle mit zunehmender Übung mehr und mehr die Gestalt Ottilies an. Die „Urbilder“, nach deren „Anlaß“ der Architekt den Raum ausziert, sind so letztlich allesamt weniger Zeugnis einer vergangenen Zeit als vielmehr einer sehr aktuellen Leidenschaft oder – in aller Vieldeutigkeit dieses schon im Kapitel 2 dieser Arbeit hervorgehobenen Begriffes – einer „Liebhaberey“.

Die Artefakte in der Sammlung zeigen noch deutlicher, wie sehr die restaurierte, ‚erhaltene‘ Vergangenheit, von der sie zu berichten vorgeben, von Gegenwärtigstem abhängt: Wie bereits bemerkt, sind sie arrangiert. Das „Putzhafte“ an ihnen betont ihren Bezug zum Modischen, d.h. gleichermaßen zum Aktuellen wie zum Künstlichen, ebenso wie den Hang, sich „aufzuputzen“. Statt auf ewig konservierte Vergangenheit blickt man tatsächlich auf flüchtige Mode; wohlgemerkt nicht die Mode einer vergangenen Zeit, die auf diese Weise aufbewahrt würde, sondern auf etwas grundsätzlich Modisches. Abgesehen davon erinnert das Motiv des „Kästchens“ an den Koffer, den Eduard zu Ottilies Geburtstag eben von einem Modehändler bezieht – wie die Engelgesichter an der Decke der Kapelle Zeugnis einer aufkommenden Leidenschaft und aktuellen Neigung.

Der Blick auf die Vergangenheit und die restaurativen Bemühungen, die damit einhergehen, sind also keineswegs interesselos. Mehr noch: An den Engelsgesichtern, die nach und nach alle Ottilies Züge annehmen, zeigt sich deutlich, dass das Heraufholen der Kunstschätze einer vergangenen Welt diese (de-)formiert – die aktuelle Leidenschaft ist es, die malt, sammelt, herzeigt und betrachtet. Sie konstruiert sich die Vergangenheit nach ihren eigenen Bedürfnissen, Ansichten, nach der und zur gerade gängigen Mode und den individuellen Wünschen. Die Gegenwart und ihr jeweiliger Anspruch lassen sich „ihr Recht“ – wie es an anderer Stelle im Roman heißt, also tatsächlich „nicht nehmen“ (vgl. S. 115).

3.2 Das Motiv der Erinnerung in der Novelle der wunderlichen Nachbarskinder.

Doch auch die Bewegung ‚zurück‘, dass die Gegenwart, aus der dieser konstruierende Blick in die Vergangenheit erfolgt, sich aus dieser herleitet, lässt sich am Text nachvollziehen. Von dem Hang der Figuren, insbesondere Ottilies, ihre Handlungen, Neigungen und jeweils aktuelle Situation aus der Erzählung vergangener Begebenheiten her zu motivieren, ist im ersten Kapitel dieser Arbeit bereits gesprochen worden. Diese Motivierungen aber verändern sich und verändern auch den gegenwärtigen Ort, von dem aus sie angerufen werden.

Bezeichnend ist in dieser Hinsicht ein Satz aus der Novelle der wunderlichen Nachbarskinder: Nachdem die namenlose Protagonistin der Geschichte einmal festgestellt hat, dass sie den einst so gehassten Nachbarssohn (nun) liebt, ist sie „doppelt verwandelt, vorwärts und rückwärts, wie man es nehmen will“ (S. 280; Hervorhebung K.D.). Mit einem Mal kommt es ihr „in der Erinnerung nicht anders vor als daß sie ihn [den Nachbarssohn] immer geliebt habe“ (ebd.). Die neuerwachte Leidenschaft verändert hier offenbar in der Wahrnehmung alle vergangenen Begebenheiten, so dass der „Kampf“ und sämtliche Streitereien mit dem Nachbarn plötzlich, „unter der Form des Widerstrebens, eine heftige gleichsam angeborene Neigung“ gewesen sein sollen (ebd.). Dies ist die Verwandlung rückwärts. Doch eben diese Verwandlung relativiert sich ‚vorwärts‘ in gewisser Weise selbst: Denn tatsächlich ist es unter den neuen Vorzeichen gesehen ja gar keine „neuerwachte Leidenschaft“, keine „plötzliche“ Änderung aller Verhältnisse. Die Neigung wird für „angeboren“ gehalten, mehr noch: Eben der Satz von der angeborenen Neigung steht wie eine objektive Wahrheit da. Im Ganzen heißt es dort:

Der Kampf gegen ihren jungen Nachbarn war die erste Leidenschaft gewesen, und dieser Kampf war doch nur, unter der Form des Widerstrebens, eine heftige gleichsam angeborene Neigung. (S. 280)

Aus der durch die Liebe begründeten Perspektive, die hier den Tonfall eines unparteiischen, allwissenden Erzählers annimmt (dass es sich um die Gedanken des Mädchens handeln könnte, ginge höchstens aus dem Kontext hervor und würde an dem hier beschriebenen Phänomen letztlich auch nichts ändern), ist es „immer schon so gewesen“. Von Geburt an. Die neue Perspektive, die alle Erinnerungen neu beleuchtet, ist dann tatsächlich gar nicht so neu; die allmächtige Gegenwart, die sich ihr Recht über die Dinge nicht nehmen lässt, ist tatsächlich so mächtig, dass sie, indem sie „nach Neigung“ ausziert, sich selbst und ihre eigene Herleitung aus der Vergangenheit mitbemalt wie der Architekt die Decke der Kapelle. Das Kontinuitätsdenken und die Vorstellung einer sukzessiven Zeit, die dieses begründet, wird hier von einer Allmacht der Gegenwart ausgehöhlt, die sich in dieser Bewegung gleich selbst den Boden unter den Füßen wegzieht.

So ist es denn mit den Erinnerungen in den Wahlverwandtschaften überhaupt oder doch immerhin regelmäßig genug, dass man sich darauf einen Weg durch die (Park-) Landschaften des Romans bauen kann: Die „Anlagen“, an denen dort auf inhaltlicher Ebene allgegenwärtig gearbeitet, die auf zahlreichen Spaziergängen beschritten werden, erweisen sich so als Textprinzip oder besser noch als Prinzip einer dem Roman vielleicht insgesamt angemessenen Lektüre. Denn wann immer in den Wahlverwandtschaften auf Erinnerung zurückgegriffen wird, um die gegenwärtige Situation einzelner oder mehrerer der Romanfiguren zu begründen, steht sie in unauflöslichem Zusammenhang mit einer jeweils bestimmten, aktuellen Disposition der Figuren, die den erinnerten Gegenstand rückwärts färbt, woraufhin[21] er zur Erklärung, Rechtfertigung, Herleitung eben des Blickes und der Lage benutzt werden kann, aus der heraus geschaut wird. Ob es Eduards Zeichendeuterei sei: das nicht zerbrochene Glas, der Umstand, dass Charlotte selbst ihn ursprünglich auf Ottilie aufmerksam gemacht und ihm die Nichte zugedacht hat, die angeglichene Handschrift und andere nach Neigung auslegbare und ausgelegte Phänomene – oder aber Charlottes Schilderung eines Lebensentwurfes, der aus der gemeinsamen Liebe zur Erinnerung (nicht zueinander!) entspringt, welche das ungestörte Zusammenleben in der Gegenwart begründet (vgl. S. 12) – jeweils ist es die Herleitung aktueller Ansprüche, Hoffnungen, Erwartungen aus einer von diesen Ansprüchen formierten Vergangenheit, mit der operiert wird. Solange Ottilie Eduard gleichgültig ist, kann er die Szene in der Pension, wo Charlotte ihn auf die Nichte aufmerksam macht, als Beweis und Versicherung eben dieser Gleichgültigkeit jetzt und in Zukunft anführen (vgl. S. 22). [22] Später dagegen wird gerade diese Geste zum Vorzeichen umgedeutet, zur Bestätigung der neuen, immer schon dagewesenen Ansprüche Eduards auf Ottilie (vgl. S. 302). Das Leben nach der Erinnerung wiederum ist genau so lange das rechte und angenehme, wie die Erinnerungen selbst angenehm sind. Wenn Eduard seine Verbindung mit Charlotte auflösen will, werden ihm gerade diese Erinnerung und der Versuch ihrer Restitution zur „Thorheit“ (vgl. S. 296). Was ihm in „romanhafter Treue“ (vgl. S. 18) einmal als einzig wünschenswert und „ganz in seinem Sinne“ (ebd.) erschienen ist: Charlotte endlich zu besitzen – war nun immer schon ein Fehler und Vergehen gegen die Zeit, in der jedes Alter seine eigenen „Hoffnungen und Aussichten“ habe, in denen man nicht vor- und zurückgreifen solle (vgl. S. 296).

Das ohnehin schon gefährdete Unterfangen, (Zukunfts-)Hoffnungen in der Vergangenheit in Sicherheit zu bringen, ist insofern unbedingt zum Scheitern verurteilt. Denn der Versuch in der sukzessiven Zeit vorzugreifen, sich gegen ihre Entwicklungen zu verwahren, wird auf der Ebene des Erinnerns gerade durch die Struktur des menschlichen Erinnerungsvermögens unmöglich gemacht, durch die auch Vergangenes sich weiter verändert. Dies geschieht in einer Bewegung, die zumindest im erinnernden Zugriff auf die Welt die einfachen Folgebeziehungen sukzessiver Zeitordnung von vorneherein und inhärent unterwandert – wobei sie andererseits mit dem grundsätzlich beibehaltenen Gedanken der Kontinuität im Herkommen der Dinge auseinander auch wieder auf eine solche sukzessive Zeitvorstellung zurückgreift. Insbesondere Charlottes Sicherheitsbestrebungen erscheinen so ambivalent: Einerseits folgen sie genau der übereilten, ungeduldigen Bewegung, die auch Eduards überstürzter Aktionismus zeigt, gegen welchen sie ursprünglich eingesetzt werden sollten. Andererseits scheint die Vergangenheit tatsächlich alles andere als der sichere Hafen, in den zukünftige Hoffnungen eingebracht werden könnten.

4. Schlussbetrachtungen

Das „ungeheure Recht“ einer Gegenwart, von der aus Vergangenheit je nach Neigung uminterpretiert, und neu gesetzt werden kann, tut aber mehr, als nur die Erinnerungen und Selbstdeutungen der Figuren im Roman zu relativieren. In gewisser Weise wird durch die beschriebene Struktur ein einfaches, lineares und/oder sukzessives Zeitverständnis immer schon überschritten – und zwar nicht nur in den ‚Vergehen‘ der von der Sekundärliteratur so gerne in Anlehnung an den Romantitel als wahlverwandtschaftlich bezeichneten Liebesverstrickungen. Nicht ist es so, dass die hereinbrechenden Leidenschaften Unordnung in einem ansonsten friedlichen, sukzessiv verfassten Zeitgefüge anrichten. Objektive, ‚natürliche‘ Zeit und subjektive Willkür, der Ordnungen „nach Neigung“ nicht „von der Hand gehen“ will, scheinen mir letztlich nicht das große Gegensatzpaar zu sein, für das sie Passagen wie die eingangs zitierte von den beiden müßig gewordenen Männern rundweg erklären wollen. Liest man den Satz von dem ungeheuren Recht der Gegenwart, wie ich es hier getan habe, dann wird durch entsprechende Bewegungen, durch das Setzen von Genealogien aus jeweils durch diese bestimmten Standpunkten heraus vielmehr der Konstruktionscharakter von Ordnungen überhaupt offengelegt.

Dass sich im Roman eine deutliche Sympathie für die ‚natürliche‘ langsame Zeit findet, wie sie insbesondere in der Figur Ottilies angelegt ist, möchte ich dabei nicht unbedingt abstreiten. Entsprechende Lektüren, die vom Vergehen der Figuren gegen den unaufhaltsamen Fortgang der Zeit ausgehen, stellen allerdings nur einen möglichen Weg durch den Roman dar, der zudem von ganz bestimmten Grundannahmen, von ‚Neigungen‘, um es so zu sagen, ausgeht. Mir scheint es in einem umfassenderen Sinne richtiger, die leidenschaftlichen Verstrickungen und daraus sich ergebende „Unordnung“ in einem als sukzessive bzw. linear bloß vorgestellten Zeitengefüge vor dem Hintergrund einer allgemeinen Unordnung bis auf den Grund zu lesen, in der Ordnungen – zeitlicher wie sonstiger Art – immer erst gesetzt werden müssen. Gegensatzpaare wie Natur und Kultur, objektiver Zeitabfolge und subjektiver Willkür, Unordnung und Ordnung usw. fänden sich auf diese Weise aufgehoben in der Gesamtanlage des Romans und seiner divergenten Verweisbeziehungen, deren Gesamtheit eben nicht reduktionistisch zu verstehen wäre, sondern die Gleichordnung aller aufgeworfenen Ordnungsprinzipien betont. Solche Prinzipien werden von einem jeweils spezifischen Standpunkt, einem bestimmten Grundstein, einer bestimmten Gegenwart usw. her konstruiert.

Von diesen ‚Ursprungsorten‘ aus erscheinen sie allererst als natürliche, die nun rückwirkend als Motivationen eben jener Standorte dienen können, von denen her sie entworfen wurden. Nach diesem Prinzip eine Lektüre der Wahlverwandtschaften zu organisieren, scheint mir eine angemessene Art, mit den Vieldeutigkeiten, den Widersprüchen und Uneindeutigkeiten des Romans umzugehen. Was sonst in vielen Lesarten dem Bestehen auf dem Beweis einer einzigen These und entsprechenden Ordnung der zu diesem Zwecke verfügbar gemachten Elemente zum Opfer fällt, würde so einer Pluralität gleichwertiger Interpretationen Platz machen.

Freie Universität Berlin, Wintersemester 2012/2013

[1] Johann Wolfgang von Goethe: Die Wahlverwandtschaften. Originalausgabe. München: DTV, Bibliothek der Erstausgaben 1999. S. 73. Im Folgenden direkt zitiert im Text unter Angabe der Seitenzahlen. 2 So z.B. in den Arbeiten von Judith Reusch: Zeitstrukturen in Goethes Wahlverwandtschaften. Würzburg: Königshausen & Neumann 2004; sowie Gonthier-Louis Fink: „Goethes ‚Wahlverwandtschaften‘ Romanstruktur und Zeitaspekte.“ In: Goethes Roman ‚Die Wahlverwandtschaften‘. Hrsg. von Ewald Rösch. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 1975. S. 438-483. Ebenfalls in kulturgeschichtlich eingebettetem Zusammenhang Manfred Osten: „Alles veloziferisch“: Goethes Ottilie und die beschleunigte Zeit. In: Goethe und das Zeitalter der Romantik. Hrsg. Von Walter Hinderer. Würzburg: Königshausen und Neumann 2002. S. 213- 229.

[2] Dies zumeist die These in der Sekundärliteratur vertretener Positionen wie sie beispielsweise in einigen der unter Fußnote 2 zitierten Arbeiten (insbesondere bei Gonthier-Louis Fink: „Goethes ‚Wahlverwandtschaften‘“) vertreten werden. Meines Erachtens findet dort implizit wie explizit oft eine zu starke Trennung rationaler und irrationaler Motive im Roman statt, wobei der Begriff der Natur, in dieser Diskussion bald auf die eine, bald auf die andere Seite des aufgestellten Gegensatzpaares geschlagen wird. Mir scheint es dagegen vielversprechender, die Gleichordnung von leidenschaftlich irrationaler (Liebes-)Verstrickung und spontaner, rationaler Wahl (und alle Überschneidungen und Lagerwechsel hier zuordenbarer Begriffe), die schon im Titel „Wahlverwandtschaften“ vorgenommen wird, bis in ihre letzte Konsequenz zu verfolgen. Mehr dazu im Fazit dieser Arbeit.

[3] Vgl. so insbesondere die Studie von Susan Baumert: „Zeit und Zeitstrukturen.“ Baumert spielt hier gegen das subjektive Begehren der Figuren, die Zeit stillzustellen, die Feste, Jahrestage und Besuche aus, in deren Rahmen intersubjektive (als die eigentliche) Zeit sowie Gesellschaft und deren Forderungen in die hergestellte, künstliche Idylle auf dem Schloss einbrächen. Die Gegenüberstellung von einer mythischen Idylle stillgestellter Zeit auf der einen und linear fortschreitender moderner Zeit auf der anderen Seite bezieht Baumert dabei explizit von Reusch. Diese Lesarten verdanken sich dabei vielleicht auch einer Lektüre Walter Benjamins, der in seinem Wahlverwandtschaftenaufsatz die Angst vor dem Tod und ‚Lebensangst‘ zwei Hauptmotivationen Goethes erklärt. Demgegenüber hat Sampaolo gerade den optimistischen Ton des Romananfangs und des von diesem gezeichneten Lebensentwurfes betont. Er sieht in letzterem den durchaus (wenn auch im weiteren Romanverlauf nicht völlig ungebrochen) positiv gewerteten Versuch ein – allerdings auch zur Entstehungszeit des Romans bereits historisch gewordenes – humanistisches Konzept des Sich-selber-Lebens zu verwirklichen und sich den der menschlichen Natur widerstrebenden Tendenzen der modernen Welt zu entziehen. Die enge Verknüpfung dieses Motives mit demjenigen der Erinnerung – in Form der zu ordnenden Reisejournale – verweise dabei auf das Zeitgefühl, das sich an diesen Lebensentwurf knüpfe: Die Tätigkeiten der Figuren, ja sie selbst würden quasi zu Erinnerungen – wohlgemerkt nicht ihren eigenen, sondern indem sie als Repräsentanten einer bereits vergangenen klassisch-humanistischen Epoche aufträten, an welche sie eben durch ihren Lebensentwurf erinnerten. Vgl. insgesamt Sampaolo: Proserpinens Park. S. 71f.

[4] Eine ähnliche Wertung findet sich in der kontrastierenden Anlage der Figur Lucianes auch auf Seiten des in dieser Hinsicht durchaus parteiischen Erzählers.

[5] In diesem Sinne interpretiert auch Manfred Osten die Gestalt Ottilies als eine Gegenkonzeption zur „veloziferischen“ Beschleunigung aller Prozesse und Bewegungen, die Goethe in seinem Leben zunehmend reflektiert und gegen die er sich vehement ausgesprochen habe. Osten liest in Ottilies Charakter eine Konzeption natürlicher Sittlichkeit, die im Gegensatz zu einer Hybris des sich übereilenden Verstandes die Dinge in Demut abwarte und geschehen lasse, statt sie überstürzt und letztlich unverstanden herbeiführen zu wollen. Vgl. Manfred Osten: „Alles veloziferisch.“ S. 219ff. Ebenfalls: Elisabeth von Thadden: „Das ‚ungeheure Recht‘ der Gegenwart. Übereilung, Mode und Verdrängung der Gegenwart als Symptome eines verfehlten Zeitbewusstseins in Goethes Wahlverwandtschaften.“ In: Goethes „Wahlverwandtschaften“. Werk und Forschung. Hrsg. Von Helmut Hühn. Berlin/ New York:

De Gruyter 2010. S. 479-490. Hier: S. 487f.

[4] Für dieses steht dabei im Roman insbesondere der Hauptmann ein, der nicht unwesentlich auch der Besitzer der Sekunden-Uhr ist und auf das Landgut Eduards und Charlottes extra berufen wurde, um bei der Arbeit an einer „erfreuliche[n] Ordnung“ (s.o.) der Papiere zu helfen.

[5] Zur Verwendung des Epochenbegriffes ‚Aufklärung‘ in diesem Kontext sei hier Folgendes angemerkt: Ich möchte damit weder einen genau zu bestimmenden Zeitraum noch eine bestimmte Anzahl kanonisierter Autoren unter ein definites Schlagwort bringen oder behaupten, es gäbe eine Liste abzurufender Gedanken und Motive, die einen solchen Begriff fest ausmachen könnten. Vielmehr benutze ich den Begriff assoziativ, um bestimmte Forschungsstände und Vereinbarungen aufzurufen und für meinen Text nutzbar zu machen: Primat des Rationalen oder durch Vernunft bestimmter Geistes- und Gefühlskultur, technischer Fortschritt, Vermessung der Welt, kopernikanische Wende, kategorischer Imperativ und dergleichen sind Gedankenfiguren, die in meiner Verwendung des Aufklärungs-Begriffes mitschwingen und auch in den Wahlverwandtschaften überall in Motiven und Gesprächen der Figuren auftauchen: Ottilie möchte einmal „Humboldt sprechen hören“ (S.250), das Gespräch über die chemische Theorie der „Wahlverwandtschaften“, die Aufzeichnung der Gartenanlagen durch die camera obscura des englischen Barons, Charlottes vielleicht am ehesten über Schillers ästhetische Erziehung auf Kant zurückzuführender Ausspruch, die unglückliche Lage und Haltung zu den eigenen Gefühlen zu ändern, wenn man schon die Emotionen selbst nicht ändern könne (vgl. S. 121) – all diese Motive und Äußerungen der Figuren stehen im Kontext einer aufgeklärten, an Wissenschaft und rationaler Gefühlskultur interessierten Gesellschaft, die im Goetheschen Text immer auch einen starken humanistischen Akzent hat. Eine umfassende Studie, die die Wahlverwandtschaften im Kontext (goethe-)zeitgenössicher Gedankenwelt und Kultur liest und in deren Anschluss ich meine etwas eilige Identifizierung des Zeit- und Ordnungskonzeptes im Roman mit aufklärerisch-humanistischem Gedankengut vornehme, hat Sampaolo geliefert: Giovanni Sampaolo: Proserpinens Park. Goethes „Wahlverwandtschaften“ als Selbstkritik der Moderne. Stuttgart et.a.: Metzler 2003.

[6] Vgl. den grundlegenden Aufsatz von Judith Reusch: Zeitstrukturen in Goethes Wahlverwandtschaften. Im Anschluss Gonthier-Louis Fink: „Goethes ‚Wahlverwandtschaften‘“; sowie Susan Baumert: „Zeit und Zeitstrukturen in Goethes Wahlverwandtschaften.“ In: Goethes „Wahlverwandtschaften“. Werk und Forschung. Hrsg. Von Helmut Hühn. Berlin/ New York: De Gruyter 2010. S. 89-136. Ebenfalls mit teilweise divergierender Ausrichtung in Methode und Fragestellung vgl. Manfred Osten: „Alles veloziferisch.

[7] Diskurs-Landschafts-Garten, der der Roman ist, ließe sich diese Titelwahl und der damit aufgerufene geistes- und wissenschaftsgeschichtliche Kontext durch den Text verfolgen, entweder als Aporie oder aber als Absage aufklärerisch-autonomer Lebensführung und Ichsetzung, als Diskussion naturwissenschaftlicher, positivistischer Welterschließung oder naivem, unhinterfragtem Einvernehmen mit Natur und insgesamt als anthropologische Studie der Stellung des Menschen in einem Unort, der – mal Gestrüpp, mal kultivierter Park – ganz von dem Weg abhängt, den man sich bei der Lektüre der Wahlverwandtschaften vornimmt und/ oder auf den man „dämonisch“ sich ziehen lässt. Die vorliegende Lektüre versteht sich in vielerlei Hinsicht als solch ein Spaziergang durch den Roman-Park, der unter bestimmten Vorannahmen (nur) ganz spezifische Wege bauen und finden kann. Dass sich in dem Gelände auch andere Wege gehen, andere und gleiche Motive zu anderen Spaziergängen kombinieren ließen, sei hier nicht nur als Eingeständnis der eigenen Beschränkungen eingeräumt, sondern als Charakteristikum der Wahlverwandtschaften selbst nachdrücklich herausgestellt. Zu einer Begründung dieses Vorgehens aus dem Roman heraus sei abermals verwiesen auf das Fazit der Arbeit.

[8] Judith Reusch: Zeitstrukturen in Goethes Wahlverwandtschaften.

[9] Es zeichnet sich in diesen gängigen Begriffsverwendungen bereits eine aus der Zeitphilosophie recht bekannte Tendenz ab, Zeit in räumlichem Vokabular vorzustellen. Die Zeit vergeht, schreitet voran, Dinge, denen sie ihr Gesetz aufdrückt, stehen in der Zeit wie in einem Raum, etwas ist gegenwärtig, also gleichermaßen lokal anwesend und jetzt. Insbesondere dieser doppelte Sinn von ‚Gegenwart‘ ist dabei m.E. für die Wahlverwandtschaften von entscheidender Bedeutung und wird in dieser Arbeit nur aus Gründen fortgeschrittenen Textumfanges ausgeklammert. Für einen Abriss der gängigen Zeitkonzepte bis ins 20. Jahrhundert verweise ich hier auf die Einleitung aus dem Band: Klassiker der modernen Zeitphilosophie. Hrsg. von Walter Zimmerli. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2007. S. 1-30.

[9] Susan Baumert: „Zeit und Zeitstrukturen.“ S. 419.

[10] Insbesondere Judith Reusch macht diesen Punkt stark. Vgl. Judith Reusch: Zeitstrukturen in Goethes Wahlverwandtschaften. S. 175.

[6] So z.B. Thomas Lehman: Augen zeugen. Zur Artikulation von Blickbezügen in der Fiktion; mit Analysen zum Sehen in J. W. Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ (1809) und in Peter Greenaways Film „The draughtsman’s contract“ (1982). Tübingen u.a.: Francke 2003. Für Lehman versucht sich Goethe in den Wahlverwandtschaften an einer „Schule des Blicks“, die einer den Gesetzen der Metamorphose folgenden, sich beständig entwickelnden und dennoch gleich bleibenden Natur durch beweglich gehaltene Beobachtung gerecht zu werden vermag. Ebenfalls präsent ist der Begriff in den Ausführungen Elisabeth von Thaddens, die Goethes Interesse an einer Zeit der Natur entgegen der Erfahrung fortgesetzter Beschleunigung als Zeiterfahrung der Moderne beschreibt. Vgl. Elisabeth von Thadden: „Das ungeheure Recht der Gegenwart.“ S. 480.

[16] Elisabeth von Thadden: „Das ungeheure Recht der Gegenwart.“ S. 481.

[17] Gemeint ist hier letztlich ein Verständnis von ‚Genealogie‘ im Sinne der Goethe‘schen Metamorphose-Konzeption, also ein allmähliches Wachsen zusammengehöriger Dinge auseinander als eine Entfaltung ihrer natürlichen Anlagen, wodurch in jedem Schritt der Entwicklung alle vorherigen und zukünftigen gewissermaßen auch aufgehoben sind. Vgl.: Johann Wolfgang von Goethe: Die Metamorphose der Pflanzen. In: Ders.: Sämtliche Werke. 2: Gedichte 1800-1832. Hrsg. von Karl Eibl. Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag 1988. S. 495-498.

[7] Vgl. Gonthier-Louis Fink: „Goethes ‚Wahlverwandtschaften.‘“ S. 443.

[8] Vgl. dazu auch Kapitel 3 dieser Arbeit zu Archiven und damit einhergehenden Vorabinterpretationen.

[9] Die Nähe dieser Konzeption zum aristotelischen Charakter- und (bzw. als) Gewohnheits-Begriff insbesondere der Nikomachischen Ethik ist hierbei kaum zu übersehen: Vgl. Aristoteles: Nikomachische Ethik. München: DTV 2010.

[10] So auch Thomas Lehmann: Augen zeugen. S. 95-118.

[11] In der Sekundärliteratur z.B. bei Gonthier-Louis Fink: „Goethes ‚Wahlverwandtschaften‘.“

[12] So z.B. in seinem selbstgewählten Exil fern vom Schloss, wo er gegenüber dem ebenfalls nicht gerade geduldigen Mittler alle Zeit bis zu seiner Bekanntschaft mit Ottilie als „Zeitvertreib“, „Zeitverderb“ bezeichnet und nicht verstehen kann, wie irgendwer zu Eingeständnissen und jedwedem Verzicht in der Gegenwart zu Gunsten einer noch fernen Zukunft bereit sein könne, wenn das Glück der Gegenwart doch alles sei, was eigentlich zähle (vgl. S. 163ff.). Im Sinne Manfred Ostens wird Eduard so zur exemplarischen Figur einer veloziferischen Übereilung, die nichts abwarten kann und deren Vertreter in ständiger Überstürzung und Übereilung leben.

[13] Reinhart Koselleck hat in seiner Studie zu sich wandelnden Konzepten von Zeit und historischen Abläufen gezeigt, wie sich gerade um die Mitte des 18. Jahrhunderts herum und zunehmend seit dem Umschlagpunkt der Französischen Revolution in den theoretischen Abhandlungen der Zeit ein Begriff von Fortschritt herausgebildet habe, der diesem Verständnis Eduards von der ungeliebten Gegenwart als ‚Zeitverschwendung‘ auffällig entspricht: Fortschritt als Konzept einer grundsätzlich neuen Zeitvorstellung, die Geschichte nicht mehr als eine Vielzahl sich potentiell unendlich wiederholender Geschichten als Magistra Vitae begreift, sondern stattdessen die Einmaligkeit historischer Ereignisse und Prozesse in einer einzigen, irreversiblen Geschichte betont, begründe eine Auffassung der Zukunft als der grundsätzlich „besseren“ Zeit, die von einer sich zunehmend entleerenden Gegenwart einzuholen sei, welche ihrerseits nurmehr als Zwischenzeit verstanden werden könne. Reinhart Koselleck: Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1979. Insbesondere S. 38-67.

[14] Bezeichnenderweise ist es damit wiederum „Liebhaberei“, die für das Schwanken in der Zeit, bzw. in der Geschwindigkeit, in der mit Welt umgegangen oder in der sie erlebt wird, verantwortlich gemacht werden kann. Vgl. das erste Kapitel dieser Arbeit.

[15] In diesem Sinne liest Judith Reusch den Gebrauch des Präsens grundsätzlich als Stilmittel, um einen Stillstand in der Handlung herzustellen. Dass man den Tempusgebrauch im Roman um einiges differenzierter betrachten kann, wobei ihm durchaus keine stringente, einheitliche Funktion zuordenbar ist, soll die folgende Analyse zeigen.

[16] Vgl. hierzu auch Susan Baumert: „Zeit und Zeitstrukturen in Goethes Wahlverwandtschaften.“ S. 424. Die Autorin deutet insbesondere den zweiten Teil des Romans in diesem Sinne einer Gegenüberstellung von objektiver Zeit (der Sekunden-Uhr) und subjektiver Zeitempfindung der Figuren, allerdings ohne auf textgestalterische Merkmale wie Schwankungen im Tempus einzugehen.

[17] Vgl. Exkurs: Ordnungen nach sukzessivem Maß.

[18] Die gesamte Bewegung erinnert auch an Charlottes Satz, dass das Bewusstsein keine hinlängliche Waffe sei, ja „manchmal eine gefährliche, für den der sie führt“ (S. 15). Während Eduard zu Beginn des Romans noch der Meinung sein konnte, aufgeklärte Geister mit einigem Bewusstsein über sich selbst („durch Erfahrung aufgeklärt“) seien vor irrationalen Ausfällen gefeit, bewahrheitete sich hier vielmehr der von seiner Ehefrau angeratenen Skeptizismus gegenüber blindem Rationalitätsvertrauen: Die vernünftigsten Überlegungen und Pläne werden so entlarvt als ein bloßes Sich-Bereden, als ein Zurechtlegen der Dinge (auch) in ihrer zeitlichen Ordnung nach den eigenen Wünschen und Hoffnungen.

[19] Vgl. Gonthier-Louis Fink: „Goethes ‚Wahlverwandtschaften‘.“ sowie Susan Baumert: „Zeit und Zeitstrukturen.“; Judith Reusch: „Zeitstrukturen in Goethes Wahlverwandtschaften.“

[20] Steffen Schneider: Archivpoetik – Die Funktion des Wissens in Goethes „Faust II“. Tübingen: Niemeyer 2005.

[21] Ein äußerst fragwürdiges „woraufhin“ allerdings; die temporale Struktur einer sukzessiven Folge und Folgerichtigkeit ist hier ja gerade durchbrochen.

[22] Obwohl er andererseits auch an dieser Stelle schon zugeben muss, dass sie „schöne Augen“ habe.

Bild © Marie Nicolay

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