Rezensionen

barad verschränkungen Realismus, Konstruktivismus, Feminismus?

Wie kann die dichotomische Gegenüberstellung von Natur und Kultur überwunden werden? Welche Art von Handlungsmacht kommt materiellen Dingen zu? Was bedeutet ein solches Überdenken scheinbar feststehender Gegebenheiten für wissenschaftliche Praktiken mit politischer Agenda? Diese Fragen stehen seit einiger Zeit im Zentrum vieler theoretischer Überlegungen in den Geistes- und Kulturwissenschaften. Innerhalb dieser Diskussionen um naturecultures, flache Ontologien und Posthumanismus bietet Karen Barad eine besondere Perspektive an, die Einsichten aus Naturwissenschaften und Philosophie verbindet und so versucht das Verhältnis von materiellen und sozialen Phänomenen neu zu bestimmen. Der Verschränkungen betitelte Band im Merve Verlag versammelt drei bisher nur auf Englisch vorliegende Texte der Autorin und wird ergänzt durch ein Gespräch zwischen ihr und Jennifer Sophia Theodor, die die Texte sehr bedacht und sorgfältig ins Deutsche übersetzt hat. Vorab sind zwei Aspekte dieser Veröffentlichung hervorzuheben: Zum einen werden durch sie die Texte und Perspektiven von Karen Barad für die deutschsprachige Diskussion zugänglich. Abgesehen von einem Aufsatz von 2003, der bei Suhrkamp als kurze Monographie veröffentlicht wurde (Agentieller Realismus), war das schon länger ein Desiderat. Der zweite Aspekt bezieht sich auf die Geschichte des Merve-Verlags: Mit Verschränkungen (und mittlerweile auch einigen weiteren Veröffentlichungen) kommen wieder feministische Positionen ins Verlagsprogramm. Während die Verlagsmitgründerin Merve Lowien in einem der ersten Bände nach den Möglichkeiten Weibliche[r] Produktivkraft fragte und der Verlag in den 70er und 80er Jahren wichtige französischsprachige Theoretikerinnen übersetzte, verschwanden feministischen Texte in den folgenden Jahrzehnten zunehmend aus dem Programm.

Wenn der Verlag so wieder an eine feministische Veröffentlichungstradition anknüpft, handelt es sich allerdings nicht um eine Wiederholung der Thesen der 70er und 80er. Denn auch wenn Karen Barads Band tatsächlich in einem sehr ähnlichen Grün gehalten ist, wie einst Das Geschlecht das nicht eins ist von Luce Irigaray (Wiederauflage bitte!), und beide Teil der Debatten um Poststrukturalismus und Dekonstruktion sind, fallen die Unterschiede sofort ins Auge: Irigaray vertritt aus psychoanalytischer Perspektive die These, dass die Möglichkeit weiblicher Subjektivität durch die „Macht des Diskurses“ radikal ausgeschlossen wird und problematisiert ebenso die essentialistische Vorstellung von Geschlecht, wie sie geschlechtliche Differenz und geschlechterpolitische Ungleichheit zum Zentrum ihrer Analyse macht. Barad, die über Quantenphysik promoviert hat, verfolgt dagegen eine Perspektive, die in der Tradition der feministischen Science and Technology Studies steht: Ähnlich wie Donna Haraway oder Elizabeth Grosz versucht Barad, naturwissenschaftliche Phänomene weder als vermeintlich natürliche hard facts noch als ‚bloße‘ sozio-kulturelle Konstruktionen zu verstehen.

Der Aufsatz „Dem Universum auf halben Weg begegnen: Realismus und Sozialkonstruktivismus ohne Widerspruch“ entfaltet dieses Programm einer Neubestimmung des Verhältnis von Ontologie und Epistemologie, Materie und Diskurs, respektive Natur und Kultur. Barad grenzt sich zunächst auf doppelte Weise ab. Einerseits kritisiert sie sozialkonstruktivistische Positionen, die die Möglichkeit eines empirischen Zugangs zu materiellen Phänomenen kategorisch ablehnen. Gegen einen solchen zeichenbasierten Kulturalismus oder Textualismus bringt sie ihr Konzept des ‚agentiellen Realismus‘ in Stellung: Dieser Begriff stellt ein ‚realistisches‘ Ernstnehmen materieller Phänomene heraus und erweitert gleichzeitig den Begriff der Handlungsfähigkeit (agency). Damit wendet sie sich, auf der anderen Seite, gegen die naiv-realistische Vorstellung der Korrespondenz zwischen Worten und Dingen, die von einer passiven Materie ausgeht und agency exklusiv menschlichen Akteuren vorbehält. Im Anschluss an die feministische und poststrukturalistische Kritik an den Naturwissenschaften weist sie darauf hin, dass nicht nur Diskurse und menschliche Körper, sondern materielle Konfigurationen per se von vielfältigen Machtdimensionen durchzogen sind.

Bei dieser Engführung von erkenntnistheoretischer Kritik und dem Beharren auf der Materialität des Sozialen greift Barad auf die Quantentheorie von Nils Bohr zurück. Insbesondere die titelgebenden Quanten-Verschränkungen und Bohrs Überlegungen zum physikalischen Untersuchungsapparat selbst stehen im Zentrum von Barads Lesweise der Quantentheorie. Im durchaus freien Anschluss an Bohr geht sie davon aus, dass es keine Wesensdifferenz zwischen untersuchtem Objekt und untersuchendem Subjekt gibt, sondern dass beide als performative Produkte eines Phänomens gefasst werden müssen. Diese ‚Performativität der Natur‘ entwickelt sie ausgehend vom physikalischen ‚Apparat‘, in dem die Messung immer vom Messen selbst und von den involvierten Personen beeinflusst wird – und als materiell-diskursive Praxis gleichzeitig die einzelnen Elemente der Versuchsanordnung erst konstituiert. Indem Barad die Verschränkung von Materie und (wissenschaftlichem) Diskurs als fortwährenden Differenzierungsprozess konzeptualisiert, verortet sie ontologische Fragen (‚Was ist?‘) und epistemologische Fragen (‚Was können wir wissen?‘) auf einer Ebene. Ohne explizit vergeschlechtlichte menschliche Körper in den Blick zu nehmen, versucht Barad – und hier trifft sie sich in gewisser Weise tatsächlich mit Irigaray – Differenz anti-essentialistisch zu denken. Die ‚Intra-aktion‘, die Barad von der Vorstellung einer ‚Inter-aktion‘ zwischen vorgängigen Identitäten unterscheidet und als zentrale Gedankenfigur etabliert, bildet sie in ihrer Schreibweise ästhetisch ab: Als sci-fi Theaterstück angelegt, bringt der Essay „Dis/Kontinuitäten, RaumZeit-Einfaltungen und kommende Gerechtigkeit“ seinen Gegenstand auf experimentelle Weise gewissermaßen ‚auf die Bühne‘. Auch die Begriffe und neuen Schreibweisen wie ‚Intra-aktion‘, ‚Dis/Kontinuität‘ oder ‚matter-realism‘ vollziehen Barads innovative Perspektive auf performative Weise.

Obwohl ihre Theorie den Bedarf an diesem neuen Vokabular rechtfertigt, kommt an manchen Stellen dennoch das Gefühl auf, dass sich manche Abschnitte wiederholen oder schon einmal gelesen wurden: Die Gefahr des selbstbezüglichen Jargon kann nicht immer gebannt werden. Dass zentrale Beispiele wiederkehren, ist bei einer Sammlung mehrerer ursprünglich einzeln veröffentlichter Texte allerdings nicht verwunderlich. Wenn Barad zweimal das ‚Quantenradiererexperiment‘ vorstellt, ist das sogar durchaus verständlich. Das Experiment ist sehr verblüffend und kompliziert – und trägt maßgeblich dazu bei, Barads Gedankengang zu erhellen. Offen bleibt dagegen die Frage nach feministischen Politiken. Barad weist zwar wiederholt auf die politischen Implikationen der agency auf Quantenebene hin. Wie genau diese allerdings vorstellbar ist, und auf welche Weise damit vergeschlechtlichende Herrschaftsstrukturen stabilisiert oder reproduziert werden, wird dagegen nicht ganz klar. Barad bringt in „Die queere Performativität der Natur“ die Paradoxien der Kultur-Natur-Dichotomie mit der Marginalisierung queerer Sexualität luzide in Verbindung und akzentuiert damit die Kritik an dieser binären Gegenüberstellung neu. Es ist schade, dass diese queerfemisitische Perspektive an anderen Stellen nicht ebenso konkret ausgearbeitet wird.

Barad weiß um die Schwierigkeiten ihrer theoretischen Perspektive und beugt Missverständnissen vor: Sie möchte Quantenphysik nicht als neue Stichwortgeberin im postmodernen Begriffskarussell verstanden wissen. Die Frage nach der politischen agency der Materie und wer darüber bestimmen kann, bleibt am Ende offen. Barads komplexer und voraussetzungsvoller Ansatz eröffnet allerdings eine neue Perspektive, aus der diese Frage zuallererst gestellt werden können. Damit entwickelt sie einen Ansatz, der über die festgefahrene Gegenüberstellung von Konstruktivismus und Materialismus hinausgeht und einen überaus innovativen und hoffentlich sehr produktiven Impuls für kommende natur/kulturwissenschaftliche Untersuchungen darstellt. (Matthias Lüthjohann)

 

Karen Barad: Verschränkungen. Aus dem Englischen von Jennifer Sophia Theodor. Berlin: Merve 2015. 21,00€

 

 

Eine neue Theoriewelt.edition_poeticon-fixed.jpg

Rezensionen zu den Bänden eins, drei, vier, neun, zehn und elf der von Asmus Trautsch herausgegebenen Reihe „Edition Poeticon“, erschienen im Verlagshaus Berlin 2013-heute.

Von der Reihe „Edition Poeticon“ des Verlagshauses Berlin lagen uns für dieses Heft gleich sechs Exemplare vor, die in nahezu jeglicher Hinsicht Zwischenräume füllen. Das fängt bei der bloßen Haptik an, mit der sich die knapp fünfzig Seiten langen Bändchen präsentieren: Ein großer, vom knappen DA6-Format gebrochener Titel schaut auf den Autorennamen herab, alles auf hip-schlichter, fester und etwas wasseranfälliger Pappe gedruckt; das Papier ist außergewöhnlich schwer, der Satz kompakt, elegant und gut lesbar. Die Fadenbindung, die nur aus einem Faden besteht (nettes Gimmick: die Farbe des Fadens ist von Band zu Band eine andere), sieht zwar toll aus, erscheint aber nicht sonderlich haltbar – der Gegenstand sieht wertig und billig zugleich aus.

Das Publizieren in Zwischenräumen endet bei der inhaltlichen Linie, die sich zwischen Poesie und Theorie im Umgang mit einem poetologisch relevanten Stichwort entfaltet. Dem grundsätzlichen Einwand, dass die Gedichte der reflektierenden PoetInnen keine Erklärungen benötigen sollten, wird unabhängig von der Qualität der einzelnen Texte aus dem Weg gegangen: Die Poetologien sind in dem Maße lyrisch, wie Gedichte immer auch poetologisch sind. Es gibt keinen Grund, warum LyrikerInnen nicht die Wirksamkeit und Integrität ihrer Produkte hinterfragen sollten; es gibt keinen Grund, warum die LyrikerInnen sich nicht kollektivieren sollten und diese Verbindung in Form einer Serie deutlich machen sollten.

Nach ausgiebigem Hosentaschentragen steht fest: Die Fadenbindung hält – wie auch der poetologisch-lyrische Anspruch. Die Verortung zwischen Wissenschaft und Poesie lässt sich dem Klappentext entnehmen, der die Reihe ein „Forum für poetologische Reflexionen“, die Texte „Essays“ nennt; für alle Bände am charakteristischsten ist aber sicherlich der fettgedruckte, manifestartige Slogan auf dem unteren Seitenende des Klappentextes: „Poetisiert euch!“ In den Reflexionen kreuzen sich literarischer Aktivismus und Theorie, in Ununterscheidbarkeit mündend. Es funktioniert oft, aber nicht immer, wenn wie hier die KünstlerInnen und PoetInnen beginnen, zu theoretisieren beziehungsweise die Poetisierung der Theorie suchen.

Wir stellen drei der neuesten (2015) und der ältesten (2013) Bände der von Asmus Trautsch herausgegebenen Reihe vor:

 

#11 – GeldKatharina Schultens Geld

Geld ist Katharina Schultens Abrechnung mit privaten Ressourcen, ur-privaten, eigenen, persönlichen Ressourcen. Schultens reiht sich in eine väterlicherseits durchwegs geschäftstüchtige Familie ein und reflektiert ihren Umgang mit ihren Ressourcen: Woraus schöpft ihre Gedichtproduktion? Ausgehend von den jenseits dieses Essays festgestellten Parallelen zwischen „Lieben und Handel/n“ (S. 8) analysiert Schultens die Übereinstimmungen zwischen Geld und Gedichten. Geld wird zum Subjekt und Objekt des Handels / der Handlungen. Geld handelt (man), Geld wird zum abstrakten Budget, das im Fluss ist. Steht es, hat man es in der Hand, sind die Ressourcen aufgebraucht und bereits weg. Diese „Prozesslogik“ (S. 11) als Vorgang befindet sich im Vordergrund der Faszination Schultens“. Geld wird als Fetischobjekt, als Mittel der Opferlogik hergeleitet, der zufolge man opfert, um etwas zu erbeten bzw. abzuwenden – Geld ist hier Mittel zum Zweck, zum Ausdruck eines Entwicklungsprozesses in Richtung des Erwünschten. Geldflüsse machen Gegenleistungen notwendig.

Kann man hieraus eine Parallele ableiten zum Gedicht als „tatsächliche[r] Gabe“ (S. 13)? Gedichte ermöglichen und schaffen Zwischenräume, Öffnungen für Lesende. In Schultens Kreditlogik würden Lesende automatisch zu SchuldnerInnen: Indem sie ein Gedicht lesen, es also bekommen, schulden sie Verständnis, gar Interpretationen – doch ohne die Gläubiger (Gedichte? AutorIn?) zu kennen. Aus Schultens auktorialer Blickwinkel eröffnet sich eine andere Möglichkeit: jene des freiwilligen Gebens. Sie findet die Bestätigung der Parallele zwischen Lieben und Schreiben im Risiko, im Kontrollverlust, im Ab-Geben (S. 17).

Dieser Prozess ist ein ökonomischer, man kann von Material, Produktionskosten sprechen, selbst wenn kein Markt entsteht oder einen solchen erzeugender Staat; das Gedicht wird zum Produkt. Nicht zwangsweise zur Ware. So schafft es Schultens, mit marktwirtschaftlichem Wortschatz das Entstehen und Werden eines Gedichtes zu fassen, in seiner Prozesslogik, seinem Dasein als Bilanz, die das Material formt und somit alles Weitere prägt – das Lesen.

Zuletzt rundet Schultens alle Vergleiche und Parallelisierungen ab und lässt die Blase platzen. Das Gedicht sei eine Gabe, ein „acte gratuit“, der durch seine Prozesshaftigkeit, seine Unfixierbarkeit und seine Möglichkeiten jenseits einer erbetenden oder ablehnenden Verwertungslogik ähnlich jener des Geldes stünde. Geld verwendet man, Gedichte darf man hingegen nicht ver-werten, nur in ihrer Öffnung und mit ihren Möglichkeiten bleiben sie lebendig – jenseits des Zweck-Nutzen-orientierten Marktes. Sie geben Zeit, sie sind nicht brauchbar, sondern funktionieren für sich.

Schultens Essay ist gut, flüssig und leicht nachvollziehbar. Die theoretischen Konzepte sind schlüssig und die Vergleiche nachvollziehbar. Schultens lügt nicht, doch sie trickst: mit Geld, Ressourcen, Gaben und Material, das sie nicht hat, aber haben könnte – sie spekuliert und erwirtschaftet sich somit das verdiente Vertrauen der Leser. (Claire Schmartz)

 

Katharina Schultens: Geld. Eine Abrechnung mit privaten Ressourcen. Hrsg. v. Asmus Trautsch. Verlagshaus Berlin 2015 (= Edition Poeticon 11). 7,90€

 

#10 – WirMonika Rinck Wir.jpg

Monika Rinck stellt fest, dass verschiedene LeserInnen das Personalpronomen „ich“ als natürlicher empfinden als die 3. Person Singular, während andere diese wiederum als Befreiung von gescheiterter Mimesis verstünden. Rinck hinterfragt aufgrund dieser Erkenntnis ihr schreibendes „ich“ als Autorin, sowie den Stellenwert des geschriebenen „ich“ – ist dieses unpersönlich geworden? Kann es noch Verbindlichkeit beanspruchen? Denn bereits das Vorlesen erschaffe Distanz: „[S]eine banalste Identität [wird] ihm von niemand[em] mehr garantiert […]; man hört unten nur ein abgelesenes Ich und empfängt es schon nicht mehr“ (S. 9).

„Ich“ entstehe nach Benveniste im Sprechen nur im diskursiven Wechselspiel mit dem „du“: Beide Gesprächsteilhaber können jeweils die Rolle des anderen einnehmen und mittels deiktischer Indikatoren auf die Sprechsituation verweisen. Rinck fügt hinzu, dass bereits das Ansprechen des „du“ der Verantwortung des „ich“ obliegt, das den Laut veräußert, der das „du“ aufbringt. Die dritte Person hingegen würde zu einer „Nicht-Person“ (Benveniste), die außerhalb der Gegenwärtigkeit der Sprechsituation stünde. Deswegen sei sie auch die einzige, die zu einem wirklichen Plural fähig sei: „Sie“ könnten anhand spezifischer Merkmale als Kollektiv bezeichnet werden. Doch bereits diese externe Bezeichnung der „Nicht-Person“ reduziert seine Subjektivität: Personalpronomen akzentuieren die Frage nach der Repräsentation des Selbst und der Anderen, der symbolischen Stabilisation der eigenen Identität.

„Wir“ hingegen sei, genau wie „ihr“, eine Erweiterung der höchst subjektiven Sprecher und habe die Tendenz, als Pathosformel eines geltungssüchtigen, überbreiten „ich“ zu fungieren (S. 23). Diese im Vordergrund stehende Subjektivität verunmöglicht jedoch eine objektive Pluralisierung.

Die Problematisierung der Subjektbegriffe, der „legitime[] Wunsch nach mehr repräsentativer Gerechtigkeit“ (S. 17) ist nicht nur ein Phänomen, das marginalisierte Individuen betrifft, sondern eine der Sprache inhärente Problematik. Nicht immer ist es eine Frage der freien Wahl, zwischen bewusster Identifikation oder Ausschluss des Bewusstseins, „dass eine freie Wahl zwischen Wählen und Nichtwählen besteht“ (S. 18), also bewusster Identifikation oder Ausschluss. Rinck verweist knapp auf eine mögliche Weiterführung der Pronominalisierungsproblematik: den Zusammenhang von Macht, Gewalt und Sprache, wie er in der Literaturwissenschaft oder in feministischen Theorien behandelt wird; sie führt dies allerdings nicht weiter aus.

„Wir“ wirkt aus der Sicht der „Nicht-Person“, die selbstverständlich auch ein „ich“ ist (und durch seine Appellation in die Sprechsituation eingebunden werden kann), oftmals als parasitäre Vereinnahmung, welche es als Teil einer additiven, unpersönlichen und rein quantitativen Identifikation betrachtet. Mit dieser Feststellung aktualisiert Rinck ihren Analysegegenstand: „Wir“ bringe Fragen nach Grenzen, Inklusion und Exklusion, Individuum und Masse, Konsens oder Ablehnung auf und werde zur „ideologische[n] Arena“ (S. 35) im Marketing der Identitätspolitik.

 

Rinck sieht die Hauptmöglichkeit, mit der Politik der Pronomen zu experimentieren, im Gedicht, „dem Sprachlabor par excellence“ (S. 26). Das Gedicht, das alle Charakteristika der Narration abgelegt hat, stelle die Personalpronomen als „gigantische[] Behälter“ (S. 9) bloß und ermögliche dem Leser eine Distanzierung von der oftmals extern vorgenommenen, vereinnahmenden Pronominalisierung; das Hinterfragen der Bezeichnung und die Nicht-/Wahl der Identifikation. Im Gedicht wird „ich“ vom spezifischen Namen oder Nomen gelöst und im Sprechen neu konstituiert. Rinck empfiehlt, „Gedichte zu lesen, um sich einzuüben in die Auslockerung der Pronomen – denn wir, das könnten jederzeit auch die anderen sein“ (S. 40).

Die Parallelisierung mit zeitgenössischen Phänomenen erfolgt sprunghaft, genauso wie „wir“ erst spät im Text auftaucht. Die Ermittlung des „ich“ nimmt den Großteil der von Erfahrungen und Spekulationen geprägten Seiten ein – was zweifellos interessant ist, aber keine rechte Grundlage für eine Verbindung zu dem allgemeinen politischen „wir“ bietet, wie es dem Leser schlussendlich vorgestellt wird. Verwirrend erscheint der Titel, der den Leser genau das nicht erwarten lässt, vor dem das einleitende Zitat Adornos warnt: „Wir sagen und ich meinen ist eine von den ausgesuchtesten Kränkungen“. Der Titel ist ein Gag, das „wir“ ist für Rinck zumeist die Ausweitung der raumzeitlichen Sprechsituation des höchst subjektiven „ich“: ein Vorwand oder Stilmittel. Die Wahl eines Pronomens durch das sprechende „ich“ ist ein Akt der bevormundenden Verantwortung, wie auch das Benennen oder Nutzen von Personalpronomen.

Es ist eher das „ich“, das sein Sprechen überdenken solle, und damit experimentieren – laut Rinck im Schreiben von Gedichten. Denn nur in der Dichtung kann die Worthülle bloßer „Behälter“ (S.9) sein. In diesem Spiel- und Experimentierfeld der Sprache und ihrer Grenzen finde sich der Ausgang aus normativen Pronomen. Doch auch wenn „wir“ ein gewaltvolles Pronomen ist, existiert es; Rinck will seine Grenzen überschreiten und/oder verschwinden lassen. Doch kann diese Erkenntnis rein aus Gedichten gewonnen werden? Wird sie den Leser seinen (politischen) Alltag umdenken lassen? Kann „wir“ für den Angesprochenen noch eine Wahl sein?

Das Buch Wir ist problematisch. Einerseits, weil die Grenzen zwischen Sprechen und Schreiben nicht betont werden – dabei gibt es einen klaren Unterschied zwischen raumzeitlich gebundener Sprechsituation und losgelöster Lektüre. Vermutlich entspringt diese Unklarheit Rincks Schreiben aus ihrer Sicht als Autorin. Dennoch werden hierdurch verschiedene theoretische Rückgriffe durch die Entlehnung unklar. Andererseits, weil Rinck nicht immer klare Worte findet, um Unklarheiten zu beschreiben. Zwischentitel oder Hauptthemen, die den Textfluss gliedern würden, fehlen, und machen aus Wir eine subjektive und assoziative Beschreibung der eigenen Reflektion des Umganges mit Personalpronomen, der politische Verweise als Illustration heranzieht – die erwartete Programmatik der Analyse oder Darstellung von „Phänomenen im Plural“ wird dabei nicht eingehalten. (Claire Schmartz)

 

Monika Rinck: Wir. Phänomene im Plural.  Hrsg. v. Asmus Trautsch. Verlagshaus Berlin 2015 (= Edition Poeticon 10). 7,90€

 

#9 – Anthropozän. Daniel Falb Anthropozän

Daniel Falb lebt in Berlin, wo er auch Physik, Politische Wissenschaften und Philosophie studierte. 2003 erschien sein erster Gedichtband die räumung dieser parks, davor veröffentlichte er in Anthologien und Zeitschriften und war Stipendiat verschiedener Literaturförderungen. Neben der Dichtung arbeitet Falb zu Themen der Geophilosophie. Beim 16. poesiefestival in Berlin kuratierte und moderierte er einen Abend mit Axel Goodbody, Christoph Rosol und Daniela Seel zum Thema „Anthropozän“. In Anthropozän. Dichtung in der Gegenwartsgeologie stellt Falb die Frage „nach möglichen poetologischen Konsequenzen eines Kontakts zeitgenössischer Dichtung mit dem Diskurs und der Realität des Anthropozäns“ (S. 8f).

2016 wird beschlossen, ob die Erde in ein neues Zeitalter eingetreten ist: Das seit 12 000 Jahren bestehende Holozän (beginnend mit der Erwärmung des Klimas im Quartär) sei vom Anthropozän abgelöst worden. Das Anthropozän impliziert, dass der Mensch als globale geologische Kraft eine anthropogene Sedimentschicht erschaffen habe. In Folge der artifiziellen und menschlich verursachten Beschleunigung der Produktionsvorgänge, angesichts der Folgen der Industrialisierung und dem exponentiellen Wachstum der menschlichen Erdbevölkerung, Klimawandel, Agrikultur, Urbanisierung, dem sechsten Massenaussterben von Arten – das letzte wurde vor 66 Millionen Jahren durch einen Meteoriteneinschlag verursacht und führte zum Aussterben der Dinosaurier – habe sich die terrestrische Biosphäre innerhalb der letzten zwei Jahrhunderte radikal verändert. Dies habe unwiderrufliche Spuren hinterlassen, sei es durch Verschiebungen von Biomasse, durch artifizielle Produktionsbedingungen und -dimensionen, aber auch erhöhte Kohlenstoffwerte, radioaktives Material, chemische Abfälle etc. Es handelt sich nicht mehr „nur“ um ökologische, sondern geologische Konsequenzen des menschlichen Lebensstils.

Aus diesen Gegenwartsdiagnosen nährt sich die Dichtung des Anthropozäns, Science-Fiction, die die Vorgehensweise der historischen Geologie imitiert. Im Duktus des Rückblickens auf Vergangenes wird dessen tatsächlicher Ablauf rekonstruiert. Der Widerspruch findet sich darin, dass das Anthropozän ein gegenwärtiges Phänomen ist, und eine fiktive Antizipation externer Instanzen notwendig wird: Das Stratum muss beobachtet werden, damit seine „message“ erst zu einer solchen wird, und das in einer Zukunft, die auf uns zurückblickt. Falb deutet hierbei auf den Widerspruch hin, der „unser[em] absolute[n] Eingeschlossensein in terrestrische Gegenwart“ (S. 8) entspringt, dass nämlich diese Fiktion im Anthropozän entsteht und nur in ihm möglich sei. Dabei beinhaltet dies zugleich den besonderen, performativen Charakter dieses Zeitalters: Das Anthropozän ist kein wissenschaftliches Objekt, da noch kein abgeschlossenes Ensemble, sondern ein stattfindender Vorgang: Das ökologische Geschehen wird von Institutionen, Verbänden, Lobbyisten, Umweltgruppen geplant und bestimmt – was auch Bezeichnungen wie „Misanthropozän“ (Spahr und Clover) oder „Kapitalozän“ (Haraway) hervorbrachte.

Falb entwickelt aus diesem Ausgangspunkt einen theoretischen Komplex, eine Theorie der Dichtung im Anthropozän. Diese erklärt die Schwierigkeiten und Probleme, aber auch allgemeine Richtlinien, poetologische Parameter und bietet Kriterien für die Ausführung dieser neuen Strömung, aber auch Klassifikationskriterien für den vorgeschlagenen Korpus. Seit Beginn der 50er Jahre entstanden Falbs Einordnung zufolge Gedichte, die, auch wenn der Anthropozän-Diskurs mitsamt seiner Begrifflichkeiten erst im Laufe der 2000er Jahre entstanden ist, das Bewusstseins der Veränderungen aufzeigen. Dabei wird erst zur richtigen Anthropozändichtung, was die „globale“ Auswirkungen des Anthropozäns erfasst; ausgeschlossen wird z.B. der Expressionismus, der sich einzelnen Symptomen der Veränderungen widmete oder die folkloristisch-fantastische Öko-Lyrik der späten 60er. Ein wichtiger Angelpunkt für Falbs Thesen ist hierbei der Whole Earth Catalog: Access to Tools, der 1968 von Stewart Brand herausgegeben wurde und eine Vermengung von Mikro- und Makrokosmos durchführt, das menschliche Funktionieren mit der Weltordnung verschneidet und dem die Idee vom (später auch kapitänlosen) „Raumschiff Erde“ entspringt, welches sich mit nichts als den ihm inhärenten Ressourcen selbst erhalten muss. Anthropozändichtung hat eine Vorliebe für quantitative Motive, exponentielle Graphiken, Vermessungen und Zählungen. Es sei das Inkorporelle, das im Fokus steht, anhand dessen im Rückschluss Detailaufnahmen möglich werden, die den Zerrbildcharakter des sonst unhinterfragten Ganzen aufzeigen. Doch mit dieser Unsichtbarkeit geht die Abwesenheit der bekannten Ästhetiken einher – es ist keine Metasprache, keine Arbeit an der Sprache, die nunmehr im Vordergrund steht, sondern „Modelle und Portfolios hilfreicher Informationen“ (S. 18), also „Access to Tools“, die universelle Vermischung aller die Erde betreffenden Wissenschaften.

Gelegentlich sind Falbs Thesen fast Richtlinien für die zu kommende Dichtung des Anthropozäns, der Essay wirkt wie ein Manifest, das sich als Analyse tarnen will. In Boxen werden sechs Hauptpunkte der Poetologie im Anthropozän elaboriert, die Theorie wird logisch aufgebaut, die Ausschlusskriterien klar benannt und untermalt. Dennoch schreibt Falb auf eine sehr subjektive und entschieden bewertende Art, was er auch z.T. explizit kennzeichnet. Er schreibt seine eigene Theorie über die Dichtung im Anthropozän, ein Versuch des Aufzeigens des Gesamtkontextes des (so zumindest das Ziel) Gesamtkunstwerks Anthropozän, welches Verknüpfungen zwischen Wissensbereichen nicht nur erlaubt, sondern notwendig macht und von ihnen lebt. Der Text wimmelt von Querverweisen, Metaphern, Sprüngen, Einbindungen, Anmerkungen, was seine Komplexität mit jener der Anthropozändichtung parallelisiert. Auch der thesenhafte Charakter des Werkes unterstützt seine Brisanz, fordert Weiterentwicklungen und zugleich Widersprüche, Ergänzungen. Der vorgeschlagene Textkorpus erweist sich als äußerst interessant, da er auf ein zeitgenössisches und noch nicht institutionalisiertes Phänomen verweist, verschiedene Medien verbindet und auch Quellen aus dem Internet heranzieht. Insgesamt ist es ein Essay einer ihrer Gegenwärtigkeit bewussten Strömung, die nicht nur konstatieren oder kommentieren will, welcher in seiner geballten Kürze ein brisantes Thema, ausgewählte Textgrundlagen und eine starke Ausführung richtungsweisender (?) Thesen aufweist. (Claire Schmartz)

 

Daniel Falb: Anthropozän. Dichtung in der Gegenwartsgeologie. Hrsg. v. Asmus Trautsch. Verlagshaus Berlin 2015 (= Edition Poeticon 9). 7,90€

 

#4 – Traditiontobias Roth Tradition.jpg

Wenn man als LyrikerIn von Tradition spricht, fällt man in ein Loch. Das lyrische Wort kann nur als solches erkannt werden, wenn es in eine Traditionslinie gestellt wird. Leuchtet man lyrisch die Tradition aus, steigt man das Loch hinab; vertieft es auch. Ein Projekt, dem sich Tobias Roth in Tradition. Gänge um das Füllhorn gewidmet hat. Die paradoxe Ausgangslage ist Start- und Endpunkt gleichermaßen, auf der ersten Seite wird Kohelets „viel Bücher machens ist kein ende“ zitiert und weitergedacht: „Es häuft sich und häuft sich, und jede Lektüre treibt neue Stollen hinein“ (S. 7). Parallel läuft das Versprechen, dass die Paradoxie nur eine scheinbare ist; in Wahrheit heißt es dann auf der vorletzten Seite: „nie war der Kanon weicher, die Tradition schöner“, um es im direkten Anschluss aufzuheben: „Das war schon immer so, der Vektor der Entfaltung läuft weiter, die Herrlichkeiten stapeln sich.“ (S. 44)

Der Widerspruch durchläuft eine Transformation vom Abstraktum zur Handlung. Unterwegs werden Seitenhiebe auf das Nachahmen und die Beliebigkeit im Verweisen ausgeteilt, und ein eigener, unmöglicher Kanon vom Alten Testament (Kohelet) bis zu Robert Fitzgerald Diggs (= RZA, Kopf des Wu-Tang-Clans) ausgebreitet, in dem immer wieder eine Geste durchscheint: Die Lesenden werden auf sich selbst verwiesen, auf ihre schon längst vollzogene Identifikation, wenn etwas scheinbar Verständliches oder Gutes zitiert wird, wovon sich für fast alle etwas finden lässt, weil die Bandbreite sehr groß ist. Sie werden aber auch auf die Unverfügbarkeit verwiesen, darauf, dass sie die Vielfalt des Zitierten nicht erfassen können, und sei es nur, weil sie nicht das lateinische Motto verstehen können. Die Kritik eines „schon längst“ und „noch lange nicht“ wird den Lesenden vorgehalten, während die Kanons und die Traditionen umarmt und für die Lesenden geöffnet werden.

Irritierend ist dabei, dass „Tradition“ keine Praxis bezeichnet, sondern ausschließlich Text. Konzepte wie „Weihnachten“ spielen keine Rolle, nicht einmal Kaffeehäuser, Theater oder sonstige Orte, in die die Literatur als Aktion eingeschrieben ist. Konsequenterweise bleibt das Buch in diesem Sinne ohne Punkt, ohne Kern, ohne Aufruf. Der Titel geht ehrlich damit um: Es geht eben nur um Gänge um das Füllhorn, wobei sowohl tendenziell epikureischer Spaziergang wie romantische Gräkophilie (Des Knaben Wunderhorn von Clemens Brentano und Achim von Arnim klingt an) Traditionen sind, die vielleicht noch nicht vergessen, aber selten sind. Ob man sich ihnen für den Moment der Lektüre hingeben möchte, muss man mit sich selbst ausmachen.

Dabei wird keinem Streben nach Authentizität durch das Aufrufen vermeintlich apokrypher Namen die Hand gereicht; die Abgrenzung, die im Postulieren eines Kanons liegt, wird kritisiert, aber nicht so stark angegriffen, dass sich der Eindruck heimlicher Bewunderung einschliche. Damit ist Tradition vielleicht nicht das interessanteste Buch aus der Reihe „Edition Poeticon“, aber sicherlich nicht das unsympathischste. Dieses kleine Einmaleins der Intertextualitätstheorie kann gerne Tradition werden – die Frage wäre dann nur, ob der Begriff „Tradition“ sich überhaupt noch zur Beschreibung von Traditionen eignet. Schon hier scheint es sich eher um einen kleinen Streifzug durch Tobias Roths Privatbibliothek zu handeln, als um das Nachzeichnen kollektiver, historisch situierter Handlungsmuster.  (Tim König)

 

Tobias Roth: Tradition. Gänge um das Füllhorn. Hrsg. v. Asmust Trautsch. Verlagshaus Berlin 2013 (= Edition Poeticon 4). 7,90€

 

Swantje Lichtenstein Geschlecht.jpg#3 – Geschlecht.

„ … gelingen Lichtenstein sprachliche Konstrukte, die man nur als frei beschreiben kann.“ – So beschreibt Jan Kuhlbrodt im ersten Band auf Seite 41 der hier diskutierten Reihe die Lyrik Swantje Lichtensteins. Die Beschreibung trifft auch auf ihren essayistischen Stil zu, der verspielt und leichtfüßig mit Idiomen und Verwechslungen experimentiert. Sie greift dabei auf einen großen Fundus philosophischer Verweise zurück, aber auch auf Filme, dumme Sprüche, kluge Sprichwörter, Lyrik, mittelhochdeutsche Wörterbücher, kurz alles, was das Sprechen über Geschlecht in der Gegenwart beeinflussen kann, von der Etymologie bis zum Rechtschreibfehler.

Das klingt als Ausgangslage gut, kann aber verletzen. Sowohl Freiheitsbegriff wie Spielbegriff zeigen die Problematik auf: Jemand, der sich mit seinem Geschlecht unbewusst identifiziert, der es ist und nicht ablegen kann, eine Person, die nicht am Spiel teilnehmen kann und sich nicht von Fremdzuschreibungen und Erziehung frei machen kann, solche Menschen werden ignoriert. Das ist fatal, weil man diejenigen, die aus der Form herausfallen und daher umso grässlicher in die Form zurückgedrückt werden, ignoriert oder ihnen sogar ihre Verletzlichkeit vorführt. Aber auch Diskriminierung und Unterdrückung werden nur ihrem Konzept nach angefochten, nicht in ihrem Geschehnis: Dass aber Diskriminierung und Unterdrückung schlecht sind, das muss einem nicht gezeigt werden. Aber was ist das Spiel, das Lichtenstein spielt – und ist es wirklich hermetisch?

Der Untertitel von Geschlecht lautet Schlagen vom Schlage des Gedichts, was (Spiel-)Züge in drei Richtungen anbietet: Man könne mit Gedichten lernen, sich zu wehren, zurückzuschlagen. Man könne das Schlagen der Gedichte erkennen und sich damit, da es letztlich nur um schlagende Wörter geht, immunisieren. Man könne den Schlag, archaistisches Synonym für die Art und Weise, vielleicht auch in der Nähe des Konzepts „Diskurs“, von dessen Schlag man sein kann, verändern, zum Guten wenden. Das Motto kündet im enzyklopädischen Stil davon, dass ein lyrisches Ich keine „[POETRY]“ mag, sich in der Poesie aber „a place for the genuine“ entdecken ließe. (S. 5) Das Geniale des Gedichts, wie später mit Benjamin ausgeführt wird, wäre, dass es geschlechtslos ist (S. 11) und sich auch nicht vereinnahmen ließe: „Das Gedicht schlägt aus dem Geschlecht.“ (S. 7)

Wenn dann zum Ende des Bandes hin in „Sechs steilen Thesen zum Gedicht“ behauptet wird: „6. Das Gedicht ist geschlechtlich.“(S. 40), ist das eine freiheitliche Geste der Ironie, den theoretischen Aktivismus durchkreuzend und verneinend. Der Eindruck von Willkür, der aus den formalen Spielereien entstehen kann, lässt sich indes beim Lesen kaum vermeiden. Die Aufzählung, die nichts aufzählt, weil ihre Verweise dunkel sind und sich fast ausschließlich von Reimen (auch unreinen Reimen) und Assonanzen leiten lassen, kann dafür Pate stehen: Es geht in Geschlecht nicht um Relationen und Verhältnisse von sozialen Ordnungen zur Sprache, sondern um Beziehungen von Worten zu Wörtern.

Der Essay ist nicht für alle verschlossen: Wer in einer Welt lebt, in der das vokabularische Spielen mit Geschlechtern natürlich ist, kann hier witzige und weitreichende Inspirationen gewinnen. Wer nicht von vornherein die Dynamik von Geschlechtern akzeptiert – oder akzeptieren kann –, wird von dem Band vorgeführt, das lockere und leichte Spiel wird zum zynischen Witz. Dass in dieser Einstellung das Gedicht glorifiziert und eine irritierende Art postmoderner Genieästhetik eingeführt wird, kann aber nur als Rückschlag gesehen werden. Auf eine gewisse Weise ist das Buch Geschlecht in seiner konservativen Beweglichkeit ein künstlerisches Pendant zur Homo-Ehe. (Tim König)

 

Swantje Lichtenstein: Geschlecht. Schlagen vom Schlage des Gedichtes. Hrsg. v. Asmus Trautsch. Verlagshaus Berlin 2013 (= Edition Poeticon 3). 7,90€

 

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Wenn Kuhlbrodt und Trautsch dem ersten Band der Reihe den Titel „Geschichte“ geben, benutzen sie eine Technik, die von Rüdiger Zymner zum charakterisierenden Gattungsmerkmal der Lyrik stilisiert wird, nämlich das „semantische Befremden“, das sich einschleicht, wenn die historische Bezogenheit von Lyrik mit dem Synonym von „Narrativ“ beschrieben wird: „Geschichte“. Und dass dann auf fünfundvierzig Seiten kondensiert ein breites Feld von subjektivster Lebensgeschichte bis abstraktester Geschichtlichkeit geöffnet wird, ist ein Kunststück. Das präsentierte Bild der (historischen) Geschichte als Kaleidoskop von Verweisen geht auf. Dass dieses Bild, eher Musikvideo als Gemälde, funktioniert, liegt auch an Kuhlbrodts Stil, der locker und nüchtern bleibt, sich weder in verbissener Fachlichkeit noch in überladener Expressivität verliert.

Obwohl Jan Kuhlbrodt beide Register zur Verfügung stehen. 1966 geboren, hat er in Frankfurt am Main Philosophie studiert, in Leipzig am Deutschen Literaturinstitut. Spätestens seit Beginn des letzten Jahrzehnts kann man ihn aber vor allem als Essayisten, Kritiker und äußerst reflektierten Lyriker kennen; auch sein kürzlich im Verlagshaus Berlin erschienenes Kaiseralbum läuft in der Reihe „Belletristik“, besteht aber aus Gedichten, die von langen Fußnoten und ironischen Illustrationen begleitet werden. Seine Tätigkeit als ehemaliger Autor und Geschäftsführer der Edit spielt allerdings auch hinein: Nicht nur die Reihe Edition Poeticon selbst, sondern auch Kuhlbrodt stellt vor, bezieht sich und reagiert auf das „who‘s who“ der avancierten Gegenwartslyrik.

Umgewendet kann man aber auch sagen, dass er es erfindet: Das Kollektiv entsteht als Fiktion zwischen einem Publizieren in Reihen, den Fußnoten und analysierten Zitaten. Man kann auch eine geschickte Praxis der Affirmation aus Geschichte herauslesen. Dabei beginnt der Fließtext sehr distanziert mit einem Versuch, Zeit zu fassen. Auf den ersten vier Seiten von Wilhelm von Ockham über Heiner Müller und Wladimir Majakowski zu Jakob Taubes springend, arbeitet er ein Bild der Zeit heraus, das in Geschichtlichkeit mündet – trotz alltagssprachlichen Einsprengseln bleibt das sehr analytisch, benutzt die aufgerufenen Namen aber nicht als Scheinbeleg für Plausibilität und Tiefsinnigkeit, sondern zieht einzelne Punkte heraus, die ohne Vorwissen verstanden werden können. Mit diesen fügt er das gut lesbare Bild einer Idee zusammen, die Geschichte in ihrer Zeitlichkeit sieht, ihre Aufteilung in Epochen, Abschnitte, Einheiten vermeidet, um eine Vereinnahmung der Geschichte durch das Subjekt zu entgehen: „Nach wie vor interessiert mich das Episodische, das Große und seine Konstruktion, wenn ich mich auch nicht mehr mit dem Privileg eines Verstehenden ausgestattet sehe.“ (S. 16)

Der Ton bleibt dennoch subjektiv – und deshalb wird die Geschichte auch nicht okkupiert, sondern in Bezüge gesetzt, vor denen Lesende entscheiden können, ob sie folgen möchten oder nicht. Das Literaturverzeichnis, wie in jedem Band ausgiebig und genau, gibt mehr als genug Hinweise. Manchmal scheint das weniger notwendig, etwa, wenn ein Zitat des Religionssoziologen Jakob Taubes mit „Das kann man nicht besser sagen“ als allgemein wertvoll quittiert wird, obwohl das Zitat selbst von „dem Menschen“ spricht, dessen Freiheit sich aus Antworten ergibt, die er „dem Wort Gottes“ entgegenstellt. (S. 9)

Bei den Einblicken in russische Lyrik , die sich aus der persönlichen Geschichte Kuhlbrodts ergeben, in der DDR aufgewachsen zu sein, scheint das vielleicht nicht notwendig, aber lohnenswert; zumal die zitierten Texte spannend und nicht sonderlich populär sind. Relevant wird das Nachschlagen erst beim Enden des Buches: Kuhlbrodt ordnet sich zwischen zeitgenössischen LyrikerInnen ein, deren zitierte und in Bezug zur Geschichtlichkeit analysierten Texte nicht zum Erfassen einer Struktur ausreichen. Da diese aber auch, wie Tobias Roth und Swantje Lichtenstein, in der Reihe „Edition Poeticon“ erscheinen, kann das als nicht unkluge Werbemaßnahme verstanden werden.

Einzig schade ist, dass die Hinweise, obwohl in einem guten Verhältnis zur eigentlichen Argumentation, zu viele sind; damit wird dann doch wieder provoziert, dass die mangelnde (Frei-)Zeit von der Geschichtsreflexion abhält. Eben weil man Kuhlbrodt so gut zustimmen kann, wenn er sagt: „Lektüren ziehen Lektüren nach sich“ (S. 32). Dass dies schrecklich ist, kann man dem Text aber wohl kaum zur Last legen. (Tim König)

 

Jan Kuhlbrodt: Geschichte. Kein Weg, nur Gehen. Hrsg. v. Asmus Trautsch. Verlagshaus Berlin 2013 (= Edition Poeticon 1). 7,90€

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