heft 8. frühjahr 2017

You know the place where nothing is real
 Well here's another place you can go. [1]

Liebe Lesende,

die scheinbar willkürliche Heftzählung und zufällige Farbwahl sind fast zu einem Running Gag in der noch kurzen Geschichte der Editorials der anwesenheitsnotiz geworden. Die wilde Mischung aus Fachrichtungen und Ansätzen, die flexiblen Rollen innerhalb unserer Redaktion und die lose Vernetzung mit ähnlichen studentischen Projekten folgt weder einer Programmatik noch einer linearen Abfolge und ist nicht nur Witz und Beliebigkeit, Verwirrung um der Verwirrung willen.

Ohne, dass wir diese Ressourcen von uns weisen wollen würden: Wer genau hinschaut, wird die kleine Rebellion auf manchen Seiten entdecken, zwischen den Zeilen, hinter den Fußnoten, unter den Titeln. Elisabeth Rädler hat das Konzept der kleinen Rebellion nicht nur in einer Bachelorarbeit ausgearbeitet, sondern auch das Layout unseres Heftes aktualisiert – und darf neben Melanie Schröder und Mara Ruwe als neues Redaktionsmitglied begrüßt werden. Neu ist ebenfalls, dass sich in diesem Heft keine generischen Maskulina finden lassen; welche alternativen Schreibweisen benutzt werden, blieb den jeweiligen Autor*innen überlassen, damit nicht nivelliert wird, was individuell bestimmt wird: Die (hier textuelle) Inszenierung von Geschlechtern.

Doch zurück zum Ort hinter dem Ort, an dem nichts real ist: Hier versammeln sich Hausarbeiten, dieses Mal im Gewand eines weißen Albums. Eine Seriennummer wie beim ‚originalen‘ Weißen Album fehlt allerdings, dafür hinterfragen wir zu gerne abstrakte Ordnungen, Kategorisierungen, Wissensmodelle und Aufzählungen. Also Zeichen und Techniken, die das bestimmen, was oft genug in Begriffen eines Realitätsglaubens gefasst wird: Präsens Indikativ des Verbs ‚sein‘ (gerne kombiniert mit ‚eben‘ und ‚einfach‘): Das Weiße Album ist einfach das neunte Studio-Album der Beatles. Dies hier ist eben das neunte Heft der anwesenheitsnotiz. So.

Oder so ähnlich. Wer mehr wissen will, schaue ins Editorial des letzten Heftes auf unserer Website. Oder frage sich, ob die Magical Mystery Tour als LP gezählt werden sollte. Man sollte aber auch gut googeln können, denn die Maschine zwingt oft genug zur „abwesenheitsnotiz“, wenn die „anwesenheitsnotiz“ gesucht wurde. Ansonsten sind ab Mai auch die aktuellen Texte von uns online. An eben jenem unwirklichen Ort haben wir neuerdings auch eine Crowdmap erstellt, in der uns ähnliche Projekte gelistet werden – und bitte gerne ergänzt werden können, wenn euer liebstes (bzw. zweitliebstes) Studi-Magazin noch nicht verortet sein sollte. Entsprechend fortgesetzt haben wir auch unsere Feature-Reihe, in der sich in diesem Heft die Philosoph*innen von Cogito vorstellen und Näheres zur Crowdmap zu finden ist.

Aber auch sonst freuen wir uns über eure Beteiligung an dem Projekt – ob als Beiträger*innen und Mitarbeiter*innen für das nächste Heft, Kommentator*innen in sozialen Netzwerken oder finanzielle Unterstützer*innen. Schreibt uns einfach an anwesenheitsnotizen@gmail.com

Wir freuen uns auf eure Rückmeldungen und wünschen viel Spaß beim Lesen dieser Ausgabe!

Die Redaktion

[1] The Beatles: „Glass Onion” In: Dies.: THE BEATLES. Audio-CD. Parlophone/ Apple [1968]. CD1, TC00:06:46-00:06:53.

Impressum

Redaktion & Herausgeber*innen: Tim König – Lektorat, Rubriken, Finanzierung; Matthias Lüthjohann – Lektorat; Elisabeth Rädler – Illustrationen, Layout; Mara Ruwe – Lektorat; Claire Schmartz – Korrektur, Rubriken, Website; Melanie Schröder – Lektorat, Rubriken; Lina Mareike Zopfs– Lektorat, Korrektur, Rubriken

Qualitätsbeirat: Andrea Polaschegg; Andreas Ruwe; Julia Mierbach; Carolin Kerberg; Michaela Hartl; Nadja Ben Khelifa; Marie-Irène Igelmann

Druck: Sowadruck, Piaseczno

Redaktionssitz: Freie Universität Berlin
Ernst-Reuter-Gesellschaft e.V.
Kapitel Anwesenheitsnotizen
Kaiserwerther Straße 16-18
14195 Berlin

Inhaltliches Vorwort

Elisabeth Rädler: Die kleine Rebellion

Als Abschlussarbeit im Bachelorstudiengang Kommunikationsdesign verbindet »Die kleine Rebellion« von Elisabeth Rädler eine philosophische Analyse des Kreativitäts-Dispositivs in Geschichte und Populärkultur mit dem praktischen Anliegen, der Diagnose ein künstlerisches Konzept gegenüberzustellen. Dabei wird die Linie zwischen Abstraktion und technischer Umsetzung, von Hannah Arendt bis zum Sounddesign eines Augenzwinkerns, konsequent verfolgt. So konsequent, dass die kleine Rebellion sich auch visuell in unser Heft eingeschlichen hat.

  Angie Martiens: Man sieht einen Menschen vor sich stehen, und dann ist er plötzlich eine Frau. Gender Trouble in Elfriede Jelineks Gier.

In ihrer Lektüre von Elfriede Jelineks Roman Gier richtet Angie Martiens den literaturwissenschaftlichen Blick auf die Konstruktionsprozesse von Körperlichkeit und ihrer konstitutiven geschlechtlichen Dimension. Ausgehend von Judith Butlers Theorie zur performativen Hervorbringung von gender durch sprachliche Akte der Benennung und Praktiken der Narrativierung von Geschlechtsidentität konzentriert sich Martiens insbesondere auf die unterschiedliche Verteilung der Kohärenz dieser erzählten Identitäten: Wer unter welchen Umständen als Subjekt erscheint, ist immer an die Machtstrukturen des Geschlechterverhältnisses gebunden. Jelineks Erzählstrategie, so Martiens‘ These, ermöglicht dabei besonders durch die Vielstimmigkeit des Textes eine Form der Wahrnehmung, die es erlaubt diese Prozesse der Vergeschlechtlichung selbst zu thematisieren.

Bendix Sautmann: Ich will kein Plakat sein, ich will ein Mensch sein … Die Objektifizierungsmechanismen des Kosmetikkosmos‘ in Vicki Baums Pariser Platz 13.

Bendix Sautmann analysiert in dem Theaterstück Pariser Platz 13 von Vicki Baum die Objektifizierung von Frauen in der Kosmetikindustrie der zwanziger Jahre. Weibliche Schönheit, die mit vielerlei zum Teil schmerzhaften kosmetischen Behandlungen hervorgebracht werden sollte, sowie der männliche Blick auf eben diese, stehen bei seiner Arbeit im Mittelpunkt. Obwohl sich selbst Baum diesem Schönheitsideal angepasst hat, finden sich in ihrer Komödie zahlreiche kritische Anmerkungen zu dieser kosmetischen Propaganda. Sautmann beschreibt einen »Sexismus nach heimlichem Lehrplan«, in dem Frauen immer Objekte und niemals Subjekte werden. Eine Studie zur Neuen Frau der zwanziger Jahre – Zerrieben zwischen Emanzipation und objektifiziertem Produkt.

 Lukas Nils Regeler: »Verrückte sehen Feuerschlünde« – Die Pinge als Seeleneingang in E. T. A. Hoffmanns Erzählung Die Bergwerke zu Falun.

In seiner wissenspoetologischen Untersuchung verortet Lukas Nils Regeler die Erzählung Die Bergwerke zu Falun E. T. A. Hoffmanns zwischen mythischen und (montan-)geologischen Wissensbeständen. Die meist als schauerliches Negativ zu romantischen Ideen gelesene Erzählung wird damit nicht nur als Zirkulation beweglicher Wissensmodelle um 1800 lesbar, sondern auch als Liebesgeschichte, die nicht zuletzt in historischen Begriffen des Wissens und der Erkenntnis ausgetragen wird.

Elena Radwan: Place and Ecological Disaster in Animal’s People.

In ihrem kurzen Essay diskutiert Elena Radwan den Zusammenhang zwischen Globalisierung und Umweltkatastrophen mithilfe der Analyse von Indra Sinhas Novelle Animal’s People, in welcher die Auswirkungen eines industriellen Chemieunfalls thematisiert werden. Radwan zeigt auf, dass, obwohl von einer globalen Klimakrise gesprochen wird, bestimmte Orte und Länder aufgrund von neokolonialen Machtstrukturen Umweltkatastrophen öfters und vorrangig ausgesetzt sind.

Jeanette Hermeler: Die Angst vor Überfremdung durch Asylbewerber – Eine neue Situation in Deutschland?

Der Sommer der Migration 2015 ist nach anderthalb Jahren fast aus dem Fokus der medialen Öffentlichkeit gewichen; am Lehrstuhl für Bayerische und Schwäbische Landesgeschichte der Universität Augsburg hatte Jeanette Hermeler die historische Dynamik der Berichterstattung in Asyldiskursen verfolgt. Als Kontrast zur nichtsdestoweniger aktuellen Situation dienten ihr Zahlen und Berichte aus den Jahren 1991 bis 1993. Sie diskutiert damit die Singularität nicht nur globaler Bewegungsmuster, sondern auch diskriminierender Vorgänge in Bild, Wort und Tat.

Elinor Haftel: The Revival of the Hebrew Language From »sleeping« to »wake« mode and what we can learn from it as linguists.

Ausgehend von einer persönlichen Erfahrung, untersucht Elinor Haftel in The Revival of the Hebrew Language die beispiellose Entwicklung des modernen Hebräisch. Es gilt als das Ergebnis des einzig bekannten erfolgreichen Versuchs der „Wiederbelebung“ einer Sprache. Haftel konzentriert sich zunächst auf die Faktoren, die eine als „lebendig“ zu bezeichnende Sprache kennzeichnen. Darauf aufbauend legt sie dar, wie das moderne Hebräisch diese ineinandergreifenden Faktoren in vier Stadien erfüllte. Haftel urteilt abschließend, dass eine Wiederholung des Vorgangs unwahrscheinlich sei, da der Faktor Zufall die Bedeutung der aktiven Anstrengungen zur „Wiederbelebung“ überwog.