Jonathan Hempel: Soldatinnen in der IDF. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Reproduktion von Geschlechterrollen in der israelischen Armee.

Jonathan Hempel: Soldatinnen in der IDF. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Reproduktion von Geschlechterrollen in der israelischen Armee.

  1. Einleitung

Frauen im Militär

,,We like to believe that we‘re an open society and that we have equal opportunity here, though this covers a lot of injustice. There‘s a myth of the Israeli woman soldier fighting at the front and doing exactly what men do. But if you take a deeper look, you see that most women in the army serve coffee to their commanders.“[1]

Dies sagte im November 1994 die damals 17-Jährige Alice Miller, geboren in Südafrika und mit 6 Jahren nach Israel eingewandert, im Interview zur New York Times. Kurz zuvor klagte sie vor dem Obersten Gericht zusammen mit der feministischen Organisation The Women’s Network das israelische Militär[2] für den Ausschluss von Frauen aus dem Pilotenkurs der israelischen Armee an. Ein Jahr danach, mit einer Mehrheit von drei Richter*innen, gewann Miller die Klage und durfte sich für den Pilotenkurs bewerben. Außerdem ermöglichte diese Entscheidung viele strukturelle und rechtliche Reformen in Bezug auf die formale Beteiligung von Frauen im israelischen Militär.[3] Ist dieses Zitat auch heute, 20 Jahre nach dem berühmten Gerichtsverfahren, noch aktuell?

In der Geschichte des israelischen Staates nimmt der Militärdienst eine wichtige Stellung ein: Militärdienst zu leisten heißt, sich als volles und loyales Mitglied des israelischen Staates und des demokratischen Kollektivs zu bestätigen. Die Verteidigung des Heimatlandes gilt in Israel als die erste Bürgerpflicht. Die Wehrpflicht für jüdische Frauen und Männer gilt in Israel seit der Entstehung des Staates Israel gleichermaßen, dennoch profitieren die Frauen von dieser engen Verbindung zwischen Militärdienst und Staatsbürgerschaft im Gegensatz zu den Männern nicht.[4] In dieser Arbeit werde ich erforschen, ob und warum die israelische Armee, eine Institution, die die Gleichberechtigung von Frauen und Männern, ausgelöst durch die Klage Miller, auf ihre Agenda gesetzt hat, in Wirklichkeit die Marginalisierung und Unterdrückung von Soldatinnen aufrechterhält.[5]

Fast 20 Jahre nach dem Fall Alice Miller und trotz der Tatsache, dass 92% der Arbeitsbereiche in der IDF für Frauen offen sind, wurden laut einem offiziellen Bericht in 45% der verschiedenen Einheiten der IDF Fälle von Diskriminierung und Unterdrückung in direkter Beziehung zu dem Geschlecht der Betroffenen gemeldet.[6] Daraus leitet sich folgende Fragestellung ab: Wie entsteht trotz ,gleichheitsschaffender‘ gesetzlicher Regelung in der israelischen Armee eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, die Frauen benachteiligt? Und wie werden diese Geschlechterrollen reproduziert?

Um meine Fragestellung zu beantworten, werde ich zunächst die Theorie zu ,Doing Gender‘ von Candace West und Don H. Zimmerman ausführen, inwiefern das Militär Geschlechterrollen produziert und reproduziert. Danach werde ich die Rolle der Frauen in der israelischen Armee, die Entwicklung der Inklusion und Exklusion von Frauen und die verschiedenen Argumentationen im israelischen Diskurs dazu darstellen. Was die Öffnung des Militärs für Frauen anbetrifft, ergeben sich viele verschiedene Positionen und Debatten in feministischen und nicht-feministischen Kreisen. In dieser Arbeit werde ich nicht überprüfen, ob die Integration von Frauen im Militär die Gleichstellung von Geschlechtern fördert oder behindert, sondern untersuchen, inwiefern das Militär Geschlechterrollen reproduziert und Frauen benachteiligt.[7]

Im Anschluss an die theoretische und geschichtliche Verortung stelle ich im analytischen Teil anhand der Darstellung der verschiedenen Arbeitsmöglichkeiten, die Frauen in der IDF haben, und der Konstruktion von alternativen Geschlechtsidentitäten der Soldatinnen die inoffizielle Aufrechterhaltung von Geschlechterrollen dar. Dies werde ich anhand von Beispielen aus Talya Lavies Film Zero Motivation (2014) machen.[8] Der Film, der 2014 mehr als 600,000 Tickets in Israel verkaufte und so zum meist gesehenen Film des Jahres wurde,[9] stellt eine deutliche feministische Kritik an der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung und der Diskriminierung von Soldatinnen in der IDF dar. Lavies Film erscheint wie eine öffentliche, ironische Anklage der IDF und der Haltung der israelischen Gesellschaft gegenüber der erwarteten Frauenrollen.

Im Fazit bewerte ich die Auswirkung der Arbeitsteilung und der Praktiken der Aufrechterhaltung der Geschlechterrollen der IDF, gebe eine kurze Zusammenfassung, komme auf die zentrale Fragestellung der Hausarbeit zurück und diskutiere weiterführende Punkte, die sich ergeben haben. In einer Situation von anhaltendem Konflikt und einer chronischen Abwesenheit von Frieden, begleitet von einer dauerhaften Angst vor Terror, hat die Armee als eine Institution eine zentrale Rolle in der israelischen Gesellschaft und im Leben ihrer Bürger*innen.[10] Der Diskurs um die Einbeziehung von Frauen ins Militär unterscheidet sich in Israel von dem in anderen Ländern wie den USA und Deutschland, da Frauen in der IDF seit der Gründung des Staates Israel im Jahre 1948 dienen. Israel bietet deswegen einen besonderen Anlass zur Analyse der Produktion von Geschlechterrollen durch die Armee.

An diesem Punkt halte ich es für wichtig, auf meine eigene gesellschaftliche Positionierung hinzuweisen. Ich schreibe diese Arbeit aus der Perspektive eines weißen, heterosexuellen Cis-Mannes, der selbst 6 Jahre Teil der israelischen Armee war und aufgrund dessen eine gewisse Nähe zu seinem Forschungsfeld hat, durch die er selbst diskriminierende Strukturen innerhalb dieser Institution beobachten konnte.[11]

  1. Begriffliche und theoretische Konzepte

Zunächst möchte ich einige Ansätze vorstellen, die einerseits den theoretischen Hintergrund, vor dem die Untersuchung stattfindet, genauer konturieren und anderseits Parameter für die nachfolgenden Analysen bereitstellen.

Um den Einfluss vom Militär auf Geschlechterrollen zu erklären, muss man zunächst den Unterschied zwischen der Geburtsklassifikation (Sex), der sozialen Zuordnung/Zuschreibung des Geschlechts (Sex-category) sowie der intersubjektiven Validierung der Geschlechtskategorie in Interaktionsprozessen (Gender) beleuchten.[12] Laut den Wissenschaftlerinnen West und Zimmerman ist Geschlecht (Gender) ein konstantes ,Doing‘ von der Geschlechtskategorie (Sex-Category) angemessenem Verhalten: ,,virtually any activity can be assessed as to its womanly or manly nature (…), to do gender (…) is to engage in behavior at the risk of gender assessment“.[13] West und Zimmerman kennen kein ,Jenseits‘ dieser Geschlechtskonstruktion: ,,Doing Gender is unavoidable“.[14] Reproduziert werden die Prozesse des ,Doing Gender‘ durch institutionelle Arrangements (z.B der Staat) und Wissenssysteme, die die Geschlechterrollen im Alltag institutionalisieren und präsent halten.[15]

Die Armee, wie der Staat, muss von Anfang an als ein spezifischer Akteur in den Geschlechterverhältnissen gesehen werden. Sie hat eine Struktur und eine Geschichte, die von Geschlechterdynamiken geformt ist.[16] Nach Cynthia Enloe hat das Militär eine einzigartige Rolle in der ideologischen Struktur des Patriarchats und erschwert die gleichberechtigte Integration von Frauen.[17] Sie begründet das mit der Funktion des Kämpfers in der Armee: Die Vorstellung des Kämpfers als Mann unterstütze nicht nur die Konstruktion des Männlichkeitskonzepts, sondern sie begründe auch die Überlegenheit der Männlichkeit in der sozialen Ordnung.[18] Die Definition des Kämpfers als ,guter Bürger‘ dient den Interessen des Staates, da diese ihm erlaubt, Ressourcen für externe Konflikte zu mobilisieren und kollektive Identitäten zu gründen, indem sie die Bildung verschiedener Schichten legitimiert.[19]

Entscheidend ist die binäre Aufteilung der Geschlechterrollen und eine Einteilung in einen ,männlichen’ Beitrag (Kampfbereitschaft) und einen ,nicht-männlichen’ Beitrag (keine Kampfbereitschaft). Frauen können nicht als gleichwertig betrachtet werden, da sie an der wesentlichen militärischen Leistung nicht beteiligt sind. Insofern ist das Militär Ursache für eine hegemoniale Männlichkeit. Oder anders ausgedrückt: Das Ideal des männlichen Kämpfers oder Kriegers ist hegemonial gegenüber zivilen Definitionen von Männlichkeit.[20] Die Konstruktion ,weiblicher‘ Positionen im Militär wird durchweg unter Zuhilfenahme der Dichotomie von Kampf/Nichtkampf vorgenommen und beruht auf ideologischen Konstruktionen von Weiblichkeit und Männlichkeit, nicht auf objektiven Schwierigkeiten bei der Einbeziehung von Frauen in Kampfaufgaben.[21]

Der gesellschaftliche Beitrag der Institution des Militärs in Israel und anderswo beschränkt sich somit nicht lediglich auf die ihm eigens zugedachte Aufgabe der Sicherstellung der Existenz eines nationalen Kollektivs, sondern erweist sich als spezifischer institutioneller Rahmen für die Herstellung geschlechtlicher Identität und damit der Reproduktion existierender Geschlechterverhältnisse. Aufgrund der traditionellen impliziten Gleichsetzung von ,Soldat-Sein‘ und ,Mann-Sein‘ bildet das Militär eine von verschiedenen gesellschaftlichen ,gendered institutions‘, in der das dort geltende Ideal hegemonialer Männlichkeit durch entsprechendes, nämlich militärisches Verhalten verkörpert wird.[22]

Zusätzlich zu der Macht der Position geniesst die Funktion des Kämpfers, so Bourdieu, ein ,,symbolisches Kapital“, ,,a form of power that is not perceived as power but as legitimate demands for recognition, deference, obedience, or the service of others“.[23] Die Ausschließung von Frauen sei wichtig, um den ,heiligen‘ Charakter des Kämpfers aufrechtzuerhalten.[24] Nach Bourdieu produziert symbolisches Kapital Macht, indem es Relationen aus Interesse eine neutrale Bedeutung zulässt und indem es willkürliche Machtverhältnisse als eine natürliche Ordnung legitimiert.[25]

  1. Frauen im Militär in Israel

3.1 Entwicklung und Statistiken

Mit der Gründung der IDF am 26. Mai 1948 wurde im israelischen Parlament nach einer der längsten Debatten der Knesset (das israelische Parlament) das Verteidigungsgesetz verabschiedet, in dem eine allgemeine Wehrpflicht für Männer und Frauen festgelegt wurde.[26] Die Einigung, Frauen grundsätzlich an der Armee zu beteiligen, bringt die zionistische Gleichheitsorientierung zum Ausdruck; dass jedoch verheiratete Frauen und Mütter[27] sowie religiöse Frauen[28] vom Wehrdienst befreit sind, betont zugleich die den Frauen in der jüdischen Religion zugewiesene besondere Rolle der Mutter.[29] Das ist nur eines der Beispiele der vielen Unterschiede zwischen Frauen und Männern in der IDF. In diesem Kapitel werde ich die Entwicklung der Beteiligung und Integration von Frauen in der IDF abbilden sowie die Überlegungen und Argumentationen, die im israelischen Diskurs zu dem Thema zu hören sind, ausarbeiten.

Bis Mitte der 1990er war es Praxis des Militärs, Frauen und Männer sehr unterschiedlich zu behandeln. Durch dieses detaillierte System der Geschlechtertrennung verstärkte das Militär die Erkennbarkeit von Geschlecht und konstruiert geschlechtsspezifische Unterschiede.[30] Männer initiierten und kontrollierten die Arbeitsbereiche und Frauen nahmen nur selten an den Foren und Gesprächen teil, auf denen Entscheidungen getroffen wurden, Entscheidungen, die oft auch Einfluss auf das Leben der Frauen im Militär hatten.[31] Nach dem Fall Alice Miller im Jahr 1995 entstand ein unterscheidbarer Grundsatz, der einigen Strukturen, die zu Geschlechtsunterschieden beitrugen, entgegenwirkte (z.B. wurden neue Arbeitsbereiche für Frauen geöffnet, sexuelle Belästigung wurde als ein wichtiges Thema anerkannt).[32] Während das Gesetz Frauen und Männer ,gleich‘ behandelte, taten es die militärischen Vorschriften nicht. [33]

Außer der Änderung des Gesetzes ist ein weiterer zentraler Faktor, der zur Zulassung von Frauen in größerer Zahl geführt hat, die Tatsache, dass sich der Charakter der modernen Kriegführung geändert hat.[34] Obgleich die Computer- und Technologierevolution der modernen Armee nicht ohne Wirkung geblieben ist und individuelle Kampfaufgaben in der IDF stark verringert hat, sind nur wenige Frauen mit spezifisch militärischen Aufgaben oder Tätigkeiten, die sich auf das zentrale ,Geschäft‘ des Militärs beziehen, befasst.[35] Der Bericht über den Frauendienst der IDF, der im Jahr 2013 der Knesset vorgelegt wurde, gibt uns aufschlussreiche Informationen. Laut dem Bericht waren 33% der Armee-Arbeitskräfte im Jahr 2012 Frauen. Wie schon vorher erwähnt sind 92%[36] der Arbeitsbereiche offen für Frauen, in 50% der Arbeitsbereiche dienen aber nur Männer oder sind Männer die absolute Mehrheit.[37] Im Gegensatz dazu sind 100% der Arbeitsbereiche offen für Männer. In Kampfeinheiten dienten im Jahr 2012 2.2% der Gesamtanzahl der Frauen in der IDF. [38]

3.2 Argumentationen im israelischen Diskurs

Trotz der Verbesserungen und der Änderung des Charakters der modernen Armee liegt der Status einer Person in der Armee an ihrer Funktion als Kämpfer*in. Frauen sind offiziell aus der Frontzone im Krieg verbannt und/oder werden von Gefechtsaufgaben ferngehalten.[39] Die erste Argumentation, die in meisten Fällen in dem Diskurs genannt wird, ist die ,Schutzargumentation‘. Dass Soldatinnen im Krieg sterben oder in Gefangenschaft geraten und dort der Misshandlung durch den Feind ausgeliefert werden, könnte zur Demoralisierung der gesamten Gesellschaft führen; sie könnten somit tendenziell Gefahr laufen, als nationales Druckmittel vom Gegner instrumentalisiert zu werden.[40]

Seit der Öffnung vieler Positionen für Frauen werden verschiedene Argumente dafür bemüht, den Kampfausschluss aufrechtzuerhalten. Biologisch hergeleitete Gründe (Frauen seien physisch ungeeignet wegen geringer Körperkraft, wegen Menstruation und wegen des Risikos einer Schwangerschaft), demographische Überlegungen (zur Aufrechterhaltung der Bevölkerungsquote sind weniger Männer als Frauen erforderlich), psychologische Argumente (Frauen seien weniger aggressiv und weniger stabil), das Argument, Frauen störten die Kohäsion der Truppe und schließlich organisatorische Argumente (notwendige organisatorische Änderung in der Kleidungsherstellung oder hinsichtlich sanitärer Einrichtungen).[41] Im israelischen Diskurs vermischen sich biologische bzw. biologistische Argumente mit traditionellen, die schwer von den religiösen zu trennen sind.[42] Ein weiteres Argument gegen die Öffnung von Kampftruppen für Frauen, u.a. vorgebracht von dem israelischen Militärsoziologen Martin Van Creveld, ist dass jegliche ,Feminisierung‘ des Militärs eine Schwächung der Organisation bedeute und so die nationale Verteidigungsbereitschaft schädige.[43]

Zuletzt wird noch das ökonomische Argument vorgebracht. Die Bereitschaft, neue Bereiche für Frauen zu öffnen, hinge von der Kosteneffizienz ab. Wegen der kürzeren Wehrpflicht, der Tatsache, dass Frauen so gut wie gar nicht im Reservedienst seien und auch nicht in Kampffunktionen eingesetzt werden, ,lohnen‘ sich bestimmte Ausbildungsgänge nicht.[44] Dieses Argument ist, so erklärt es Izraeli,[45] ein zirkuläres. Von vornherein begrenzten die sozial-konstruierten Geschlechtertrennungspraktiken der Armee die Vielfältigkeit der Arbeitsbereiche für Frauen und führten zu der Kürzung der Wehrpflicht für Frauen.[46]

Die Debatten über eine ,weibliche Eignung‘, so die Einschätzung der Militärsoziologin Ruth Seifert, drehen sich weniger um Fragen eines geschlechtsspezifischen Arbeitsvermögens. Sie seien stattdessen eher als einer der Schauplätze zu sehen, auf dem Kämpfe um gesellschaftliche Veränderungen und Reformen ausgetragen werden. In den heftigen Debatten um die ,Eignung von Frauen‘ geht es um den Erhalt männlicher und weiblicher Geschlechterrollen, um die Aufrechterhaltung (oder Veränderung) einer traditionellen militärischen Kultur und um den Schutz männlicher (und zum geringeren Teil weiblicher) ‚Befindlichkeiten’.[47]

  1. Soldatinnen in geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung ­– Analyse der Aufrechterhaltung von Geschlechterrollen

Der Film Zero Motivation erzählt die komische und melancholische Geschichte einer kleinen Gruppe von Soldatinnen in der Administrationsabteilung einer Panzereinheit im Süden Israels. In einer der ersten Szenen des Films sieht man wie Dafi, eine der Protagonistinnen, ihrer Nachfolgerin ihre Arbeitsaufgaben vorstellt. Die Arbeit beschränkt sich auf Papierschreddern und darauf, den Kampfoffizieren der Basis Kaffee zu servieren. Zwar ist Kaffee servieren keine offizielle Aufgabe von Soldat*innen in der IDF, aber die Erwartung bzw. der Befehl der Offiziere, dass die Frauen der Administrationsabteilung ihnen Kaffee servieren, ist eines der Beispiele der ungeschriebenen Praktiken und Vorschriften der IDF, die einen Einfluss auf die Geschlechterrollen in der Armee haben.

Von Bedeutung sind erstens die Aufteilung der Geschlechter in verschiedene Tätigkeitsbereiche (horizontale Segregation) und zweitens die unterschiedliche Verteilung in Hierarchiestufen (vertikale Segregation). Üblicherweise fungiert Geschlecht als ,Platzanweiser‘: Frauen werden in traditionell als weiblich erachteten Aufgabenbereichen in unteren Einkommensniveaus mit geringeren Aufstiegschancen und in Teilzeitbeschäftigungen verwiesen.[48] In diesem Kapitel werde ich zuerst die inoffizielle Einteilung der Soldatinnen in Arbeitsbereiche und Rollen offenlegen. Dabei werde ich auch die Integration der Frauen und die Konstruktion von verschiedenen Geschlechteridentitäten der Frauen unter Bezugnahme auf die Forschung der israelischen Soziologin Orna Sasson-Levy analysieren, bevor ich das Problem der Aufstiegschancen von Frauen in der IDF im dritten Teil behandeln werde.

4.1     ,Frauen‘-Arbeit und die Frau als , Trophäe‘

Es gibt in fast allen Armeen einige militärische Bereiche, die Frauen völlig verwehrt sind, und andere, in denen sie überrepräsentiert sind. Die Verteilung von militärischen Aufgaben ist somit praktisch immer geschlechtsorientiert. Das bedeutet jedoch, dass militärische Aufgaben immer danach definiert werden, ob sie nur von Männern oder auch von Frauen ausgeführt werden.[49]

Die Mehrheit der Frauen, wie uns auch der Knesset-Bericht aufzeigt, ist in nicht-Kampfeinheiten der IDF angestellt. Die Aufgaben, die Dafi und Zohar (die Protagonistinnen des Films Zero Motivation) erfüllen, sind das direkte Beispiel für solche Arbeitsbereiche. Dafi, wie schon vorher erwähnt, ist für das Schreddern von altem Papierkram der Basis zuständig und Zohar für die Post. Die meisten Soldatinnen und Offizierinnen in der IDF dienen in Arbeitsbereichen wie Administration, Logistik, Personal, Kommunikation, Medizin, Erziehung und Ausbildung.[50]

Diese Einheiten und Arbeitsbereiche, in denen Frauen stark repräsentiert sind, befinden sich am Rand der internen Organisation der IDF und auch von geringer sozialer Anerkennung in der Gesellschaft außerhalb des Militärs.[51] Die ,unwichtige‘ Funktion der beiden Soldatinnen Dafi und Zohar entspricht genau dieser Aufteilung in eine helfende Rolle niederen Status‘, die einem ranghöheren Mann zugeordnet ist. Sie werden von den Kommandeuren und Kollegen (Frauen ausgenommen) als unnötig für die Armee gesehen, sie dienen lediglich als eine wichtige Quelle für Wärme und Komfort in ihrer spartanischen Existenz.

Die Frauen in der IDF haben auch symbolische Funktionen. Es gibt verschiedene Variationen, wie die Frauen in von Männern dominierten Einheiten wahrgenommen werden. Oft wird ihnen die Funktion zugeschrieben, ein Gefühl wie zu Hause zu schaffen. Sie bekommen die Personifikation einer Ehefrau/Mutter/Schwester, die eine ,andere‘ Atmosphäre in den Militäralltag bringt.[52] In anderen Fällen werden sie als ,Trophäen‘ für die ,tapferen‘ Kämpfer wahrgenommen. Ihre Schönheit wird zur Ware und sie werden den Männern, die es am meisten verdient haben, zugeordnet (z.B. Sondereinheitskämpfer, Offiziere hohen Grades).[53] Sie werden auf ein Objekt der sexuellen Begierde reduziert.[54]

Am Anfang des Films, während die Offiziere eine militärische Operation der Einheit besprechen, servieren Dafi und ihre Nachfolgerin Kaffee. Die zwei Soldatinnen werden beim Betreten des Raumes nicht begrüßt oder angesprochen, erhalten aber sexuell eindeutige Blicke auf ihre Gesäße in dem Moment, in dem sie sich umdrehen. Die Position der beiden Soldatinnen und ihre Reduzierung zu Objekten bildet die symbolische und sexuelle Funktion der Frauen in der IDF ab. Hier wird von den Frauen erwartet, dass sie in ihrer Eigenschaft als Familienmitglieder oder sexuelle Objekte sowohl künftiges ‚Männerpotential‘ reproduzieren als auch dazu beitragen, die Moral der Männer zu heben und bei erweiterten Anforderungen in ihrer Eigenschaft als ,Gehilfinnen der Männer‘ die Aufgaben wahrnehmen, die Männer nicht erfüllen wollen.[55]

4.2   ,Männer‘-Arbeit

Die israelische Erfahrung legt den Schluss nahe, dass die Integration von Frauen in die Streitkräfte zwar den Charakter ,weiblicher’ Unterordnung verändert, diese Unterordnung aber nicht aufhebt.[56] Nach der Gesetzesänderung verbesserte sich die Vielfalt der Arbeitsoptionen der Frauen im Militär. Außer den ,typischen und traditionellen‘ Arbeitsbereichen, die ich im letzten Kapitel bearbeitet habe, dienen seitdem Frauen in mehreren typisch ,männlichen‘ Positionen.[57] Die typisch ,männlichen‘ Arbeitsbereiche teilen sich in zwei Unterbereiche. Der erste Bereich ist der ,fakultativ-männliche‘-Bereich (,,Men-Replacable“),[58] ein Bereich, der zum Teil für Frauen bis in die 1990er verschlossen war (u.a. Kämpfer-, Waffen- und Panzerausbilder*innen, Platoon-Kommandeur*innen, Grundausbildungstrainer*innen, Luftwaffenmechaniker*innen). Ein gutes Beispiel aus Zero Motivation dafür ist Hilit – eine Kampfausbilderin, die den Soldatinnen der Administrationsabteilung beibringt, wie man eine Waffe benutzt und wie man auf die Basis aufpasst. Einerseits besetzen Soldatinnen oder Offizierinnen wie Hilit sehr wichtige und prestigeträchtige Stellen: Sie unterrichten Kampfsoldaten (und seit Ende der 1990ern -soldatinnen) im Gebrauch von Waffen, bringen ihnen bei, wie man einen Panzer fährt oder wie man eine Rakete abschießt. Gleichzeitig aber forciert die Struktur, die Kultur und die Politik des Militärs die Vorstellung von dichotomen Geschlechterdifferenzen und betont unaufhörlich, dass diese Soldatinnen Frauen sind und eigentlich nicht zur Armee gehören.[59]

Das Problem ist, dass nach der Öffnung einiger Bereiche für Frauen diese Positionen strukturelle Veränderungen durchliefen, die die pädagogische Seite der Arbeit stärkten, die Elemente der Führungs- oder Feldarbeit aber schwächten; der Status und das Prestige dieser Positionen verringerte sich dadurch.[60] Die Änderung von Arbeitsdefinitionen, wenn Frauen sie besetzen, ermöglicht der Armee, Geschlechterdifferenzen trotz der Inklusion von Frauen aufrechtzuerhalten.[61] Die Autorität einer Kampfausbilderin oder einer Kommandeurin liegt an ihrer Expertise in bestimmten Fähigkeiten oder einer Reihe von Fähigkeiten. Sie lehrt Männer, gibt ihnen Befehle, weil sie mehr Erfahrung und Wissen hat. Der Kommandeur, der Mann, ist im militärischen Ethos ein Führer, ein Objekt der Identifikation und die Verkörperung des Militärs. Außer der Ähnlichkeit des Offiziersrangs und dem Titel der beiden ist die Offizierin nach formellen Regeln und informellen Normen beschränkt, Normen und Regeln, die nicht für Männer gelten.[62]

Der zweite Bereich ist ein ,reiner Männerbereich‘. Frauen, die Funktionen in diesem Bereich ausüben, stehen oft unter dem Druck, als die ,falsche Person‘ für die Arbeit wahrgenommen zu werden. Verschiedene Positionen bzw. Arbeitsbereiche differenzieren sich dann nach dem Geschlecht in dem Ausmaß, in dem das biologische Geschlecht als nötige Qualifikation für den Erfolg der Arbeit gilt. Je höher die Arbeit ‚vergeschlechtert’ ist, desto höher der Druck, mit dem sich die Personen aus dem ,falschen‘ Geschlecht konfrontieren. Auch hier ändert sich das Ausmaß der Geschlechteranpassung an die jeweilige Tätigkeit, ‚obligatorisch-männliche‘-Funktionen können sich auch in ‚fakultativ-männlichen‘-Funktionen entwickeln.[63]

Ein weiteres Problem ist, dass die Frau in einer ‚Männer‘-Arbeit erst beweisen muss, dass sie es ‚verdient‘ hat, sich den Männer anzuschließen. In der gleichen Zeit wird von ihr erwartet, eine ‚echte Frau‘ zu bleiben und keine Bedrohung für die Männer zu sein. Die Spannung zwischen den beiden macht es Frauen fast unmöglich, eine erfolgreiche Strategie der Integration zu finden. Wenn eine Frau es schafft und die ‚Bedingungen‘ der Männer bzw. des Militärs erfüllt, wird der Bereich, in dem sie dient, letztendlich in einen ‚Frauenbereich‘ transformiert.[64]

Eine der Strategien der Frauen im Prozess der Integration ist die Identitätsstrategie. Diese hat eine wichtige Rolle in der Aufrechterhaltung von Geschlechterrollen im Militär. Orna Sasson-Levy hat die Konstruktion von alternativen Geschlechtsidentitäten der Soldatinnen in ‚männlichen‘ Rollen der IDF geforscht.[65] Nach Sasson-Levy sehen viele der Frauen in ihrer Funktion in einem ‚männlichen‘ Bereich die Möglichkeit, sich aus ihren Restriktionen der ‚Weiblichkeit‘ zu befreien. Aber damit bezahlen sie auch einen Preis. Die Ermächtigung und Autonomie, die diese Frauen fühlen, erklärt Sasson-Levy, erreichen die Frauen durch die Konstruktion von alternativen Geschlechtsidentitäten[66]. Diese emulieren männliche Modelle des Soldaten. Sasson-Levy stellt drei Methoden dieser Konstruktion dar: (1) die diskursive und körperliche Nachahmung von Männern; (2) die Distanzierung von ‚traditioneller Weiblichkeit‘; und (3) die Trivialisierung von sexueller Belästigung.[67] So reproduziert das Militär die Verbindung zwischen ‚good man‘ und ‚good soldier‘, also zwischen ‚Männlichkeit’ und Leistung, und so verschärft es die Trennung zwischen ‚Weiblichkeit’ und Leistung.[68] Auch hier ist Hilit, die Kampfausbilderin, ein gutes Beispiel. Hilit benutzt genau diese Methoden um ihre Autorität gegenüber den Soldatinnen zu festigen, indem sie sehr streng ist und einen tiefen Ton benutzt.

Auch wenn die Heroisierung des Kämpfenden heute in der israelischen Gesellschaft nicht mehr ungebrochen ist, gilt dennoch die Verknüpfung der Übernahme der militärischen Rolle und des Selbst- und Fremdbeweises der damit erlangten Männlichkeit. Insofern bieten andere Einsatzbereiche und eben jene, in denen die Präsenz der Frauen größer ist, nicht das gleiche Maß an Prestige.[69] Die Aufrechterhaltung des Bildes der Männer als Beschützer, als Verteidiger, scheint enorm wichtig für die Geschlechteridentitäten zu sein, denn die Anwesenheit von Frauen und ihre erfolgreiche Aktivität kann ernsthaft Männer demotivieren.[70] Diese paradoxe symbolische Positionierung der Soldatin als ,Frau‘ (schutzbedürftig, schwach, nicht fähig) und des Soldaten als ,Mann‘ (Kämpfer, Leader, Beschützer) zieht Folgeerscheinungen nach sich und macht die Integration von Frauen in ein männliches Militär bzw. eine männlich-militärische Organisationskultur auch in modernen Gesellschaften schwierig.[71]

4.3   Aufstiegschancen

An dieser Stelle ist es wichtig zu erläutern, dass der Erfolg der Integrationsstrategien den Frauen nicht den hegemonialen Status eines Kämpfers (Mann) garantiert. Meistens werden die militärischen Karrieren der Frauen blockiert und deren Entwicklung und Beförderung verkürzt und begrenzt.[72]

Beförderung von Frauen auf dem militärischen Karriereweg in Kampf- und Führungspositionen wird oft verhindert, weil Männer für die Positionen bevorzugt werden. Die Frauen fühlen sich infolgedessen gezwungen, den Kampfbereich zu verlassen und sich den anderen Frauen in ,traditionellen‘ Bereichen anzuschließen.[73] Frauen in ,traditionellen Frauenbereichen‘ haben es nicht leichter. Der Zugang zu den höheren militärischen Positionen ist meistens mit Kampferfahrung verbunden.[74] Eine Regel, die sich an die Überzeugung anlehnt, dass, wer nicht unter dem Stacheldrahtzaun kriecht oder kein befestigtes gefährliches Ziel stürmt, keine erfolgreiche Kommandantin werden kann, ist anachronistisch und verhindert die Beförderung von kompetenten Frauen. Mit anderen Worten: Da Kampferfahrung gemeinhin als Qualifikationsbeweis erachtet wird, sind ,weibliche‘ Angehörige des Militärs durch ihren Ausschluss aus Kampftruppen automatisch hinsichtlich ihres Status und ihrer Aufstiegsmöglichkeiten benachteiligt.[75] Diese Exklusion reproduziert die männliche Dominanz in zwei Sphären – der hierarchischen und der symbolischen – beide exkludieren Frauen von Machtpositionen. Indem Frauen aus hohen Positionen ausgeschlossen werden, monopolisieren Männer die Macht, Entscheidungen zu treffen, Entscheidungen, die Einfluss auf das Militär und die Gesellschaft haben.[76]

Im Film Zero Motivation kann man Rama, die Offizierin und Leiterin der Administrationsabteilung, als ein gutes Beispiel für die schweren Aufstiegschancen der Frauen in der IDF sehen. Rama ist eine junge Offizierin, ihr Rang ist Leutnantin. Sie sagt zu ihrem Kommandeur, einem höheren Offizier, dass sie Interesse an einer militärischen Karriere habe und dass sie sich für eine höhere Position beworben habe. Weil aber ihre Möglichkeiten als Administrationsoffizierin sehr beschränkt sind, hat sie schwere Konkurrenz (in diesem Fall haben sich drei weitere Offizierinnen von anderen Einheiten für die gleiche Stelle beworben). Obwohl sie eine Kampfausbildung absolviert hat, sind viele Beförderungsoptionen für Rama geschlossen. Wenn aber ein Mann, ein Kampfoffizier, den Wettbewerb zu einer hohen Kampfposition verliert oder sich verletzt und nicht mehr als Kampfoffizier dienen kann, kann er (alternativ) in nicht-Kampfeinheiten angenommen werden und hat sogar eine Priorität gegenüber den Offizierinnen, wie Rama, die sich für die Position beworben haben.[77] Außerdem liegt die Entscheidung, ob Rama sich überhaupt für die Position bewerben kann, bei ihrem Dienstvorgesetzten. Es ist seine persönliche Entscheidung. Am Ende des Films, nach einem Konflikt zwischen den beiden, wird ihre Bewerbung storniert und Rama verlässt (gegen ihren Willen) die Armee, weil ihr Vertrag endet.

Wie man sieht, ist die fehlende Berücksichtigung des Beitrages von Frauen in der IDF Ergebnis der Geschlechtertrennung und der Anerkennung des hohen symbolischen Werts von Kampffunktionen. Diese sind auch abhängig von der Anerkennung eines hohen militärischen Dienstgrades und das Ergebnis der Anerkennung des Reservedienstes, von dem alle Frauen exkludiert sind.[78]

  1. Fazit

Wie bereits in der Analyse erörtert, hat die Verbesserung der Aufnahme von Frauen nicht automatisch zur Gleichstellung oder zu einer Erhöhung des Machtpotenzials von Frauen im Militär geführt.[79] Durch die gegenwärtigen Veränderungen des Verhältnisses von Militär und Frauen sieht sich das Militär damit konfrontiert, „Macht, Privilegien oder andere ,Vorteile‘ mit Frauen zu teilen“.[80] Frauen stellen nun auch im Militär eine berufliche Konkurrenz dar. Die Streitkräfte reagieren mit heftigen Widerständen darauf. Die volle Tragweite des Widerstandes erschließt sich, wenn man die sozialpsychologischen sowie kulturell-politischen Auswirkungen des Einbezugs von Frauen in Betracht zieht. Wenn Frauen unter den Bedingungen der Gleichstellung der Geschlechter ins Militär integriert werden, dann geraten tradierte symbolische Anordnungen in der Geschlechtergesellschaft, den Geschlechterhierarchien und den damit verbundenen gesellschaftlichen Subjektpositionen unter Druck.[81]

Die Ergebnisse der Analyse der verschiedenen Arbeitsbereiche der IDF verdeutlichen, dass formelle und informelle institutionelle und gesellschaftliche Barrieren weiterhin die Integration von Frauen in der IDF bestimmen. Während die offizielle Stellungnahme und das angebliche Ziel der Armee eine Gleichstellung der Geschlechter ist, erschweren die inoffiziellen Praktiken und Vorschriften der Armee die Realisierung dieses Zieles. Die rigide Genderpolitik des Militärs und die Aufrechterhaltung einer chauvinistischen militärischen Ordnung und Praxis produzieren und reproduzieren eine hierarchische und essentialistische Wahrnehmung von ‚Männlichkeit’ und ‚Weiblichkeit’.[82] Obwohl verschiedene Barrieren entfernt wurden, wurden neue erzeugt. Diese Barrieren verdeutlichen, dass die Armee als Institution immer noch Geschlechterhierarchien reproduziert.

Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung im Militär basiert auf bestehenden Traditionen bezüglich der ‚richtigen‘ Arbeitsbereiche für Männer und Frauen. Es besteht eine nahezu universale ideologische Tradition des geschlechtsspezifischen Unterschiedes, die auf das Image von Männern als Kämpfer und Frauen als ‚Geschützte‘ ausgerichtet ist.[83] Obwohl die IDF und der moderne Krieg mehr und mehr auf Technologie basieren und nicht mehr körperliche Stärke benötigen, betont das Selbstbild und das öffentliche Bild der Armee die wichtige Bedeutung des männlichen Kampfsoldaten. Indem das Militär diese geschlechtsspezifischen Unterschiede fördert, reproduziert es diese Bilder bzw. Geschlechterrollen. Eine Institution, die beauftragt ist, Integration und Partnerschaft der Frauen im nationalen Kollektiv zu symbolisieren und zu fördern, trägt in Wirklichkeit zur Marginalisierung von Frauen bei. Die IDF spielt eine zentrale Rolle in der ideologischen Konstruktion des Patriarchats, der Institutionalisierung der Macht des Staates und den Definitionen von Männlichkeit und Weiblichkeit.

Es ist wichtig zu sagen, dass das Militär nicht völlig getrennt von anderen Bereichen der israelischen Gesellschaft betrachtet werden kann. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der israelischen Armee[84] ist sowohl Teil als auch Erweiterung der geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung auf dem zivilen Arbeitsmarkt. Die einzigen Tätigkeiten, die Frauen im zivilen, aber nicht im militärischen Bereich ausüben, sind jene, die mit dem Gebären und Aufziehen von Kindern verbunden sind. Dies spiegelt das grundlegende Charakteristikum der Beteiligung von Frauen am Militärdienst wider, die – im Gegensatz zu der der Männer – nur eine vorübergehende Phase in ihrem Leben vor der Heirat und Mutterschaft ist.[85] Innerhalb des Militärs werden keine Paritäten hergestellt, weder hinsichtlich der Bereiche, in denen Frauen eingesetzt werden noch im Hinblick auf das Machtpotential, das ihnen zugestanden wird. Im Gegenteil: Im Rahmen der extrem hierarchischen und bürokratischen Maschinerie moderner Streitkräfte kann, wie das israelische Beispiel zeigt, die Differenzierung zwischen den Geschlechtern sogar noch stärker und nachhaltiger institutionalisiert werden als auf dem zivilen Arbeitsmarkt.[86]

Außerdem ist es wichtig hinzuzufügen, dass an diesen Prozessen nicht ausschließlich das Militär Anteil hat. Was letztlich im Militär geschieht, wie ‚Geschlecht’ verhandelt wird und welche Geschlechterbeziehungen in diesem Bereich konstruiert werden, hat symbolische und reale Bedeutung für die Stellung von Männern und Frauen zum Staat und für ihre Position in der Gesellschaft. Welche Folgen die Integration von Frauen in die Streitkräfte hat, kann nicht unabhängig von den politischen Rahmenbedingungen gesehen werden, innerhalb derer sie stattfindet. Wie sich die Streitkräfte entwickeln und welchen Stellenwert in Zukunft Konstruktion von Männlichkeit und Weiblichkeit in ihr haben, hängt in starkem Ausmaß davon ab, welche Bedeutung genderpolitische Überlegungen in einem Land haben, wer sich am politischen Integrationsdiskurs beteiligt und welche politische Durchsetzungskraft diese haben.[87]

FU Berlin, Wintersemester 2014/15

[1] Joel Greenberg: „Israeli Woman Sues for Chance to Be a Combat Pilot.“ In: New York Times vom 11.03.1994. Hier: http://www.nytimes.com/1994/11/03/world/israeli-woman-sues-for-chance-to-be-a-combat-pilot.html (Stand: 10.02.15).

[2] Im weiteren Verlauf der Hausarbeit werde ich der Einfachheit halber für die israelische Armee die Abkürzung IDF (Israel Defence Force) verwenden.

[3] Vgl. Nova Rimalt: „Women in the sphere of masculinity: the double-edged sword of women’s integration in the military.“ In: Duke Journal of Gender Law & Policy. Vol. 14 (2). Jg. 2007. S. 1097-1119. Hier: 1104-1105

[4] Vgl. Edna Levy: „Die paradoxe Geschlechterpolitik der israelischen Armee.“ In: Ruth Seifert (Hrsg.): Gender und Militär: Internationale Erfahrungen mit Frauen und Männern in Streitkräften. Königstein/Taunus: Helmer 2003. S. 53

[5] Es sei hierbei darauf hingewiesen, dass die Nutzung der Begriffe „Frauen“ und „Männer“ keineswegs Genderbinarität reproduzieren soll; vielmehr muss der Rückgriff auf obige Bezeichnungen erfolgen, um Konnotationen und Konventionen der jeweiligen Geschlechter in ihrer sprachlichen, gesellschaftlichen und sozialen Verwurzelung (soziokulturell konstruiertes Gender) und somit binären Deutung zu analysieren. Dabei muss ich darauf verzichten, auf LGTBIQ+ zu referieren, da dies einen weiteren Diskurs in die Analyse integrieren würde, der die Arbeit wesentlich komplexer machen würde.

[6] The Military Chief of Staff’s Advisor on Women’s Issues: Trends in Women’s Service 1995-2005. Hier: http://www.aka.idf.il/SIP_STORAGE/files/8/57978.pdf. (Stand: 04.03.15). S. 7.

[7] Mehr zu feministischen Positionen und Argumentationen über die Integration von Frauen im Militär siehe: Orna Sasson-Levy: „Frauen als Grenzgängerinnen im israelischen Militär: Identitätsstrategien und -praktiken weiblicher Soldaten in ,männlichen‘ Rollen“. In: Ruth Seifert (Hrsg.): Gender und Militär: Internationale Erfahrungen mit Frauen und Männern in Streitkräften. Königstein/Taunus: Helmer 2003.

[8] Talya Lavie: Zero Motivation. DVD-Video. Israel: July-August Productions 2014. 100 Min.

[9] Nati Tuker: „Verrücktes Jahr für das israelische Kino“. In: The Marker vom 06.11.14. Hier: http://www.themarker.com/advertising/1.2477087 (Stand: 18.03.15).

[10] Vgl. Galia Golan: „Militarization and Gender: The Israeli Experience.“ In: Women’s Studies International Forum. Vol. 20. Jg. 1997. S. 581-586. Hier: 115.

[11] Cis-Geschlecht bezeichnet Menschen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem körperlichen Geschlecht übereinstimmt. Siehe dazu: Volkmar Sigusch: Geschlechtwechsel. Hamburg: Klein 1992.

[12] Vgl. Candace West, Don H. Zimmerman: „Doing Gender.“ In: Gender and Society. Vol: 1 (2). Jg. 1987. S. 125-151. Hier: S. 127.

[13] Ebd. S. 136.

[14] Ebd. S. 137.

[15] Vgl. ebd. S. 140-142.

[16] Dafna N. Izraeli: „Paradoxes of Women’s Service in the Israel Defence Force.“ In: Daniel Maman (Hrsg.): Military, State and society in Israel: Theoretical & Comparative Perspectives. New Brunswick [u.a]: Transaction Publ 2001. S. 203.

[17] Cynthia Enloe: Does Khaki Become You: The Militarization of Women’s Lives. London: Pandora Press 1988. S. 12-13.

[18] Ebd.

[19] Vgl. Orna Sasson-Levy: „Feminism and military gender practices: Israeli women soldiers in “masculine“ roles.“ S. 442.

[20] Uta Klein: Militär und Geschlecht in Israel. Frankfurt am Main: Campus Verl. 2001. S. 178.

[21] Nira Yuval-Davis: „Militär, Krieg und Geschlechterverhältnisse.“ In: Christine Eifler (Hrsg.): Soziale Konstruktion: Militär und Geschlechterverhältnis. Münster: Verl. Westfälisches Dampfboot 1999. S. 31.

[22] Susanne A. Friedel: „Feminisierte Soldatinnen: Weiblichkeit und Militär in Israel“. In: Martina/Thomas Thiele, Fabian Virchow (Hrsg.): Medien – Krieg – Geschlecht: Affirmationen und Irritationen sozialer Ordnungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. S. 115.

[23] Pierre Bourdieu: The Logic of Practice. Stanford, CA: Stanford Univ. Press 1990. S. 112.

[24] Ebd.

[25] Ebd.

[26] Vgl. Uta Klein: „Wehrpflicht von Frauen: Erfahrungen mit Militär und Geschlecht in Israel.“ In: Jens-Rainer Ahrens, Maja Apelt, Cristiane Bender (Hrsg.): Frauen im Militär: empirische Befunde und Perspektiven zur Integration von Frauen in die Streitkräfte. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005. S. 197.

[27] Im Gegensatz zu verheirateten Männern und Vätern.

[28] Auch für Männer besteht die Möglichkeit aus Gründen religiöser Überzeugung vom Militärdienst ausgenommen zu werden. Während bei Frauen jedoch bereits die Erklärung der Religiosität ausreicht, benötigen Männer den Nachweis des Studiums an einer religiösen Institution höherer Bildung.

[29] Vgl. Uta Klein: „Wehrpflicht von Frauen: Erfahrungen mit Militär und Geschlecht in Israel.“ S. 197.

[30] Vgl. Dafna N. Izraeli: „Paradoxes of Women’s Service in the Israel Defence Force.“ S. 209.

[31] Ebd.

[32] Vgl. ebd.

[33] Im Prinzip bekommen Frauen und Männer in der IDF das gleiche Gehalt für die gleiche Arbeit, die unter gleichen Bedingungen verrichtet wird. Das Geschlecht hat aber Einfluss auf den Bezug von Zusatzleistungen. Z.B. bekommen professionelle Soldat*innen, die in Kampfeinheiten dienen, einen Bonus, den sie weiterhin bekommen, wenn sie in eine nicht-Kampfeinheit gewechselt haben. Ein anderes Beispiel ist der ,Gefahren-Bonus‘ den Kämpfer*innen bekommen. Auch sponsert das Militär günstige Wohnprojekte für ehemalige oder im Dienst verletzte Kämpfer*innen. Weniger Frauen als Männer dienen in solchen Einheiten und haben somit auch weniger Chancen darauf, ähnliche Boni zu beanspruchen. Vgl. Dafna N. Izraeli: „Paradoxes of Women’s Service in the Israel Defence Force.“ S. 211 u. 234.

[34] Nira Yuval-Davis: „Militär, Krieg und Geschlechterverhältnisse.“ S. 25.

[35] Ebd. S. 27.

[36] Anstieg seit dem Fall Alice Millers. Im Jahr 1995 waren es 73%, im Jahr 2005 88%. Vgl. Knesset Research and Information Center: Sherut Nashim beTsahal- Women Service in the IDF: Report for the Comittee on the status of Women. 2013. Hier: http://www.knesset.gov.il/mmm/data/pdf/m03209.pdf. (Stand: 04.03.15). S. 5-6.

[37] Ebd. S. 3.

[38] Laut dem Bericht waren 2.8% der Kämpfer*innen Frauen. Vgl. Ebd. S. 6.

[39] Vgl. Nira Yuval-Davis: „Front und Etape. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der israelischen Armee.“ In: Christine Eifler (Hrsg.): Soziale Konstruktion: Militär und Geschlechterverhältnis. Münster: Verl. Westfälisches Dampfboot 1999. S. 267.

[40] Vgl. Ruth Seifert: „Weibliche Soldaten: die Grenzen des Geschlechts und die Grenzen der Nation.“ In: Jens-Rainer Ahrens, Maja Apelt, Christiane Bender (Hrsg.): Frauen im Militär: empirische Befunde und Perspektiven zur Integration von Frauen in die Streitkräfte. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2005. S. 232. Siehe auch Galia Golan: “Militarization and Gender: The Israeli Experience.“ S. 116.

[41] Uta Klein: Militär und Geschlecht in Israel. S. 173.

[42] Vgl. ebd. S. 174-175.

[43] Vgl. Ruth Seifert: „Weibliche Soldaten: die Grenzen des Geschlechts und die Grenzen der Nation.“ S. 237.

[44] Vgl. Hedva Almog: “The integration of Israeli Women in Today’s Israel Defence Forces“. In: Johanna Hurni (Hrsg.): Frauen in den Streitkräften. Brugg : Verl. Effingerhof 1992. S. 270.

[45] Dafna N. Izraeli: “Paradoxes of Women’s Service in the Israel Defence Force.“ S. 212.

[46] Vgl. ebd.

[47] Ruth Seifert: „Weibliche Soldaten: die Grenzen des Geschlechts und die Grenzen der Nation.“ S. 238.

[48] Uta Klein: Militär und Geschlecht in Israel. S. 156.

[49] Vgl. Nira Yuval-Davis: „Front und Etape. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der israelischen Armee.“ S. 266.

[50] Vgl. Dafna N. Izraeli: „Paradoxes of Women’s Service in the Israel Defence Force.“ S. 219.

[51] Vgl. ebd. S. 217.

[52] Vgl. ebd. S. 225. sowie Uta Klein: Militär und Geschlecht in Israel. S. 168.

[53] Vgl. Dafna N. Izraeli: „Paradoxes of Women’s Service in the Israel Defence Force.“ S. 226.

[54] Eine weitere unterordnende Praktik ist die sexuelle Belästigung bzw. Gewalt. Siehe mehr dazu in: Uta Klein: Militär und Geschlecht in Israel. S.179.

[55] Nira Yuval-Davis: „Front und Etape. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der israelischen Armee.“ S. 267.

[56] Vgl. ebd. S. 265.

[57] Vgl. Orna Sasson-Levy: „Frauen als Grenzgängerinnen im israelischen Militär: Identitätsstrategien und -praktiken weiblicher Soldaten in ,männlichen‘ Rollen“. S. 81.

[58] Dafna N. Izraeli: „Paradoxes of Women’s Service in the Israel Defence Force.“ S. 220.

[59] Orna Sasson-Levy: „Frauen als Grenzgängerinnen im israelischen Militär: Identitätsstrategien und -praktiken weiblicher Soldaten in ,männlichen‘ Rollen“. S. 81.

[60] Vgl. Dafna N. Izraeli: „Gender in the Military Service in the IDF“. In: Teoria Vebikoret. Vol. 14. Jg. 1999. S. 85-109. Hier: S. 98.

[61] Vgl. Orna Sasson-Levy: „Feminism and military gender practices: Israeli women soldiers in “masculine“ roles.“ S. 446.

[62] Vgl. Dafna N. Izraeli: „Paradoxes of Women’s Service in the Israel Defence Force.“ S. 222-223.

[63] Vgl. ebd. 221-222.

[64] Vgl. ebd. S. 224-225.

[65] Orna Sasson-Levy: „Feminism and military gender practices: Israeli women soldiers in “masculine“ roles.“ sowie Dies.: „Frauen als Grenzgängerinnen im israelischen Militär: Identitätsstrategien und -praktiken weiblicher Soldaten in ,männlichen‘ Rollen“.

[66] Vgl. ebd. zu Identitätsstrategien und -praktiken von Soldatinnen in ,männlichen‘ Rollen.

[67] Orna Sasson-Levy: „Feminism and military gender practices: Israeli women soldiers in “masculine“ roles“. S. 447.

[68] Dafna N. Izraeli: „Paradoxes of Women’s Service in the Israel Defence Force.“ S. 227.

[69] Uta Klein: Militär und Geschlecht in Israel. S. 176-177.

[70] Judith H. Stiehm: „The Protected, the Protected, the Defender.“ In: Women’s Studies International Forum. Vol. 5 (3-4). Jg. 1982. S. 367-376. Hier: S. 288.

[71] Vgl. Ruth Seifert: „Weibliche Soldaten: die Grenzen des Geschlechts und die Grenzen der Nation.“ S. 234.

[72] Zudem wird ihre positive militärische Erfahrung nicht in ihr ziviles Leben übertragen. Vgl. Orna Sasson-Levy: „Feminism and military gender practices: Israeli women soldiers in “masculine“ roles.“ S. 459.

[73] Vgl. Dafna N. Izraeli: „Paradoxes of Women’s Service in the Israel Defence Force.“ S. 224.

[74] Dies gilt sowohl für den militärischen Diskurs in der Gesellschaft allgemein wie für hohe Positionen in der Politik. Vgl. Uta Klein: Militär und Geschlecht in Israel. S. 166.

[75] Vgl. ebd. S. 177.

[76] Vgl. Dafna N. Izraeli: „Paradoxes of Women’s Service in the Israel Defence Force.“ S. 224.

[77] Ebd. S. 217.

[78] Vgl. ebd. S. 204.

[79] Vgl. Nira Yuval-Davis: „Front und Etape. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der israelischen Armee.“ S. 265.

[80] Christine Cnossen: „Frauen in Kampftruppen: Ein Beispiel für ,Tokenisierung‘“. In: Christine Eifler (Hrsg.): Soziale Konstruktion: Militär und Geschlechterverhältnis. Münster: Verl. Westfälisches Damfboot 1999. S. 234.

[81] Christine Eifler: „Militär und Geschlechterverhältnis zu Beginn des 21. Jahrhunderts“. In: Martina/Thomas Thiele, Fabian Virchow (Hrsg.): Medien – Krieg – Geschlecht: Affirmationen und Irritationen sozialer Ordnungen. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2010. S. 51-52.

[82] Cynthia Enloe: Does Khaki Become You: The Militarization of Women’s Lives. S. 9-13.

[83] Vgl. Nira Yuval-Davis: „Front und Etape. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der israelischen Armee.“ S. 267.

[84] Der Geschlechtsunterschied ist bei der Zuweisung von Positionen auf dem zivilen und militärischen Arbeitsmarkt keineswegs der einzige relevante Faktor. Die soziale und ethnische Herkunft sowie religiöse Überzeugungen spielen bei der Erklärung der Arbeitsteilung innerhalb (und außerhalb) des Militärs eine große Rolle. Vgl. Nira Yuval-Davis: „Front und Etappe. Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung in der israelischen Armee.“ S. 277.

[85] Vgl. ebd. S. 276.

[86] Ebd. S. 265.

[87] Vgl. Ruth Seifert: „Weibliche Soldaten: die Grenzen des Geschlechts und die Grenzen der Nation.“ S. 240.

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